300 000 Ukrainer arbeiten illegal in Polen
13. Dezember 2001Köln, 12.12.2001, DW-radio / Ukrainisch, Roman Hontscharenko
Zehntausende Ukrainer, vor allem aus den westlichen Gebieten des Landes, fahren jedes Jahr ins benachbarte Polen, um nach Arbeit zu suchen. Nur ein Zehntel von ihnen arbeitet legal, der Rest illegal.
Über eine offizielle Statistik zur Gesamtzahl der Ukrainer, die derzeit in Polen arbeiten, verfügt weder die polnische noch die ukrainische Seite. Schätzungen zufolge beträgt das Verhältnis zwischen denjenigen, die legal arbeiten, und den illegalen Arbeitskräften eins zu zehn. Ukrainischen und polnischen Behörden zufolge haben zwischen 10 000 und 20 000 Bürger der Ukraine in Polen eine Arbeitserlaubnis. Die Anzahl der Ukrainer, die mit einem Touristenvisum in das Nachbarland eingereist sind und dort illegal arbeiten, beträgt hingegen fast 300 000. Zumindest berichten dies westliche Nachrichtenagenturen. Darüber, wer die Ukrainer in Polen sind und womit sie sich beschäftigen, berichtet unser Warschauer Korrespondent Jaroslaw Junko:
"Als meine Familie im vergangenen Jahr in eine neue Wohnung einzog, sprach die Mehrheit der Bauarbeiter unseres Hauses Ukrainisch. Im Ort Zabki am Rande Warschaus verstehen fast alle Ukrainisch. Die Bevölkerung vor Ort wundert dies schon leit langem nicht mehr, da sie an ukrainische Arbeitskräfte Zimmer vermietet und davon gut lebt. Ukrainer arbeiten in Polen als Lehrer für Fremdsprachen, als Ärzte, Informatiker, Trainer und Sportler. Polnische Unternehmer erklären, der Grund dafür, warum sie den "Gastarbeitern" aus der Ukraine Arbeit geben, sei, dass Polen zu hohe Ansprüche stellten. Arbeiter aus der Ukraine mit einem Stundenlohn in Höhe von umgerechnet einem US-Dollar fordern weder eine Festanstellung noch eine Sozialversicherung. Ukrainische Bürger bauen, nähen und arbeiten in landwirtschaftlichen Betrieben. Auf dem illegalen Arbeitsmarkt in Polen nehmen ukrainische Hausfrauen und Kindermädchen einen wichtigen Platz ein. Beispielsweise erhält die Ukrainerin Marija als Kindermädchen zweier Jungen in einem wohlhabenden Haushalt nahe Warschau pro Monat 250 US-Dollar. Neben dem Gehalt stellen ihr die Hausherren ein Zimmer und die Verpflegung. Marija kocht, putzt, wäscht und holt die Kinder von der Schule ab. Alle zwei Monate muss sie jedoch nach Hause, nach Lwiw, fahren, um mit einem neuen Visum zurückzukommen. Marijas Arbeitgeber sagen, sie wollten kein anderes Kindermädchen und wenn die sparsame Ukrainerin in allen Zimmern nicht immer das Licht ausschalten würde, dann wäre alles wunderbar."
Quellen in Lwiw zufolge stellen die Galizier die Mehrheit der ukrainischen Arbeitskräfte in Polen. Die Kenntnis der polnischen Sprache und die freie Grenzüberschreitung ohne großen finanziellen Aufwand seien die wichtigsten Faktoren, die dies begünstigten. Schätzungen zufolge sind der überwiegende Teil – 80 Prozent – der Ukrainer, die in Polen arbeiten, Männer, da die meisten Tätigkeiten in den Bereichen Bauwesen und Landwirtschaft zu finden sind. Der Rest – 20 Prozent – sind ukrainische Frauen, die sexuelle Dienstleistungen in Bordellen erbringen. Wie der DEUTSCHEN WELLE in der Abteilung zur Zusammenarbeit mit den Rechtsschutzorganen bei der Staatlichen Administration im Gebiet Lwiw mitgeteilt wurde, gibt es derzeit keine genauen Angaben über die Ukrainer in Polen. Jedoch hoffen die Beamten, schon bald aktuelle Informationen über die Ukrainer zu erhalten, die im Ausland arbeiten, darunter auch illegal. Diese Angaben sollen nach Abschluss der gesamtukrainischen Volkszählung, die derzeit durchgeführt wird, vorliegen. Unterdessen müssen die Behörden in Lwiw ein anderes Problem lösen – das Verschwinden von Menschen, die zum Arbeiten ins Ausland gefahren sind. Es berichtet unsere Korrespondentin in Lwiw, Halyna Stadnyk:
"In Lwiw wird an einem neuen Informationssystem über Menschen gearbeitet, die verschwunden sind. Mit Hilfe einzelner Bürger, gesellschaftlicher Organisationen im Gebiet Lwiw und der Rechtsschutzorgane sollen die Namen der Personen, die verschwunden sind, in eine spezielle Datenbank eingegeben werden, mit dem Ziel, sie in verschiedenen Ländern zu suchen. Bislang ist unklar, ob sich das System zur Suche von Menschen in Polen bewähren wird. Die meisten Fälle verschwundener ukrainischer Arbeitskräfte in Polen sind nämlich auf ukrainische kriminelle Gruppierungen zurückzuführen, von denen es bedeutend mehr gibt, als entsprechende polnische kriminelle Strukturen. Die polnische Kriminellen-Welt hat sich vor allem auf die Woiwodschaften konzentriert, die an Deutschland grenzen. Die polnische Polizei mischt sich in die Angelegenheiten ukrainischer Arbeiter praktisch nicht ein, wenn sie Opfer ukrainischer Banditen geworden sind." (MO)