Äthiopien wählt - droht ein Flächenbrand am Horn von Afrika?
27. Mai 2026
Wenn am 1. Juni in Äthiopien gewählt wird wird, hoffen Äthiopier auf eine Verbesserung in ihrem Alltag. "Auch wenn ich mit der aktuellen wirtschaftlichen Lage nicht zufrieden bin, glaube ich, dass die regierende Partei "Prosperity" an der Macht bleiben wird", sagt ein 50-jähriger Mann in Addis Abeba der DW.
"Wenn der Frieden ins Land zurückkehrt, könnte es zu einer echten Entwicklung kommen. Das würde das derzeitige Inflationsproblem entschärfen." Auch ein 35-jähriger Wähler setzt Hoffnungen in die demokratischen Wahlen: "Ich hoffe, dass sie Frieden und Stabilität bringen werden", sagt er der DW.
Hoffnung auf Stabilität
"Wahlen sind immer gut", sagt ein 26-Jähriger. "Aber den Problemen der Menschen, die mit Inflation zu kämpfen haben, wird zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt." Als junger Bürger sei er sehr besorgt über die Abwanderung vieler junger Äthiopier in andere Länder, weil es keine Arbeit gebe.
Entgegen alle Hoffnungen der notleidenden Menschen rechnen Experten damit, dass die Lage in einem der einwohnerstärksten Länder Afrikas fragil bleibt. "Die Wahlen in Äthiopien werden eine rein formale Angelegenheit sein, die der Regierung Legitimität verleiht. Es gibt keine Möglichkeit, die Regierung durch die Wahlen zu ändern oder herauszufordern", sagt Kjetil Tronvoll, Friedens- und Konfliktforscher am Oslo New University College. Sie sei eher eine symbolische Übung als ein politischer Wettstreit, schließt er.
Ähnliche Kritik kommt von politischen Parteien: Die Koalition für die Einheit Äthiopiens (CEU) - ein Bündnis aus mehreren Oppositionsparteien - forderte vorab, "den Krieg zu beenden, politische Gefangene freizulassen, den politischen Spielraum zu erweitern und Gespräche mit der echten Opposition und den Eliten als Voraussetzung für die Wahlen zu führen", so sagte es Pressesprecher Getnet Worku gegenüber der DW.
Abraham Getu, Vorsitzender der CEU, betonte, die Umstände der Wahlen würden Ausschlag geben, ob die Koalition im Rennen bleibt oder sich zurückzieht. "Die Entscheidung wird von den aktuellen Gegebenheiten geleitet werden."
Experten: Wahlergebnis steht schon fest
Die Nationale Wahlkommission Äthiopiens (NEBE) hat Zahlen veröffentlicht, die auf den ersten Blick eine intakte Demokratie widerspiegeln: Demnach treten knapp 2.100 Kandidaten für das nationale Parlament an, mehr als 8.000 weitere für die Regionalparlamente. Sie gehen für 47 registrierte politische Parteien, teils auch als unabhängige Kandidaten ins Rennen.
Doch die regierende Prosperity Party hat die besten Startchancen: Sie hält aktuell 457 Parlamentssitze. In mehr als 60 der 547 Wahlkreise für das nationale Parlament stellt sie jetzt den einzigen Kandidaten - und ist als einzige Partei fast flächendeckend im Rennen. (Allein die Partei EZEMA bewirbt sich mit 293 Kandidaten noch auf mehr als die Hälfte der Sitze.)
Experten sind sich einig: In der Tendenz wird das so bleiben. Damit würde auch der Premierminister, der vom neu gebildeten Parlament gewählt wird, der alte sein: "Die Äthiopier werden am 1. Juni Premierminister Abiy Ahmed mit ziemlicher Sicherheit mit einer Mehrheit von über 90 Prozent wiederwählen", sagt der politische Analyst Martin Plaut der DW. "Das hat er beim letzten Mal erreicht, und das wird er auch dieses Mal erreichen."
Auch Plaut sieht die Wahl als eine Form der Legitimation für die Regierung - für die meisten Äthiopier reine Formsache. "Ob dies echte Auswirkungen auf das Leben der einfachen Menschen haben wird, ist unklar. Und ob es dann zu weiteren Unruhen und zu Konflikten entweder mit der nördlichen Region Tigray führen wird oder Premierminister Abiy in die Lage versetzt, einen Krieg mit Eritrea zu beginnen oder sich in weitere Konflikte im Sudan zu verwickeln - das wissen wir einfach nicht."
Premierminister Abiy Ahmed kündigte an, die Wahl signalisiere Stabilität und Fortschritt. Doch der Friedensnobelpreisträger von 2019, damals für demokratische Reformen gewürdigt, steht heute an der Spitze einer Nation, die entlang verschiedener Konfliktlinien tief gespalten ist.
