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PolitikÄthiopien

Äthiopien wählt Abiy Ahmed: Nobelpreisträger und Kriegsherr

Cai Nebe
22. Juni 2026

Abiy Ahmed kann nach dem Wahlsieg seiner Partei als Äthiopiens Ministerpräsident weitermachen. Seit seinem Amtsantritt im Jahr 2018 hat er sowohl überzeugte Anhänger als auch scharfe Kritiker auf den Plan gerufen.

Eine Frau läuft an einem Wandbild von Premierminister Abiy Ahmed vorbei
Heimspiel: In Agaro in der Region Oromia, im Wahlkreis von Abiy Ahmed, wurde mit diesem Wandgemälde zu seiner Wiederwahl aufgerufenBild: Marco Simoncelli/AFP

Abiy Ahmed regiert Äthiopien weiter: Drei Wochen nach der Parlamentswahl erklärte die Wahlkommission des ostafrikanischen Landes Abiys Wohlstands-Partei PP am Sonntag zum klaren Sieger. Nach der Auszählung aller Stimmen sicherte sich die PP demnach 438 - also rund 90 Prozent - der insgesamt 486 Sitze im Parlament in Addis Abeba. Das Ergebnis war zu erwarten, zumal in vielen Hochburgen der Opposition in Tigray und Amhara wegen der unsicheren Lage im Norden des Landes nicht gewählt wurde.

Abiy trat 2018 als junger, dynamischer Staatsmann Äthiopiens auf die Weltbühne. Doch sein Weg an die Spitze begann schon lange zuvor. 

Äthiopier gingen am 1. Juni zur Wahl - Premierminister Abiy Ahmeds Regierungspartei Prosperity Party gewann erneut die ParlamentswahlenBild: Marco Simoncelli/AFP

In den 1990er Jahren machte er Karriere bei den äthiopischen Streitkräften (ENDF), bevor er den äthiopischen Cyber-Nachrichtendienst INSA leitete. Als Politiker wurde er erstmals 2010 landesweit bekannt, als er innerhalb der Oromo People's Democratic Organization (OPDO) aufstieg. Im Jahr 2018 änderte die Partei ihren Namen in Oromo Democratic Party (ODP).

Er wurde in das Repräsentantenhaus gewählt und 2016 zum Bundesminister für Wissenschaft und Technologie ernannt. Kurzzeitig kehrte er in seine Heimatprovinz Oromia zurück, um als Leiter des OPDO-Sekretariats zu fungieren. 2018 übernahm Abiy schließlich die Führung der regierenden Vier-Parteien-Koalition, der Äthiopischen Revolutionären Demokratischen Volksfront (EPRDF).

Abiy gewinnt Friedensnobelpreis

Abiy wurde 1976 im Westen Äthiopiens als Sohn eines muslimischen Vaters aus der Gruppe der Oromo und einer christlichen Mutter, einer Amhara, geboren. Sein Aufstieg an die Regierungsspitze signalisierte einen Wandel in der äthiopischen Politik, denn obwohl die Oromo etwa ein Drittel der äthiopischen Bevölkerung ausmachen, dominierten die Tigray politisch das Land.

Die Tigray People's Liberation Front (TPLF), die dominierende Partei innerhalb der EPRDF, hatte seit dem Sturz des von Mengistu Haile Mariam geführten Militärregimes im Jahr 1991 bis zu diesem Zeitpunkt erheblichen Einfluss auf das politische und wirtschaftliche Geschehen in Äthiopien ausgeübt. Die TPLF kontrollierte zudem die äthiopischen Streitkräfte und die Geheimdienste.

Kurzer Moment der Eintracht am Horn: Abiy Ahmed 2018 mit den Präsidenten von Somalia, Mohamed Abdullahi Mohamed, und Eritrea, Isaias Afwerki. In der Zwischenzeit ist Mohamed abgetreten - und Afwerki aus äthiopischer Sicht wieder ein Gegner.Bild: Eduardo Soteras/AFP/Getty Images

Doch es waren Abiys politische Annäherungsversuche an das Nachbarland Eritrea, die ihm internationale Aufmerksamkeit brachten. Äthiopien hatte mit Eritrea zwischen 1998 und 2000 einen blutigen Krieg geführt, bei dem mehr als 80.000 Menschen getötet wurden.

Abiy leitete umfassende Reformen ein und versprach, die Entscheidung einer Grenzkommission über einen neuen, verbindlichen Grenzverlauf beider Länder zu akzeptieren. Demnach zählt die Grenzstadt Badme zu Eritrea. Frühere äthiopische Regierungen hatten sich geweigert, das Urteil umzusetzen. Flug- und Telefonverbindungen wurden hergestellt, und die beiden Nationen eröffneten ihre Botschaften wieder.

