1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Flucht vor Hitler ins Land "irgendwo da unten": Jugoslawien

17. April 2026

Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, retteten sich viele Deutsche durch Flucht ins Ausland. Einige verschlug es in das damalige Jugoslawien. Die deutsche Historikerin Marie-Janine Calic erzählt ihre Geschichte.

Eine blonde Frau hält ein Buch mit dem Titel "Balkan-Odyssee" in den Händen, sie trägt eine helle Jacke und steht vor einem unscharfen Hintergrund, der wie eine Stadtansicht wirkt. Oben im Bild sind die Buchstaben "ARD, ZDF und 3Sat" erkennbar
Marie-Janine Calic mit ihrem Buch "Balkan-Odyssee"Bild: Axel Kammerer/CHROMORANGE/picture alliance

Als der damals europaweit bekannten deutschen Schauspielerin Tilla Durieux und ihrem Ehemann Ludwig Katzenellenbogen, einem Unternehmer jüdischer Herkunft, Mitte 1934 klar wurde, dass ihre Aufenthaltserlaubnis in der Schweiz nicht verlängert werden würde, entschieden sie sich, weiter nach Zagreb zu fahren - in die Hauptstadt Kroatiens, damals Teil des nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Königreichs Jugoslawien.

Für die meisten Europäer lag diese Stadt "in einer nebelhaften Ferne", schrieb Durieux später in ihr Tagebuch. "Man hielt sie entweder für einen Vorort von Wien oder von Prag. Das Land Jugoslawien steckte irgendwo 'da unten' in einer Ecke, in der man sich nicht zurechtfand." Die Freunde der beiden bewunderten ihren Mut - befürchteten allerdings, sie würden auf der Reise von Räubern überfallen werden.

Flucht aus Deutschland

Zu dem Zeitpunkt war das Paar schon seit über einem Jahr auf der Flucht vor dem NS-Regime. Berlin hatten sie am 31. März 1933 Hals über Kopf verlassen, vier Tage nach dem Reichstagsbrand. Zu diesem Zeitpunkt hielt Adolf Hitler bereits alle Zügel in der Hand, die Grundrechte der Weimarer Verfassung waren außer Kraft, der Terror der Nationalsozialisten hatte begonnen. SA-Truppen beherrschten die Straßen, Tausende wurden verhaftet, in Konzentrationslagern interniert, gefoltert.

Gegner der Nationalsozialisten nach ihrer Verhaftung durch die SA in Berlin im Frühjahr 1933Bild: Ullstein

Wer konnte, packte auf die Schnelle die Koffer und versuchte ins Ausland zu fliehen - darunter viele Deutsche jüdischer Herkunft, aber auch politische und weltanschauliche Gegner der Nazis: Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftler, freidenkende Künstler und Intellektuelle. Die meisten flüchteten Richtung Westen: in die Schweiz, nach Frankreich und Großbritannien oder noch weiter - nach Amerika. Viele Juden wagten die Reise übers Mittelmeer nach Palästina.

Die erste Balkanroute

Viele dieser Fluchtgeschichten sind gut erforscht. Weniger bekannt ist, dass einige Flüchtlinge zwischen 1933 und 1941 auf dem Gebiet des 1918 gegründeten Königreichs Jugoslawien - den heutigen Staaten Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Kosovo, Montenegro und Nordmazedonien - Zuflucht vor der NS-Verfolgung fanden.

"Nur die Wenigsten wollten sich dort länger aufhalten", erklärt die deutsche Historikerin Marie-Janine Calic im Gespräch mit der DW. Jugoslawien verfügte über Häfen an der Adria, von denen aus es möglich war, die Reise weiter über das Meer fortzusetzen. Und während in den Jahren nach 1933 viele europäische Länder ihre Grenzen für Emigranten aus Deutschland schlossen, war die Einreise nach Jugoslawien mit einem befristeten Visum möglich, das mehrfach verlängert werden konnte. Anfangs durften die Flüchtlinge sogar arbeiten.

"Das zog Menschen an, obwohl die meisten fast nichts über Jugoslawien wussten - und das, was man wusste, oft nicht positiv war, sondern mit Attentaten und dem Ersten Weltkrieg verbunden wurde", sagt Calic. In ihrem Buch "Balkan-Odyssee 1933-1941. Flucht vor Hitler durch Südosteuropa" beleuchtet sie diese erste Balkanroute, über die bislang wenig bekannt war. Das Buch erhielt 2026 den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik.

Hilfe für Flüchtlinge

Allen Befürchtungen zum Trotz erreichte das Ehepaar Durieux-Katzenellenbogen Zagreb ohne Zwischenfälle - und fand eine moderne europäische Stadt vor. Industrie, Bankwesen, Handel und Verkehr entwickelten sich in rasantem Tempo, neben der Architektur der Belle Époque entstanden im Zentrum der Stadt moderne Neubauten unter dem Einfluss Le Corbusiers. Wie im Westen Europas vergnügte man sich bei Tennis und Golf, Auto- und Motorradrennen, im Kino oder bei Jazzkonzerten. Emanzipierte junge Frauen trugen Pariser Mode und "Bubikopf"-Frisuren.

Tilla Durieux auf einem Foto aus dem Jahr 1935: Damals lebte sie bereits in ZagrebBild: Scherl/SZ Photo/picture alliance

"Viele Emigranten kamen zunächst nach Zagreb, wo es eine Infrastruktur humanitärer Organisationen gab, insbesondere jüdischer. Sie sammelten Geld, registrierten die Flüchtlinge und halfen ihnen, ihre Reise fortzusetzen", berichtet Calic.

