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1953: Irans gestohlene Demokratie

16.06.2017

Irans ehemaliger Premierminister Mossadegh bei seiner Gerichtsverhandlung

Vor fast 65 Jahren stürzte die CIA Irans parlamentarisch legitimierten Premier Mossadegh. Erst jetzt veröffentlichte das US-Außenministerium Dokumente, die das gesamte Ausmaß der US-Verwicklungen in den Putsch zeigen.

Für die USA ist der Iran "ein fundamentalistisches Regime, das nach der Atombombe strebt" und zur "Achse des Bösen gehört". Umgekehrt sitzt für Teheran in Washington der "gottlose, große Satan" und die "Wurzel allen Übels". Kaum ein Verhältnis zweier Staaten ist so belastet wie das zwischen dem Iran und den USA. Beide Seiten misstrauen einander zutiefst, fühlen sich vom jeweils anderen gekränkt oder gedemütigt. Die Gründe dieser Feindschaft reichen weiter zurück als zur Islamischen Revolution 1979. Schon 1953 griffen die USA zum ersten Mal massiv in die Politik des Iran ein – mit Folgen, die den Mittleren Osten bis heute prägen. 

Lange Zeit hat Washington seine Beteiligung an den damaligen Ereignissen verschwiegen, obwohl schon kurz danach zahlreiche Presseberichte eine Verwicklung der CIA vermuteten. Erst jetzt, fast 65 Jahre später, veröffentlichte das US-Außenministerium einen von Historikern lang erwartetendetaillierten Bericht über die Beteiligung US-amerikanischer Geheimdienste am Putsch gegen Irans damaligen demokratisch gewählten Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh.

Kolonialattitüden und Kommunismusängste

Für das Time-Magazin war er der "Man of the Year" 1951: Mohammed Mossadegh

Dabei war die Welt zwischen Washington und Teheran kurz nach dem Zweiten Weltkrieg noch in Ordnung. Das renommierte Time-Magazin hatte Irans Premierminister Mohammed Mossadegh sogar zum Mann des Jahres 1951 gewählt. Denn er hatte es gewagt, die britische Ölförderung im Iran zu verstaatlichen. Dafür zollten ihm auch hochrangige US-Politiker Respekt. "In den USA hatte man zu der Zeit große Sympathien für die antikolonialen Freiheitsbewegungen in der Dritten Welt", sagt Jürgen Martschukat, Professor für Nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt: "Mossadegh wurde sogar als eine Art 'Benjamin Franklin Irans' gehandelt."

Weniger begeistert waren die Briten. In deren Händen hatte die iranische Ölförderung seit Anfang des 20. Jahrhunderts gelegen. Die Anglo-Iranian Oil Company (AIOC) hatte dem Empire jedes Jahr gewaltige Gewinne beschert. "Jahrzehntelang wurde das iranische Öl von den Briten buchstäblich geraubt," erzählt der in Berlin lebende iranische Publizist Bahman Nirumand. "Der Iran bekam nur ein Handgeld für das Öl, das die Briten förderten." Vehement forderten Teheraner Politiker daher seit Ende der 1940er Jahre eine gerechtere Verteilung der Erlöse. Doch Großbritannien zeigte sich stur und beharrte auf der Erfüllung der lukrativen Verträge. Als Mohammed Mossadegh 1951 zum Premierminister gewählt wurde, eskalierte die Situation: In seiner ersten Amtshandlung löste Mossadegh am 30. April 1951 einseitig den Kontrakt mit der AIOC auf und verstaatlichte die Ölindustrie.

London reagierte empört, drohte mit einem Einmarsch und rief Washington zu Hilfe. Doch die US-Regierung unter Präsident Harry S. Truman winkte ab. Natürlich waren die Briten Verbündete. Doch Washington hatte kein Interesse an einer anhaltenden Schwächung Teherans. Zu groß war die Angst, den Iran in die Arme der kommunistischen UdSSR zu treiben. Zudem trugen aus Sicht Trumans die Briten durch ihre starre Haltung eine Mitschuld an der Eskalation.

Die CIA und der Sturz

Verabredung zum Putsch: Winston Churchill und Dwight D. Eisenhower

Die Haltung der USA änderte sich, nachdem Dwight D. Eisenhower Ende 1952 Truman als US-Präsident ablöste. Zwei Jahre lang hatten Iraner und Briten ergebnislos verhandelt, die Positionen waren völlig festgefahren, die Stimmung geradezu feindselig. Großbritannien hatte ein vollständiges Ölembargo gegen den Iran verhängt. Die Wirtschaft des Landes lag am Boden. Radikale Kräfte wie die kommunistische Tudeh-Partei bekamen im Iran immer mehr Zulauf.

