Spannungen in Tigray: Kippt Äthiopiens Frieden mit Eritrea?
24. Februar 2026
Ein Gefühl der Beklemmung ist in der äthiopischen Region Tigray dieser Tage nicht zu übersehen. Auch wenn die Kämpfe zwischen der nationalen Armee und der Tigray People's Liberation Front (TPLF) nach einem Friedensabkommen von Pretoria aus dem Jahr 2022 ruhen, beschreiben viele in Tigray das Leben als täglichen Drahtseilakt.
Die TPLF, einst die vorherrschende Partei in der äthiopischen Regierungskoalition (EPRDF) und politische Konstante in der Region, hat sich in rivalisierende Fraktionen aufgespalten, die um Einfluss kämpfen, so dass die Einwohner oft nicht wissen, wer wirklich für sie spricht. Die politische Spaltung hat ein Vakuum geschaffen.
Unterdessen wirft die äthiopische Regierung Eritrea vor, die TPLF zu unterstützen, was TPLF und Eritreas Regierung in Asmara bestreiten. Doch unter den Tigrern herrscht das Gefühl, dass die Gespenster des Krieges nicht verschwunden sind.
Mehrere Nachrichtenagenturen berichten übereinstimmend, dass äthiopische Regierungssoldaten und tigrische Kämpfer entlang der Tausend-Kilometer-Grenze der Region zu Eritrea stationiert seien. "Die Situation ist beängstigend", sagt Mustafa Abdu, Rechtsexperte und politischer Analyst in Tigrays Hauptstadt Mekelle. "Die Armee ist an allen Grenzen stationiert. Es gibt also Anzeichen dafür, dass [dieser Krieg] unvermeidlich ist", sagt Abdu der DW und fügt hinzu, dass die Bundesregierung laut dem Abkommen von Pretoria für den Schutz der Grenzen verantwortlich sei.
Die drohende Kriegsgefahr hat die Preise in Tigray in die Höhe schnellen lassen. "Vor Kurzem kostete ein Liter Benzin 220 äthiopische Birr (1,20 Euro). Aber mit der zunehmenden Spannung des Krieges steigt der Preis seitdem jeden Tag um 50, 60, 70 Birr mehr", sagt Gebre Tsadiq Abraha, ein Taxifahrer in Mekelle, der DW. Die Situation zwingt die Bewohner, drastische Maßnahmen zu ergreifen.
"Die Menschen sind gezwungen, nicht nur Treibstoff, sondern auch Lebensmittel und andere lebenswichtige Güter zu horten", sagt Nathaniel Tekleberhan, ein Einwohner von Mekelle. "Wer an chronischen Krankheiten wie Diabetes leidet, ist gezwungen, Medikamente in großen Mengen zu kaufen und zu lagern. Das liegt auch an der Erfahrung, dass im letzten Krieg viele Menschen wegen fehlender Medikamente ums Leben gekommen sind."
"Die Menschen in Tigray sind in großer Not", sagt Rechtsexperte Abdu. "Der Krieg hat sie schwer getroffen. Sie haben ihren Schmerz noch nicht überwunden." Er fügt hinzu, dass in Tigray zurzeit keine Märkte stattfänden und die Banken leer seien. Anfang vergangener Woche rief der UN-Menschenrechtsbeauftragte Volker Türk alle Konfliktparteien dringend zur "Deeskalation" auf. "Politischer Dialog und vertrauensbildende Maßnahmen sind dringend notwendig, nicht ein erneuter Rückgriff auf bewaffnete Gewalt", so Türk.
Journalisten wird der Zugang verweigert
Unterdessen hat sich auch für Journalisten die Lage deutlich erschwert. Am Donnerstag wurde einem AFP-Journalisten der Zutritt zu einem Flug nach Tigray verweigert. Die Flughafenbehörden erklärten, der akkreditierte Reporter habe keine Genehmigung des Außenministeriums gehabt. "Dies ist eine neue Vorschrift, die heute oder gestern in Kraft getreten ist", erfuhr er vom Sicherheitspersonal am Flughafen Addis Abeba - ohne Vorlage von Beweisen.
Im Dezember 2025 belegte die äthiopische Medienbehörde zwei DW-Korrespondenten mit einem Berufsverbot und beschuldigte sie der "fortgesetzten Nichteinhaltung der äthiopischen Gesetze und der Berufsethik". Trotz wiederholter Anfragen der DW konnte die äthiopische Medienaufsicht keine Beschwerden über die Berichterstattung der Journalisten vorlegen.