Unterstützung kam nicht nur von Hilfsorganisationen: "Aus allen Dokumenten und Zeugenaussagen, die diese Menschen hinterlassen haben, spricht eine große Dankbarkeit für die Hilfsbereitschaft ganz unterschiedlicher Personen", so die Historikerin. Oft waren es zufällige Bekanntschaften, die die Flüchtlinge freundlich aufnahmen, ihnen halfen, ihre Reise organisierten, ein Mittagessen bereitstellten oder auf andere Weise Unterstützung leisteten.

Reformpädagogik in Zaton Mali

Viele der Flüchtlinge hatten das nationalsozialistische Deutschland verlassen, weil sie Berufe ausübten, Werte vertraten oder eine Lebensweise pflegten, die mit dem NS-Regime nicht vereinbar war. "Ein Beispiel ist die Reformpädagogin Annemarie Wolff‑Richter. Sie leitete ein Kinderheim für schwer erziehbare Kinder und versuchte, diese nach modernen pädagogischen Prinzipien und einer fortschrittlichen Erziehungsphilosophie aufzunehmen und zu fördern", erzählt Marie-Janine Calic.

Gerade dieses Engagement machte sie für die Nazis verdächtig, die erziehungsschwierige Kinder als "asozial" einstuften und Projekte wie das von Wolff‑Richter ablehnten. Die Pädagogin wurde verhaftet, konnte dann aber gemeinsam mit ihrem gesamten Kinderheim fliehen. Sie kamen in der Emigrantensiedlung in Mali Zaton nahe der kroatischen Stadt Dubrovnik unter.

Der Krieg holt die Emigranten ein

Den verfügbaren Daten zufolge flohen bis 1941 mindestens 55.000 Deutsche nach Jugoslawien - die tatsächliche Zahl aber dürfte höher gewesen sein. Einigen gelang es per Schiff, nach Palästina oder in andere Länder am Mittelmeer weiterzureisen. Andere blieben und versuchten mit mehr oder weniger Erfolg, sich in dem ihnen fremden Land ein neues Leben aufzubauen.

Erschießung von Geiseln in Serbien durch Soldaten des Infanterieregiments "Großdeutschland" am 22. April 1941Bild: Gerhard Gronefeld/dpa/picture alliance

Im April 1941 jedoch griffen die Wehrmacht und ihre Verbündeten, Jugoslawien an und besetzen das Land - und damit begann die Verfolgung von Juden und Andersdenkenden auch dort. Rund 5000 Flüchtlingen aus Deutschland gelang es nicht mehr, den Staate auf dem Balkan rechtzeitig zu verlassen.

"Jüdische Flüchtlinge, die in Serbien interniert waren, wurden zu Opfern von Vergeltungsmaßnahmen der Wehrmacht. Die deutsche Armee führte grausame Repressionen durch. So wurden bereits im Oktober 1941 hunderte jüdischer Flüchtlinge erschossen", sagt Marie‑Janine Calic.

Diejenigen, denen die Flucht in den italienisch besetzen Teil Jugoslawiens entlang der Adriaküste gelang, hatten größere Überlebenschancen, da die Italiener Flüchtlinge zwar internierten, aber nicht töteten. Viele der Emigranten, die sich 1941 im unter Nazi-Patronat gegründeten faschistischen Unabhängigen Staat Kroatien (NDH) wiederfanden, wurden dagegen im Vernichtungslager Jasenovac ermordet.

Spuren der Flüchtlinge

Annemarie Wolff-Richter führte ihr Kinderheim nach der Machtübernahme der kroatischen Faschisten zunächst weiter. Sie betreute zeitweise bis zu 17 Zöglinge, unter ihnen Kinder getöteter Kommunisten. Ihr Lebenspartner Erwin Süßmann dagegen wurde verhaftet und im Dezember 1941 in Jasenovac ermordet. 1944 wurde auch Annemarie dorthin gebracht, wo sie kurz vor Kriegsende zu Tode kam.

Tilla Durieux an ihrem 90. Geburtstag am 18.08.1970 in BerlinBild: Edwin Reichert/AP Photo/picture alliance

Tilla Durieux überlebte in Zagreb dank Verwandter, bei denen sie unterkam - doch ihr Ehemann wurde 1941 bei einem Fluchtversuch verhaftet und nach Deutschland deportiert, wo er starb. Nach der Befreiung 1945 blieb Durieux noch neun Jahre in Zagreb. Da sie während der NDH-Zeit den jugoslawischen Partisanen geholfen hatte, genoss sie hohes Ansehen. Sie war an der Gründung des Zagreber Puppentheaters beteiligt und erhielt die jugoslawische Staatsbürgerschaft.

Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland heiratete sie erneut und setzte ihre Theaterkarriere fort. Sie besuchte häufig ihre Freunde in Zagreb, einer Stadt, die sie liebte und mit der sie eng verbunden blieb. Im Stadtmuseum werden bis heute einige Gegenstände aus ihrem Nachlass aufbewahrt.

Das Buch "Balkan-Odyssee, 1933–1941: Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa" der Historikerin Marie-Janine Calic erschien im Dezember 2025 beim Verlag C.H. Beck München.

Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen