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100 Jahre Jazz auf Schallplatte

Conny Paul
26. Februar 2017

Seit 1887 gibt es Schallplattenspieler. 1917 wurden damit in New York die ersten Aufnahmen mit einer Dixieland-Band gemacht. Jazz-Experte Bert Noglik über die Bedeutung der Schallplatte für das Genre Jazz.

Original Dixieland Jazz Band
Bild: public domain

Deutsche Welle: Herr Noglik, am 26. Februar 1917, also genau vor 100 Jahren, fanden in New York die ersten Schallplattenaufnahmen mit Jazzmusik statt. Wie kam es denn zu dieser Produktion - damals, Anfang des 20. Jahrhunderts?

Bert Noglik: Die Original Dixieland Jass Band (Anm. der Redaktion: Mitte 1917 wurde die Schreibweise in "Jazz" geändert) kam aus New Orleans und ging nach Chicago. Sie präsentierte dort Jazz aus New Orleans in Gestalt des Dixieland Jazz. So etwas hatte man zuvor noch nicht gehört. Damals war der Ragtime die dominierende Stilfarbe und Dixieland war etwas völlig Neues. Diesen Dixieland wollte man auch in New York hören. Sie bekamen eine Einladung zu einem Engagement im Restaurant "Reisenweber". Das war ein mondänes Restaurant mit einem Nachtclub in Manhattan. Dort trat die Band im Januar 1917 auf. Und bald wurden auch die ersten Plattenfirmen auf sie aufmerksam: "Columbia" klopfte an die Tür und es kam zu ersten Aufnahmen. Aber dem Plattenlabel war die ganze Sache zu heiß, zu innovativ. So wurden die Aufnahmen nicht veröffentlicht. 

Dann sprang das Label "Victor" ein. Und so kam es am 26. Februar 1917 zu den ersten Aufnahmen für die "Victor Talking Machine Company". Zwei Titel wurden aufgenommen: Für die A-Seite der "Dixieland Jass Band One-Step" und für die B-Seite der "Livery Stable Blues". Das war damals der große Hit. Denn sie wurden auf eine 78er Single gepresst und für 75 Cent verkauft. Ein besonderes Ereignis auf dem Musikmarkt und in der Jazzgeschichte - und schließlich auch ein kommerzieller Millionenerfolg.

Wie sicher ist es denn, dass 1917 wirklich das Jahr war, in dem die erste Jazzschallplatte aufgenommen wurde? Manche Quellen nennen das Jahr 1904 als den Ursprung dieses neuen Jazzzeitalters. Der deutsche Operettenkönig Paul Lincke soll in diesem Jahr eine jazzartige Komposition mit der Kapelle des Berliner Apollo-Theaters auf Schallplatte aufgenommen haben. Was ist da dran?

Die B-Seite der ersten Jazzplatte Bild: public domain

Das hängt natürlich ganz wesentlich davon ab, wie man Jazz definiert. Ohne jeden Zweifel gab es frühere Aufnahmen mit Ragtime-Musik und anderen ursprünglichen Vorformen des Jazz. Aber ein für den Jazz essentielles Stilelement wie den Swing, gab es erst viel später. Die Aufnahmen mit der Original Dixieland Jass Band vom 26. Februar 1917 gehen zumindest schon stark in Richtung dessen, was wir heute unter Jazz verstehen. 

Wie kann man sich Anfang des 20. Jahrhunderts das Schallplattengeschäft in den USA und in Europa vorstellen? Von einer Industrie konnte man seinerzeit sicherlich noch nicht sprechen.

Das waren erste Ansätze. Eine volle Entfaltung kam erst in den nächsten Jahren zustande. Auch der Rundfunk setzte ja erst 1923 in Deutschland und in den USA ein. Die volle Verbreitung des Jazz durch Schallplatten und den Rundfunk schlug erst Ende der 1920er Jahre voll durch.

Wer hat denn damals mit der neuen Jazzschallplatte Geld verdient?

Das waren natürlich die Schallplattenlabels, die schon danach schauten, was sich vermarkten lässt. "Columbia" hatte zwar anfangs noch ein bisschen Schrecken vor diesen neuen Tönen, ist aber später auf den Zug aufgesprungen und hat auch Aufnahmen mit der Original Dixieland Jass Band gemacht - und sie auch verkauft. Das Label "Victor" hatte da allerdings schon den ersten Millionenerfolg in der Tasche.
Die Plattenfirmen machten also schon zu Beginn sehr gute Geschäfte. Wann wurde der Verkauf von Schallplatten dann auch für Musiker interessant?

Eigentlich von Anfang an, weil es die Möglichkeit gab, die Musik jederzeit und überall - sogar weltweit - verfügbar zu machen. Das war für Musiker eine große Chance, bekannt zu werden. Dadurch konnten sie mehr Konzerte spielen und auch international auf Tour gehen.

Im Westen hatte sich die Schallplattenindustrie sehr rasch zum Millionengeschäft entwickelt. Anfang der 1960er Jahre wurde Deutschland geteilt. Worin unterschied sich der Schallplattenmarkt in der DDR von dem in der BRD?

Da muss man zunächst auf die ersten Jahre der sowjetischen Besatzungszone von 1945 bis 1949 zurückblicken. Da gab es die Plattenfirma "Amiga", die in der Tat Jazz ausgezeichnet dokumentierte. Ihr verdanken wir die wichtigsten Zeugnisse des deutschen Jazz der Nachkriegszeit. Später wurde es schwierig, weil in der DDR natürlich ideologisch reglementiert wurde. In den 50er Jahren galt der Jazz ja als ein Ausdruck der bürgerlichen Unterhaltungsmusik. Insofern gab es Restriktionen im Rundfunk und beim Verlegen von Schallplatten. Das änderte sich dann in den 1960er Jahren. Ab da wurde es für das damals bereits etablierte DDR-Label "Amiga" schwieriger, weil Lizenzen Devisen kosteten, die in der DDR knapp waren. Das galt ebenso für das Vinyl, aus dem die Platten gepresst wurden.