Im Gefolge Eisenhowers hatten in Washington antikommunistische Hardliner das Ruder übernommen: John Foster Dulles wurde Außenminister, sein Bruder Allen Leiter der CIA. Sie sahen die Entwicklung im Iran mit Sorge, bezeichneten Mossadegh gar als "Irren", der das ölreiche Land mit seinem anhaltenden Konfrontationskurs in russische Hände treiben könnte. "Man kam zu dem Schluss, dass man die vertrackte Situation mit Mossadegh nicht würde lösen können", so der Historiker Jürgen Martschukat. Eine Militärintervention im Iran lehnten die USA zwar weiterhin ab. "Die Eisenhower-Regierung war aber bereit, mit anderen Mitteln vorzugehen, als es noch die Truman-Regierung gewesen ist." Das war der Moment, in dem die CIA ins Spiel kam.

Im Sommer 1953 startete der US-Geheimdienst in Teheran die "Operation Ajax": Die CIA bestach Politiker, Offiziere und Geistliche und wiegelte sie zur Opposition gegen Mossadegh auf. Gleichzeitig überredete sie den Schah Reza Pahlavi, Mossadegh per Dekret seines Amtes zu entheben. Am 19. August kam es zu einer Straßenschlacht zwischen Mossadegh-Anhängern und Putschisten vor dem Privathaus des Premierministers. "Man wunderte sich über die Menschen, die da gegen Mossadegh demonstrierten", erzählt Bahman Nirumand, der den Putsch als Schüler in Teheran aus nächster Nähe miterlebte: "Da waren ganz schlimme Killerbanden darunter, und arme Menschen aus dem Süden der Stadt, die man mit Geld bestochen hatte." Als dann das Schah-treue Militär eingriff, wurde Mossadegh gestürzt und seine Regierungszeit fand ein jähes Ende.

Die CIA und der Mossadegh-Putsch im Iran
Glühender Verfechter iranischer Interessen

Mohammed Mossadegh war von 1951 bis zu seinem Sturz 1953 - mit einer kurzen Unterbrechung - Irans erster demokratisch gewählter Premierminister. Gebildet, eloquent und charismatisch, hatte er auch viele Bewunderer im Westen. Für die Länder der Dritten Welt wurde er zu einer Art Ikone des Antiimperialismus, weil er es wagte, die britische Ölindustrie im Iran zu verstaatlichen.

Die CIA und der Mossadegh-Putsch im Iran
Öl für das Empire

Seit 1909 hatten die Briten quasi ein Monopol auf das iranische Öl besessen. Die Anglo-Iranian Oil Company (AIOC) – die heutige British Petroleum (BP) – hatte in Kolonialherrenmanier Verträge ausgehandelt, nach denen das Empire jedes Jahr Profite in Millionenhöhe abschöpfte. Der Iran dagegen erhielt nur geringe Tantiemen.

Die CIA und der Mossadegh-Putsch im Iran
Schuften in sengender Sonne

Die Briten beuteten die iranischen Ölarbeiter schamlos aus. In Abadan, dem Ort der größten iranischen Raffinerie, lebten die Arbeiter unter katastrophalen Umständen in Slums und schufteten für die AIOC, die jegliche Verbesserung des Lebensstandards ablehnte. Iranische Politiker forderten seit Ende des Zweiten Weltkrieges Nachverhandlungen der Verträge, bissen aber bei den Briten auf Granit.

Die CIA und der Mossadegh-Putsch im Iran
"Nationalisierung oder Tod!"

1951 spitzte sich die Lage zu. Mohammed Mossadegh, gerade erst Premierminister geworden, ordnete die Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie an. Die Briten reagierten empört, zogen alle britischen Experten ab und verhängten ein Ölembargo gegen den Iran. Die so genannte "Abadan-Krise" brachte den Iran in den nächsten zwei Jahren an den Rand des Bankrotts.

Die CIA und der Mossadegh-Putsch im Iran
Ambivalente Amerikaner

Außerdem wandten die Briten sich Hilfe suchend an die USA. Doch US-Präsident Truman lehnte jede Intervention strikt ab. Truman war zwiegespalten: Einerseits wollte er die mit ihm verbündeten Briten nicht verprellen. Andererseits sympathisierte er mit Mossadegh und glaubte, nur ein freier, wirtschaftlich starker Iran könne dem kommunistischen Einfluss der UdSSR widerstehen.

