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7 mysteriöse Sprachen, die noch niemand entziffern konnte

25. Dezember 2025

Indus-Schrift, Rongorongo, Linear A: Einige antike Schriften können einfach nicht dechiffriert werden. Kann künstliche Intelligenz irgendwann die Codes der Vergangenheit knacken?

Diskos von Phaistos mit minoischer Hieroglyphenschrift
Der wunderschöne Diskos von Phaistos ist beidseitig mit spiralförmigen Bildzeichen verziert. Aber was bedeuten die geheimnisvollen Hieroglyphen der Minoer? Bild: Herve Champollion/akg-images/picture alliance

Du löst gerne knifflige Rätsel? Stell dir vor, jemand legt dir einen fremden Code hin - ohne Wörterbuch, ohne Grammatik, ohne Übersetzung.

Genau vor diesem Problem stehen Archäologie und Sprachwissenschaft bei mehreren alten Schriftsystemen, die trotz Hightech und KI bis heute ein Rätsel geblieben sind. Sie erzählen von Hochkulturen, deren Schrift wir sehen, aber nicht verstehen.

Svenja Bonmann ist Linguistin an der Universität Köln und beschäftigt sich mit historisch-vergleichender Sprachwissenschaft. In ihrer Forschung versucht sie, historische Sprachen zu entschlüsseln und deren Strukturen zu rekonstruieren.

"Für mich ist es sehr reizvoll, ein intellektuelles Rätsel vor mir zu haben, was so anspruchsvoll ist, dass selbst die klügsten Köpfe daran gescheitert sind", sagt sie. "Über solche Schriftzeugnisse hat man Zugang zu einer Kultur, die längst untergegangen ist." Wie mit einer Zeitmaschine könne man so mit einer fremden Kultur zumindest passiv interagieren.

Die Indus-Schrift der Harappa-Kultur umfasst etwa 400-600 piktographische Zeichen auf Siegeln, Tontafeln und Keramik - meist extrem kurze Sequenzen.Bild: Philippe Maillard/akg-images/picture alliance

Zu kurz, zu wenig, zu fremd: Die Hürden der Entzifferung

Bonmann erforscht derzeit das epi-olmekisches Schriftsystem, das einst an der südlichen Golfküste Mexikos verwendet wurde. Einzelne Inschriften und Symbole der Olmeken-Schrift weisen zwar auf ein frühes Schriftsystem hin. Doch der Bestand ist so klein und der Kontext so unsicher, dass eine Dechiffrierung sehr schwierig ist. 

Ähnlich rätselhaft ist die Indus-Schrift der Harappa-Kultur im heutigen Pakistan und Nordwestindien. Sie steht auf hunderten Siegeln und Tonscherben, aber fast immer nur in extrem kurzen Sequenzen - ob dahinter eine voll ausgebaute Sprache steckt oder eher ein Symbolsystem, ist umstritten.

Sehr abstrakt ist auch das Rongorongo der Osterinsel, das wie eine Bilderschrift aus Vögeln, Menschen und ornamentalen Formen wirkt und nur auf wenigen, teils beschädigten Holztafeln überliefert ist.

Vertrauter ist uns die minoische Kultur auf Kreta: Von ihren drei Schriftsystemen konnte nur Linear B entziffert werden, weil es sich um eine frühe Form der griechischen Sprache handelt. Die kretischen Hieroglyphen und Linear A dagegen geben bis heute Rätsel auf.

Aus Kreta stammt auch der berühmte Phaistos-Diskos aus dem 2. Jahrtausend vor Christus: ein einzigartiges Tonobjekt mit spiralförmig angeordneten Stempelsymbolen - aber als Einzelstück kaum systematisch zu entschlüsseln.

Die Linear B-Schrift der Minoer auf Kreta konnte entschlüsselt werden, aber die kretischen Hieroglyphen und Linear A bleiben weiter rätselhaft.Bild: Kena Images/IMAGO

Rätselhaft bleibt auch Etruskisch, das in der Antike in Mittelitalien gesprochen wurde. Zwar ist das Alphabet lesbar, weil es vom Griechischen abgeleitet ist, doch die Sprache selbst hat kaum erkennbare Verwandte. Das macht es schwer zu verstehen, was auf den Inschriften geschrieben steht.

Das Proto-Elamische war die früheste bekannte Schrift- und Verwaltungstradition im antiken Elam, einem Gebiet im Westen und Südwesten des heutigen Iran. Die Zeichen sind gut katalogisiert, doch die Tafeln sind oft fragmentarisch, der Inhalt wirkt wie Verwaltungsnotizen und die Sprache dahinter passt in keine bekannte Sprachfamilie.

