"39,90" - Ein Skandalroman über den Preis der Werbung
25. September 2001Erst denkt man, alles schon gehört: Werbung ist ein korruptes Geschäft, Werber koksen zuviel, Werbebotschaften umgeben uns überall ... 30 Seiten später wird einem etwas mulmig zumute, weil man beginnt, das Buch ernst zu nehmen. Nach weiteren 30 Seiten geht man mit einem anderen Blick durch die Stadt, vorbei an den dutzenden Werbeplakaten. Noch später fängt man an, über Kapitalismus zu grübeln ... und kann schon längst nicht mehr von diesem Buch lassen. Man verschlingt den Rest, beginnt jedoch zu frösteln und ist schließlich erleichtert darüber, dass die Geschichte im Absurden endet, also weit weg vom realen Alltag. Das neue Enfant terrible der französischen Literaturszene Frédéric Beigbeder hat mit diesem Buch auf unterhaltsame Weise eine gesellschaftskritische Analyse aufs Papier gebracht. Der Roman zeigt, dass auch in Zeiten angeblicher Politikverdrossenheit politisches Handeln möglich ist.
Für das "wilde Pamphlet" gegen den Totalitarismus von Werbung wurde kräftig geworben. Mit Erfolg: Beigbeder kassiert, und der Leser hat seinen Spaß. Der 35-jährige Autor war selbst zehn Jahre lang Texter in einer großen Werbeagentur, weiß also, wovon er schreibt. Und dass er dies mit hämischem Vergnügen tut, macht diesen Zeitgeist-Roman so lohnenswert.
"Dieser beißende Humor ist eine Form der Verzweiflung - und auch ein Selbstschutz. Ich sage nichts neues, das ist klar. Aber man kann es nicht oft genug wiederholen: Die lustigen Menschen sind oft verzweifelt. Mein Buch ist absolut tragisch."
Octave, eine Art "Revoluzzer in Gucci", hat Geld wie Heu, Frauen, Koks en masse und einen BMW Z3 in der Garage. Eines aber hat er nicht: Spaß an seinem Job. Während Octave tagsüber fettfreien Joghurt vermarktet, arbeitet er in seiner Freizeit an einem Enthüllungsroman über seine zynischen Kollegen, die die "Masse verachten und sie auf einen stumpfsinnigen Kaufreflex reduzieren wollen".
"Mein Leben", beichtet Octave dem Leser, "besteht darin, Sie zu belügen ... Ich bin der Typ, der Ihnen Scheiße verkauft. Sie von diesen Dingen träumen lässt, die Sie niemals haben werden."
Beigbeder sieht so aus wie die liebenswert-schusseligen Helden in Francois Truffauts Filmen. Er hält sich für einen "romantischen Pessimisten" und für einen Feigling, denn sonst hätte er nicht erst seinen Rausschmiss aus der Werbeagentur abgewartet, als das Enthüllungsbuch erschien. "39,90" sei ein gut recherchierter Augenzeugenbericht über die Welt, die ich kennen gelernt habe, hält er den Kritikern vor, die die literarische Qualität seines Buches bemängeln.
Das Buch ist angelegt wie eine Collage und wechselt ständig die Perspektiven. Glänzende Parodien der Konferenzen unter Werbeleuten stehen neben den Gedankensplittern, die dem selbstmitleidigen Octave durch den Kopf gehen. Und immer wieder wird der Leser von einer Kanonade sattsam bekannter Werbeslogans malträtiert.
Das Ende kommt überraschend, ist allerdings auch ein bisschen weit hergeholt. Octave landet im Knast - in der VIP-Zelle selbstverständlich - und träumt von einer wahrhaftigeren Welt. An die Wand hat er sich richtige Kunst geklebt - Paul Gauguins "Piroge".
Beigbeder wurde 1965 in Neuilly sur Seine geboren. Er studierte Politologie und lebt derzeit als Kritiker und Schriftsteller in Paris. Unter anderem arbeitet er für Elle und Paris Match. Zehn Jahre lang war er als Werbetexter tätig. "39,90" ist sein vierter Roman.