Die CIA und der Mossadegh-Putsch im Iran
Schwindende Stabilität

Doch Irans anhaltende Wirtschaftskrise zeigte Wirkung: Langsam bekamen auch radikalere Strömungen immer mehr Zulauf – so wie die kommunistische Tudeh-Partei. In mehreren Massendemonstrationen forderte sie den Rauswurf von Amerikanern und Briten und eine Hinwendung des Landes Richtung Moskau. Dennoch glaubte man in den USA immer noch, dass Mossadegh die innenpolitische Lage unter Kontrolle habe.

Die CIA und der Mossadegh-Putsch im Iran
Zwei Wahlen ändern alles

Doch dann kommt Ende 1951 in London Winston Churchill wieder an die Macht. Ein Jahr später wird Truman in Washington von Dwight D. Eisenhower beerbt. Gekonnt beschwört Churchill die Gefahr eines kommunistischen Umsturzes im Iran herauf. Eisenhower, der schon im Zweiten Weltkrieg gute Erfahrungen mit Geheimdienstoperationen gemacht hat, willigt in eine CIA-Aktion zum Sturz Mossadeghs ein.

Die CIA und der Mossadegh-Putsch im Iran
"Operation Ajax" beginnt

Im Juli 1953 reist CIA-Agent Kermit Roosevelt in den Iran. Er überzeugt den Schah (rechts im Bild), Mossadegh zu entlassen und mit General Fazlollah Zahedi einen Strohmann westlicher Interessen zum neuen Premier zu ernennen. Ein Kurier sollte die unterzeichneten Entlassungspapiere zu Mossadegh bringen, Mossadegh selbst direkt nach Erhalt unter Hausarrest gestellt werden.

Die CIA und der Mossadegh-Putsch im Iran
Organisiertes Chaos

Gleichzeitig sorgte die CIA für Chaos in Teheran. Sie bestach Politiker, Geistliche, Journalisten und Arbeiter und wiegelte so Anhänger und Gegner Mossadeghs gegeneinander auf. Wer auf der Straße die Oberhand behalten würde, war den Agenten egal. Einzig wichtig war, den Schah als Retter des Volkes zu inszenieren, der die ihm treue Armee einsetzen sollte, um wieder für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Die CIA und der Mossadegh-Putsch im Iran
Flucht nach Rom

Doch der erste Putschversuch am 15. August 1953 misslang. Mossadegh hatte von den Plänen Wind bekommen. Er ließ einige iranische Rädelsführer des Putschversuches verhaften und setzte auf den daraufhin untergetauchten General Zahedi ein Kopfgeld aus. Als der Schah erfuhr, dass die Stimmung zu seinen Ungunsten kippte, floh er außer Landes: erst nach Bagdad, dann nach Rom.

Die CIA und der Mossadegh-Putsch im Iran
Trügerische Sicherheit

Am 18. August 1953 sah Mossadegh wie der sichere Sieger aus. Doch ging er von einem Komplott des Schahs und der Briten aus. Er wusste nicht, dass auch die USA darin verstrickt waren. Für den folgenden Tag rief Mossadegh seine Anhänger auf, zuhause zu bleiben, um eine weitere Eskalation der Gewalt auf Teherans Straßen zu verhindern. Mit einem zweiten Putschversuch rechnete Mossadegh nicht.

Die CIA und der Mossadegh-Putsch im Iran
Die Stimmung kippt

CIA-Agent Roosevelt mobilisierte erneut die Massen. Am 19. August gingen sie für den Schah auf die Straße – diesmal ohne Gegenwehr der Mossadegh-Anhänger. Die Entlassungsurkunden des Schah wurden tausendfach kopiert und unter der Bevölkerung verteilt. Immer mehr Polizei- und Militäreinheiten schlossen sich daraufhin den Demonstranten an und stürmten das Außenministerium und die Polizeizentrale.

Die CIA und der Mossadegh-Putsch im Iran
Entscheidungsschlacht vor Mossadeghs Haus

Unterstützt von einer Panzerkolonne drang eine Menschenmenge zu Mossadeghs Privathaus vor. Dort entbrannte eine Straßenschlacht zwischen Anhängern und Gegnern des Premiers, mehr als 200 Menschen kamen dabei ums Leben. Als die Schah-Anhänger das Haus stürmten, floh Mossadegh über die Gartenmauer. Fünf Tage später stellte er sich und wurde von seinem Widersacher General Zahedi verhaftet.