Während sich die Regierung unter Führung seiner Prosperity Party (die 2019 als Nachfolgerin der aufgelösten EPRDF gegründet wurde) auf die bevorstehenden Wahlen vorbereitet, hat Äthiopien mit weit verbreiteten Aufständen und der drohenden Gefahr eines Krieges mit Eritrea zu kämpfen.
Neuer Krieg in Tigray?
Die Bestrebungen der dominierenden Partei TPLF in Äthiopiens Region Tigray, ihre Kontrolle über die Region wiederherzustellen, könnten laut Analysten zu einem erneuten Krieg mit der äthiopischen Bundesregierung führen.
Die Tigray People's Liberation Front (TPLF) stand der Bundesregierung zwischen 2020 und 2022 in einem Bürgerkrieg gegenüber, der mindestens 600.000 Menschenleben forderte und mit einem Friedensvertrag endete. Seither sind kaum politische Fortschritte erzielt worden. Erst vor Kurzem setzte die alte Führungsgarde der TPLF das entmachtete Regionalparlament wieder ein und ernannte TPLF-Führer Debretsion Gebremichael zum Vorsitzenden - ein Machtspiel, das den Frieden bedroht.
Die TPLF regierte Äthiopien drei Jahrzehnte lang, wurde aber 2025 als politische Partei verboten. Premierminister Abiy sieht sich in Tigray einer starken Front gegenüber: Mutmaßlich unterstützen der Nachbar Eritrea und das sudanesische Militär die TPLF. Auch schüren Abiys Forderungen nach einem eigenen Zugang zum Roten Meer die Spannungen mit Eritrea.
Zudem kämpfen Fano-Milizen in der Region Amhara und die Oromo Liberation Army in Oromia gegen die äthiopische Armee. Die Miliz kontrolliert teils wichtige Städte und Straßen der Region Amhara.
"Die Wahlen könnten in bestimmten Regionen des Landes zu lokaler Instabilität führen", sagt Tronvoll. Die Fano-Amhara-Rebellen und Oromia hätten Erklärungen gegen die Durchführung der Wahlen abgegeben. "Daher könnten sie versuchen, den Wahlvorgang in den lokalen Gemeinschaften, in denen sie präsent sind, zu stören oder den Prozess anzugreifen."
"Keine demokratischen Wahlen"
Aufgrund der Feindseligkeiten nimmt Tigray nicht an den Wahlen im Juni teil. Doch wie kann eine "freie und faire" Wahl stattfinden, wenn etwa ein Drittel des Landes unter einer Form der Notstandsherrschaft, der Kontrolle ethnischer Milizen oder einer aktiven politischen Pattsituation mit einer umstrittenen Interimsverwaltung steht?
Die Wahlen sind laut Plaut nicht demokratisch: "Das sind keine echten Wahlen, und nicht als solche zu betrachten." Auch stehe das Land deswegen nicht am Scheideweg. Die Gefahren lägen in der komplexen politischen Situation, die auch nach der Wahl weiterbestehen werde, sagt er mit Blick auf die wachsenden Spannungen zwischen Äthiopien, Eritrea und Sudan.
Die Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) sind Äthiopiens stärkste Verbündete, aber dem Golfstaat wird von UN-Experten und internationalen Beobachtern seit Langem vorgeworfen, die paramilitärische RSF-Miliz im Sudan - die Miliz kämpft gegen die sudanesische Armee - verdeckt mit Waffen, Drohnen und Geld zu beliefern. Das könnte die ganze Region destabilisieren, so Plaut.
Durch seinen politischen Kurs hat Abiy Ahmed seinen Rückhalt in der Volksgruppe Oromo, der größten ethnischen Gruppe Äthiopiens, laut Berichten weitgehend verloren. Abiy stammt aus einer multi-ethnischen Familie: Sein Vater ist Oromo, seine Mutter Amhara. Doch er verlässt sich laut Plaut auf keine Seite: "Er spielt ein Spiel, er weiß es, zu manipulieren."
Nicht nur Oppositionelle werden laut Berichten unterdrückt und verhaftet. Die Regierung greift auch hart gegen Journalisten durch: Im Oktober 2025 wurden zunächst alle neun lokalen Korrespondentinnen und Korrespondenten der DW temporär suspendiert. Im Dezember 2025 durften sieben von ihnen die Arbeit wieder aufnehmen - in den verbleibenden Fällen verschärfte die Behörde die Maßnahme und entzog zwei der DW-Journalisten dauerhaft die Akkreditierung.
In einem laut Tronvoll "explosiven" politischen Klima betrachten die meisten Äthiopier diese Wahlen als "ausgemachte Sache". Er fügt an: "Sie wissen, dass sie die Machtverhältnisse nicht infrage stellen werden. Daher distanzieren sich viele vom Wahlgeschehen."
Mitarbeit: Seyoum Getu Hailu (Addis Abeba)