Wenn Schriften zu unlösbaren Rätseln werden

All diese Schriften haben ein Grundproblem: Es fehlen sogenannte Rosetta-Steine, also zweisprachige Inschriften, in denen derselbe Text in einer bekannten Sprache und in der Rätselschrift vorliegt. Ohne solche Schlüssel bleibt die Zuordnung von Zeichen zu Lauten, Silben oder Wörtern schwierig.

Aber nicht unmöglich, sagt die Linguistin Bonmann - wie die Entschlüsselung von Linear B zeigte: "Man braucht nicht zwangsläufig zweisprachige Texte, aber was man braucht, ist irgendeine Art von Kontinuität zu historischen Zeiten. Zum Beispiel Ortsnamen oder Namen von Herrschern oder Göttern. Dann kann man das durchaus schaffen."

Der Stein von Rosetta enthält denselben Text in drei Schriften: So diente der bekannte griechische Text als Übersetzungsvorlage, um erstmals seit über 1500 Jahren die ägyptischen Hieroglyphen wieder lesen zu können.Bild: Daniel Kalker/picture alliance

Problematisch wird es allerdings, wenn nur wenige und sehr kurze Texte vorliegen, denn dann sind Muster schwer zu erkennen und Hypothesen schwer zu prüfen. Oder wenn Fundorte zerstört oder schlecht dokumentiert sind.

"Man arbeitet immer nur mit Fragmenten oder Bruchstücken der Vergangenheit", so Bonmann. In Europa gebe es zum Glück vergleichsweise viele Zeugnisse, in Regionen wie Mittelamerika hingegen müsse man mit dem wenigen arbeiten, "was die Konquistadoren übriggelassen haben", so die Kölner Linguistin.

Für die Entzifferung sei außerdem entscheidend, ob sich die Sprache einer bekannten Sprachfamilie zuordnen lässt. Ohne diese Einbettung fehlen Lautsysteme, Wortstrukturen und typische grammatische Muster, an denen sich Hypothesen testen lassen.

Künstliche Intelligenz nur bedingt hilfreich

Künstliche Intelligenz wird immer wieder als möglicher "Codeknacker" ins Spiel gebracht. Sie kann Zeichenfolgen auf Muster prüfen, Varianten unterscheiden, beschädigte Stellen ergänzen und Häufigkeiten zählen.

Doch bei sehr kleinen Textmengen stößt sie laut Bonmann schnell an Grenzen. Künstliche Intelligenz brauche für die Analyse eben große Datenmengen. Bei nicht entschlüsselten Schriftsystemen liegen aber meist nur sehr wenige Inschriften vor. "In meinen Augen ist es relativ unwahrscheinlich, dass in absehbarer Zeit Programme entwickelt werden, die mit so wenig Daten operieren können."

Außerdem rekombiniere KI vor allem bereits bekannte Informationen, statt wirklich Neues zu "denken", erklärt Bonmann: "Die KI variiert einfach bestimmte Phrasen und Wörter und suggeriert damit Intelligenz. Aber eigentlich ist das nur eine Intelligenz-Simulation. Das Programm denkt nicht wirklich."

So entstehen mitunter elegant wirkende, aber wissenschaftlich kaum belastbare Deutungen. Und es besteht die Gefahr, dass die Systeme die unbewussten Erwartungen von Forschenden widerspiegeln. Wenn sie etwa Verwandtschaften zu Sprachfamilien "entdeckt", die im Trainingsmaterial besonders häufig vorgekommen sind, sagt Bonmann.

Kolossalkopf der Olmeken. Die frühe mesoamerikanische Hochkultur lebte an der Golfküste des heutigen Mexiko, ihre Schrift bleibt ein Rätsel. Bild: Sashenka Gutierrez/dpa/picture alliance

Rätsel, die vielleicht Rätsel bleiben

Vielleicht liegt genau darin der besondere Reiz dieser Schriften: Sie zeigen, dass selbst im Zeitalter scheinbar allwissender Maschinen manche Stimmen der Vergangenheit stumm bleiben - zumindest vorerst.

"Wir Menschen sind, soweit wir das wissen, die einzige Spezies mit einem Geschichtsbewusstsein. Wir machen uns Gedanken darüber, wo wir herkommen und wo wir hingehen", sagt Bonmann.

Das Nachdenken über vergangene Gesellschaften, darüber, wie sie funktionierten und warum sie verschwanden, gehört für die Kölner Sprachforscherin zum Kern des Menschseins. Deshalb sei die Entschlüsselung dieser Sprachen durchaus ein hochrelevantes und aktuelles Thema. 

Alexander Freund Wissenschaftsredakteur mit Fokus auf Archäologie, Geschichte und Gesundheit
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