Die CIA und der Mossadegh-Putsch im Iran
Alleinherrscher von Washingtons Gnaden

Am 22. August 1953 kehrte der Schah aus Rom zurück. In der Folgezeit errichtete er eine Militärdiktatur, die massiv von den USA unterstützt wurde. Mit amerikanischer Hilfe baute er auch die berüchtigte Geheimpolizei SAVAK auf. Die Verstaatlichung der Ölförderung wurde rückgängig gemacht – fast die Hälfte der Einnahmen daraus ging fortan an amerikanische Firmen.

Die CIA und der Mossadegh-Putsch im Iran
Ende eines Hoffnungsträgers

Nach seiner Verhaftung wurde Mossadegh wegen Hochverrats vor Gericht gestellt und zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Im Dezember 1956 aus der Haft entlassen, zog sich Mossadegh in sein Privathaus in Ahmad Abad zurück – bewacht von Mitarbeitern des Geheimdienstes SAVAK. Sein Heimatdorf durfte Mossadegh fortan nicht mehr verlassen. Er starb am 5. März 1967.

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Shah-Regime und Islamische Revolution

Schon während des Putsches, so Nirumand, "vermutete man, dass das nicht von Iranern organisiert worden war." Schnell wurde die Vermutung zur Gewissheit. Der Schah bekam massive Unterstützung aus den USA. Die Verstaatlichung der Ölindustrie wurde rückgängig gemacht, die Öleinnahmen gingen zur Hälfte an den Iran, zur anderen Hälfte an ein Konsortium aus 17 hauptsächlich amerikanischen und britischen Firmen. Schah Pahlavi errichtete eine Diktatur – mit militärischer, finanzieller und personeller Rückendeckung durch die USA. "Es gab damals über 10.000 amerikanische Berater im Iran", sagt Bahman Nirumand. "Sie haben das Land praktisch 25 Jahre lang beherrscht."

Gestürzt wurde der Schah Anfang 1979, durch die von Ayatollah Ruhollah Khomeini angeführte Islamische Revolution. "Die Erinnerung an Mossadegh war während der gesamten Proteste sehr präsent," erzählt Historiker Jürgen Martschukat. Bei den Anti-Schah-Demonstrationen 1978 hatten zahlreiche Demonstranten Bilder des ehemaligen Premiers in die Höhe gehalten. Und als aufgebrachte Iraner Ende 1979 die US-Botschaft in Teheran stürmten und 52 westliche Diplomaten als Geiseln nahmen, hatte dies eine große Symbolkraft. Denn von diesem Gebäude aus hatten die Drahtzieher des Mossadegh-Putsches 1953 die Strippen gezogen.

Zementiertes Misstrauen auf beiden Seiten

Antiamerikanische Ressentiments sind in Teheran bis heute präsent

Der Sturz Mossadeghs hat in der iranischen Gesellschaft ein Trauma hinterlassen, das bis heute spürbar ist. Davon ist Bahman Nirumand überzeugt. Dass die antiamerikanische Propaganda der Mullahs auch mehr als 60 Jahre nach diesem Ereignis noch verfängt, sei wesentlich auf die damalige Zerstörung der iranischen Demokratie durch die CIA zurückzuführen: "Die Islamisten im Iran zehren bis heute davon. Sie sagen: 'Den Amerikanern ist einfach nicht zu trauen'."

Auf der anderen Seite war der Botschaftssturm von 1979 "ein ganz massiver Einschnitt in der Selbstwahrnehmung der Vereinigten Staaten", so USA-Experte Martschukat. Denn er verfestigte in Washington das Bild des Iran als Feind Amerikas. In der Folgezeit kultivierten die USA und der Iran ihre gegenseitige Abneigung so sehr, dass direkte Gespräche zwischen beiden Staaten bis heute kaum möglich sind.

Ein historischer Fehler

Kurzfristig war der Putsch von 1953 den Amerikanern von großem Nutzen. Denn er sicherte den USA 25 Jahre lang die Treue des Schahs und den nahezu ungehinderten Zugriff auf die iranischen Ölreserven. Doch langfristig erwies sich der Umsturz als großer Fehler. "Unter Historikern ist man sich da relativ einig", so Martschukat. Denn noch Anfang der 1950er Jahre waren die USA nicht nur im Iran, sondern im gesamten Mittleren Osten beliebt: "Als ein Staat, der sich selbst aus dem Zustand des Kolonialismus von Europa befreit hatte, hatten die USA Modellcharakter", erläutert der Historiker. Bis man sich dazu entschloss, aus knallharten wirtschaftlichen Interessen die Mossadegh-Regierung zu stürzen und sie durch eine Diktatur zu ersetzen. "Da haben die USA sicher einiges verspielt."