Der eritreische Staatschef Isaias Afwerki und sein Amtskollege Abiy unterstrichen ihre "Freundschaft" durch gegenseitige Besuche in den jeweiligen Hauptstädten. Für die Aussöhnung erhielt Abiy Ahmed 2019 den Friedensnobelpreis.

Auch sein Wirken im Inland fand Beachtung. Politische Gefangene wurden freigelassen, Parteienverbote aufgehoben, die politische Teilhabe von Frauen gefördert und repressive Gesetze geändert. Abiy erhielt in westlichen Kreisen als neue Hoffnung für das Horn von Afrika große Anerkennung.

Neue Partei unter Abiys Führung - und ein neuer Krieg

2019 gründete Abiy die Prosperity Party, einen Zusammenschluss von neun Parteien, um die Interessen der verschiedenen ethnischen Gruppen Äthiopiens zu bündeln. Einige Beobachter sind jedoch der Ansicht, dass damit die politische Macht der TPLF geschwächt werden sollte. Die TPLF betrachteten den Zusammenschluss als unrechtmäßig und zog ihre Mitarbeiter und Ressourcen von Addis Abeba nach Mekelle ab, in die Landeshauptstadt Tigrays.

Daraufhin spitzten sich die Spannungen zwischen der Führung von Tigray und der Bundesregierung unter Premierminister Abiy Ahmed zu. Abiy verschob die nationalen Wahlen und Tigray führte im September 2020 eigene Regionalwahlen durch. Doch die Regierung in Addis Abeba lehnte diese eigenmächtigen Schritt ab. Sie erklärte die Abstimmung für illegal und brach mit den Beziehungen zur Regionalverwaltung in Tigray.

Im Tigray-Krieg kamen je nach Quelle zwischen 162.000 und 600.000 Menschen ums LebenBild: Minasse Wondimu Hailu/AA/picture alliance

Im November 2020 ordnete Abiy nach Angriffen der Streitkräfte auf Stützpunkte der Armee in Tigray eine Militäroperation gegen die TPLF an. Später schlossen sich eritreische Soldaten den äthiopischen Truppen im Konflikt an. Es folgte ein verheerender Krieg, der nach Schätzungen Hunderttausende Todesopfer forderte.

Die erbitterten Kämpfe endeten offiziell mit dem Friedensabkommen von Pretoria im November 2022. Dennoch blieb die Umsetzung unvollständig und eritreische Truppen verblieben Berichten zufolge in Teilen von Tigray.

Der Krieg mit Tigray trübte Abiys Ruf als Friedensstifter im Ausland und führte zu einer Einschränkung der individuellen Freiheiten im Inland.  Die Partnerschaft mit Eritrea stieß ebenfalls auf Kritik: Eritreische Soldaten hatten Gräueltaten an Zivilisten aus Tigray begangen - die politischen Spannungen nahmen zu. Seitdem gab es eine Spaltung innerhalb der TPLF, und auch gilt das 2018 begonnene Tauwetter zwischen Äthiopien und Eritrea als beendet. Die Regierungstruppen unter Abiy kämpfen derzeit in der Region Amhara gegen die Fano-Miliz. Ironischerweise hatten genau diese Kämpfer die Truppen der Armee während ihres Krieges gegen die TPLF-Kräfte unterstützt.

Der 2025 eröffnete GERD-Staudamm ist verbunden mit dem Versprechen, das Land zu elektrifizieren und die Wirtschaft anzukurbelnBild: Luis Tato/AFP

Fertigstellung eines Mega-Staudamms 

Doch zugleich hat Äthiopien unter Abiy auch Fortschritte erreicht: Ein wichtiger Meilenstein war die Fertigstellung des Grand Ethiopian Renaissance Dam am Blauen Nil, der sich seit 2011 im Bau befand. Mit Kosten von fünf Milliarden US-Dollar (4,35 Milliarden Euro), die laut Regierung aus inländischen Mitteln finanziert wurden, gilt er als Investition in Äthiopiens Energie- und Wasserversorgungssicherheit sowie in seine regionalen Ambitionen.

Er brachte die Regierung von Abiy Ahmed aber in Konflikt mit ihren flussabwärts gelegenen Nachbarn Sudan und Ägypten. Kairo betrachtet Äthiopiens Staudamm am Nil seit langem als existenzielle Bedrohung. Addis Abeba beschwichtigt - doch ein Abkommen, in dem beide Seiten einen Interessenausgleich vereinbart hätten, kam bislang nicht zustande.

Und in einer anderen geopolitischen Frage hat Abiy mitunter feindseligere Töne angeschlagen: Äthiopien ist das bevölkerungsreichste Land ohne eigenen Meereszugang - und das will Abiy ändern. Mit seinen Ankündigungen hat er das einst zu Äthiopien gehörende Eritrea in Alarmbereitschaft versetzt. Schon vor Abiys Wiederwahl hatte es immer wieder Ängste vor einem neuen Krieg im Norden gegeben - mal in Tigray, mal gegen Eritrea.

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert.

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