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Literatur

Was uns Shakespeare heute noch zu sagen hat

Christine Lehnen
12. Oktober 2022

Im Jahr 1622 wurde auf der Frankfurter Buchmesse die erste Werksausgabe William Shakespeares angekündigt. Sie machte den Dramatiker zum Weltstar, dessen Themen und Fragen heute so relevant sind wie damals.

Exponate der Ausstellung "Will’s Book – 400 Jahre Shakespeare’s First Folio"
Eine Originalausgabe des "First Folio", veröffentlicht als "Mr William Shakespeares Comedies, Histories, & Tragedies"Bild: DLA Marbach

Schon vor 400 Jahren fand eine Frankfurter Buchmesse statt, und in ihrem Katalog wurde eine ganz besondere Veröffentlichung angekündigt: 1622, so versprach es der Katalog der Messe, sollten die Gesammelten Theaterstück eines britischen Autoren namens William Shakespeares erscheinen.

Diese erste offizielle Werksausgabe ist als "First Folio" bekannt. Ihr widmet das Deutsche Literaturarchiv Marbach gemeinsam mit dem britischen Globe Theatre zum 400-jährigen Jubiläum eine Ausstellung. Denn Zusammenstellung, Druck und Veröffentlichung des "First Folio" (der Begriff "Folio" bezieht sich auf das damalige Buchformat) sollten Literaturgeschichte schreiben: Zwar war William Shakespeare schon zu seinen Lebzeiten erfolgreich und bekannt, aber erst durch die weltweite Verbreitung seiner Werke im Druck rund sieben Jahre nach seinem Tod sollte er zur literarischen Legende werden. 

Bis zur Veröffentlichung des "First Folio" (sie verschob sich um ein Jahr und erschien schließlich 1623) waren nur Einzelwerke Shakespeares veröffentlicht worden. Ohne das "First Folio" wären daher große Teile von Shakespeares Werk wahrscheinlich verloren gegangen. Dank der Werkausgabe blieben sie erhalten - und Shakespeare zählt auch vier Jahrhunderte nach seinem Tod noch immer zu den meistgespielten Autoren der Welt.

Der Dichter William Shakespeare lebte von 1564 bis 1616 in Stratford-upon-Avon und LondonBild: Prisma Archivo/picture alliance

Shakespeare schreibt über Liebe, Tod - und den Krieg

Deshalb spricht die Direktorin des Literaturarchivs Sandra Richter im Zusammenhang mit dem "First Folio" von einer "verlegerischen Großtat". Durch das "Folio" sei bereits früh das "Bild eines Dichters von Weltrang" entworfen worden, heißt es in der Presseinformation des Literaturarchivs, in dem die Ausstellung gezeigt wird.

Shakespeares Werke befassen sich mit den großen Fragen, die die Menschheit sich seit vielen Jahrtausenden stellt: Warum müssen wir sterben - und wofür sollen wir leben? Was macht die Liebe aus? Was wird aus Menschen im Krieg? "Hamlet", "Ein Sommernachtstraum", "Troilus und Cressida" - um nur drei seiner Stücke zu nennen - befassen sich mit diesen menschlichen Ängsten und Sehnsüchten. Unzählige Male sind sie fürs Kino verfilmt worden und werden auf den Bühnen der ganzen Welt gespielt.

Gerade in Zeiten großer Umbrüche - mit Krieg in Europa, Energiekrise und den Auswirkungen einer Pandemie - habe Shakespeare seinem Publikum viel zu sagen, zeigt sich Sabine Richter überzeugt: "'Die Hölle ist leer, alle Teufel sind hier!', so lesen wir in Shakespeares 'Sturm' auch unsere Gegenwart", erklärt sie gegenüber der DW. "Wir kämpfen mit vielen übermenschlichen Herausforderungen, und es ist ganz unklar, wie wir sie bewältigen können. Eines jedoch ist klar: dass Shakespeare mit seinen Einsichten in Politik und Gesellschaft unser Zeitgenosse ist."

Was man von Shakespeare lernen kann

Und dieser Zeitgenosse, so fügt Gregory Doran, bis April dieses Jahres künstlerischer Leiter der britischen Royal Shakespeare Company, gegenüber der DW hinzu, kann uns Hoffnung geben: "In Macbeth, einem der grandiosen Stücke, das verloren gegangen wäre, wenn seine Schauspielerkollegen Heminges und Condell nicht das 'First Folio' herausgebracht hätten, beschreibt die Figur Ross den Zustand unserer Welt sehr genau: als einen Ort, an dem 'heftiger Schmerz als alltägliche Leidenschaft' erscheint."

Die Totenmaske Shakespeares ist ebenfalls in der Ausstellung "Will's Book" zu sehenBild: DLA Marbach

Das klingt nicht ermutigend, aber dennoch, so Doran, schöpfe Ross Hoffnung: "Denn: 'Im schlimmsten Fall wird es mit den Dingen enden, und im besten geht es wieder mit ihnen bergauf, dorthin, wo sie vorher waren'." 

In "Macbeth" geht es übrigens um einen machthungrigen Diktator, der ein Land mit Krieg und Gewalt überzieht, zuletzt aber seiner eigenen Machtgier zum Opfer fällt und gestürzt wird. Ein Stück, das es sich gerade im Jahr 2022 wieder zu schauen und zu lesen lohnt.

Die Ausstellung "Will's Book" über die Veröffentlichung des "First Folio" wird am 12. Oktober 2022 im Literaturarchiv Marbach eröffnet. Die Royal Shakespeare Company führt ganzjährig Shakespeares Stücke in London und Stratford-upon-Avon auf.

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