Wie war die Situation in der Bundesrepublik?

Jazz in der Bundesrepublik Deutschland wurde von international operierenden Labels wie Columbia, Brunswick, Bertelsmann oder Philips produziert. Zudem entstand bereits 1964 mit MOD-Records ein unabhängiges deutsches Jazzlabel, das sich dem modernen Jazz widmete. Ab Ende der Fünfzigerjahre trat SABA-Records auf den Plan - das Label von Hans Georg Brunner-Schwer, das sich ab 1968 MPS, Musik Produktion Schwarzwald, nannte und mit Produktionen vor allem von Joachim-Ernst Berendt internationale Anerkennung fand.

Die Tontechnik hat sich rasant entwickelt. Wie haben sich diese neuen und immer besseren technischen Möglichkeiten auf den Jazz ausgewirkt?

Ganz essentiell! Wir müssen uns vorstellen: Am Anfang gab es einen großen Trichter, in den hinein gespielt wurde. Dann hat die technische Entwicklung ab Mitte der 1920er Jahre zum Mikrofon geführt. Das hat ganz neue Möglichkeiten geschaffen - beispielsweise für den vokalen Ausdruck. Denken wir an die "Crooner" genannten Sänger wie Frank Sinatra oder Bing Crosby. Durch die Mikrofone gab es ganz neue Möglichkeiten mit der Stimme zu modulieren. Ein herausragendes Beispiel ist die Sängerin Billie Holliday, die ganz wesentlich ihre Kunst aus der Arbeit mit dem Mikrofon entwickelt hat. 

Billie Holiday 1948 in der New Yorker Carnegie HallBild: William P. Gottlieb Collection

Und technikinteressierte Produzenten konnten jetzt zusammen mit ihren Toningenieuren ihrer Kreativität freien Lauf lassen… 

Ja, genau! Ende der 1940er Jahre kam das Tonband. Man konnte jetzt Montagen und Collagen herstellen, dann zog die Mehrspurtechnik in die Studios ein. Wenn wir uns solche Werke vorstellen wie von Miles Davis "In a Silent Way" (1969) und "Bitches Brew" (1970) - da wurde äußerst kreativ mit Studiotechnik gearbeitet. Sein Produzent Teo Macero wurde als "Paganini der Schere" bezeichnet. Da sieht man schon, wie auf einmal Technik zu einem kreativen Werkzeug wird. Das hat sich fortgesetzt bis hin zur Digitalisierung. Gerade in neueren Stilrichtungen des Jazz ist das so genannte "Editing" zu einem immer wichtigeren Bestandteil der Jazzproduktion und des kreativen Jazzspiels geworden.

Herr Noglik, heute dominieren weltweit ein paar große Plattenfirmen den Musikmarkt, die so genannten Major-Labels. Das gilt natürlich auch für Deutschland. Haben die kleinen Labels da überhaupt noch eine Chance, sich zu behaupten? 

Die kleinen Labels haben nicht nur eine Chance. Sie sind essentiell wichtig für die Entwicklung des Jazz. Das haben wir auch in der Geschichte immer wieder gesehen. Mit Ausnahme der Swing-Ära, die von den Majors dominiert war, waren es immer wieder kleinere Labels, die die Entwicklung dokumentiert und voran getrieben haben. Gerade in Deutschland haben wir eine weit gefächerte Landschaft an kleinen und engagierten Labels. Einige davon operieren sogar weltweit, wie zum Beispiel "ECM", "Enja" oder "Act" und "Winter & Winter" aus München. Gerade in Deutschland können wir feststellen, dass wir einen weitentwickelten Schallplattenmarkt haben, nicht zuletzt wegen der vielen Produzenten, die sich mit großem Enthusiasmus um den Jazz bemühen und es mit viel Energie geschafft haben, die Musiklandschaft hierzulande zu bereichern. 

Blicken wir in die Gegenwart der Musikindustrie. Immer beliebter werden der Download von Musik und Streaming-Dienste. Was bedeutet dieser Wandel für die Musikindustrie und natürlich auch für die Musiker? 

Jazz-Experte Bert NoglikBild: Patrick Hinely

Neue Speicher- und Verbreitungsmedien haben immer großen Einfluss auf die Rezeptionsgewohnheiten und sie verändern die Vertriebswege. Früher gab es Konzerte als Promotion für den Verkauf der Platten. Heute kehrt sich das tendenziell um: Durch den Kauf von Musikdownloads und durch das einfache Streaming von Musik gehen die Umsatzzahlen der Schallplattenlabels zurück. Musiker und Musikerinnen verkaufen Platten oft vor allem bei ihren Konzerten. Für alle Beteiligten wird es immer schwieriger, damit Geld zu verdienen.

Bert Noglik ist freier Autor mit dem Themenschwerpunkt Jazz. Er studierte Kulturwissenschaft an der Leipziger Universität und arbeitet für mehrere ARD-Sender. Der promovierte Kulturwissenschaftler konzipierte und leitete die Leipziger Jazztage und von 2012 bis 2014 das Jazzfest Berlin. Seit 1999 ist Bert Noglik künstlerisch verantwortlich für die Reihe "Bach - Reflections in Jazz" im Rahmen des Leipziger Bachfestes.

Das Gespräch führte Conny Paul.

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