Äthiopien weigerte sich auch, die Akkreditierung von drei Reuters-Journalisten zu erneuern, nachdem die Nachrichtenagentur vor Kurzem einen Bericht veröffentlicht hatte, in dem eine angebliche Ausbildungsbasis der sudanesischen Rapid Support Forces (RSF) in Äthiopien aufgedeckt wurde. Auch die Verlängerung der Akkreditierung von BBC-Korrespondenten wurde abgelehnt, wie AFP berichtet.
Nach Angaben von Reporter ohne Grenzen liegt Äthiopien in seinem Index der Pressefreiheit 2025 auf Platz 145 von 180 Ländern, derzeit sind fünf Journalisten in Haft. Schon während des Krieges in Tigray zwischen 2020 und 2022 war der Zugang zur Frontlinie für lokale und internationale Reporter stark eingeschränkt.
Die maritimen Ambitionen Äthiopiens
All dies geschieht vor dem Hintergrund zunehmender Spannungen mit dem Nachbarland Eritrea. Die wiederholten Forderungen von Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed nach einem Seezugang für Äthiopien haben dort Unruhe ausgelöst, da viele befürchten, dass dies zu neuen Spannungen führen könnte. "Dieses Jahr erwarten wir ein Wachstum von 10,2 Prozent", sagte Abiy vergangene Woche vor Reportern bei einem Pressetermin an der Seite des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der in Addis Abeba zu Gast war.
"Aber die Kontinuität dieses Wachstums kann nicht gewährleistet werden, wenn einem Land mit mehr als 130 Millionen Einwohnern der Zugang zum Meer verwehrt wird", erklärte Abiy. "Ungeachtet der Erfahrungen und globalen Trends und aufgrund der langjährigen Verschwörung unserer Feinde ist Äthiopien zu einem geografischen Gefangenen geworden, und das ist nicht richtig", so der Premierminister.
Für eine kurze Zeit nach 2018 entspannten sich die Beziehungen zwischen Äthiopien und Eritrea. Doch spätestens seit 2023 ist es mit dem Optimismus vorbei. Eritrea hat eine landesweite militärische Mobilisierung durchgeführt, während Äthiopien Truppen an die Grenze verlegt hat. Die Zivilbevölkerung auf beiden Seiten lebt nun in der Angst, dass sich die Truppenbewegungen am Horn von Afrika zu etwas viel Schlimmerem entwickeln könnten.
Addis Abeba wirft Asmara außerdem vor, die Fano-Rebellen in der äthiopischen Region Amhara zu unterstützen. Eritrea beharrt seinerseits darauf, die Anschuldigungen seien unbegründet. Die Eritreer verteidigen Port Assab - nur 75 Kilometer von der äthiopischen Grenze entfernt - und sehen jede Diskussion über einen äthiopischen Zugang als eine Bedrohung ihrer hart erkämpften Souveränität.
Martin Plaut, ein Journalist und Analyst, der sich auf das Horn von Afrika spezialisiert hat, sagt, dass der äthiopische Regierungschef Abiy die Forderung nach einem Zugang zum Meer nutzen könnte, um von anderen dringenden internen Problemen abzulenken. "Er hat einen Konflikt mit der Volksgruppe der Oromo, er hat einen Konflikt mit der Volksgruppe der Amharen, er hat einen Konflikt mit den Tigrern", so Plaut gegenüber der DW: "Es ist also immer nützlich, ein ausländisches Thema zu haben, auf das man zeigen kann, so wie es Präsident Trump mit Grönland getan hat. Aber das heißt nicht, dass Sie das Recht haben, es sich zu nehmen."
2019 gab es noch den Friedensnobelpreis für Abiy
Eritrea kämpfte von 1961 bis 1991 gegen Äthiopien in einem Krieg um seine Unabhängigkeit. Ein weiterer Krieg zwischen den beiden Ländern fand zwischen 1998 und 2000 wegen eines Grenzkonflikts statt. 2018 unterzeichneten Abiy Ahmed und der eritreische Präsident Isayas Afewerki ein Friedensabkommen, das zur Wiedereröffnung der Grenze führte und Abiy den Friedensnobelpreis 2019 einbrachte.
Abiy behauptet, dass Äthiopien den Zugang zum Meer auf friedlichem Wege suchen werde. Die Regierung Eritreas bleibt jedoch skeptisch, was die wahren Absichten Addis Abebas betrifft. Und in den Gemeinden entlang der Grenze heißt es: Abwarten und Hoffen, dass die Diplomatie dieses Mal die Oberhand gewinnt und die fragile Ruhe um sie herum nicht zerbricht.
Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert.