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Politik

Madrid: Abendmahl bei "Robin Hood"

6. Februar 2017

Service statt Schlangestehen heißt es im Madrider Restaurant "Robin Hood". Denn abends werden hier Obdachlose und Bedürftige bedient, die sonst in der Suppenküche anstehen. Hagar Jobse hat an ihrem Tisch Platz genommen.

Spanien Robin Hood-Restaurant für Flüchtlinge in Madrid
Bild: DW/H. Jobse

"Das Schlimmste ist die Scham, wenn ich in der Schlange zur Essensausgabe stehe", sagt Olga, während sie ihr Kartoffel-Omelette, verspeist. Olga ist eine kleine Frau mit grauen Haaren, die sie zu einem Pferdeschwanz gebunden hat. Seit fast zehn Jahren ist sie arbeitslos, ihren Nachnamen möchte sie lieber nicht verraten.

Olga hat eine Wohnung, aber die monatlichen 400 Euro, die sie von der spanischen Regierung erhält, reichen meist nicht bis zum Monatsende. Also muss sie im Freien bei einem der Sozialdienste für ein belegtes Brot anstehen. Ich habe jedes Mal Angst, dass mich jemand aus meiner Familie oder meinem Freundeskreis sieht", sagt sie. "Ich bin zur Universität gegangen. Was passiert, wenn ich jemandem aus meinem Jahrgang über den Weg laufe? Was würden die über mich denken?"

Service erster Klasse

Aber heute Abend muss Olga für ihr Essen nicht anstehen. Sie sitzt an einem Tisch im kürzlich eröffneten "Robin Hood" - einem eher gewöhnlichen spanischen Restaurant: einfache Holzmöblierung, ein Zigaretten-Automat in der Ecke und eine Schinkenkeule auf der Theke. Das Abendessen servieren Kellner, die regelmäßig  fragen, ob Olga noch etwas trinken oder essen möchte.

Porzellan, ordentliches Besteck und Gläser: Die Gäste sollen mit Würde essenBild: DW/H. Jobse

Dennoch ist der Ort außergewöhnlich. Denn tagsüber herrscht bei "Robin Hood" normaler Restaurantbetrieb: Ein Mittagsmenü kostet elf Euro. Abends jedoch verwandelt sich das Lokal in eine Gaststätte, in der Obdachlose oder Menschen in Not, wie Olga, ein anspruchsvolles Dinner serviert bekommen - ohne dafür zu bezahlen. Das Geschäftsmodell ist einfach: Die Einnahmen aus Frühstück und Mittagstisch finanzieren die Abendmahlzeiten der Bedürftigen. 

Friedensbote in Madrid

Das Restaurant ist die jüngste Initiative der Wohltätigkeitsorganisation "Mensajeros de la Paz" - zu Deutsch "Friedensboten". Der Priester Ángel García Rodríguez gründete die Organisation vor mehr als 50 Jahren. Im konservativen Spanien ist Vater Ángel, wie er oft genannt wird, ein Revolutionär. Vor zwei Jahren eröffnete er im angesagtem Viertel Chueca, im Zentrum Madrids, eine Kirche, die rund um die Uhr, sieben Tage die Woche geöffnet hat. Dort gibt es WLAN, einen Livestream direkt aus dem Vatikan und religiöse Filme zu sehen. Im Winter dürfen Obdachlose auf den Kirchenbänken übernachten.

An diesem Sonntag ist San Antón brechend voll. Die Menschen lauschen der Predigt von Vater Ángel. Doch anders als in anderen Kirchen herrscht beim Gottesdienst hier ein Kommen und Gehen und auch ein leises Gemurmel ist zu hören. Nach der Messe erklärt Vater Ángel, warum ihm der Lärm nichts ausmacht: "In den meisten Kirchen muss man leise sein. Wir wollen den Menschen nicht vorschreiben, wie sie sich zu verhalten haben. Wir wollen, dass sie sich willkommen fühlen."

Segen und WLAN gibt es in der Kirche San AntónBild: DW/H. Jobse

Menschen Würde zurückgeben

Zu der Restaurant-Idee habe ihn Papst Franziskus inspiriert, sagt Vater Ángel. "Er spricht immer darüber, wie wichtig es ist, den Menschen ihre Würde zurückzugeben. Würde ist mehr als den Armen eine Mahlzeit zu reichen. Es ist die Art und Weise, wie wir sie ihnen reichen." Beim Anblick der Menschen, die in der Kälte in einer langen Schlange standen und auf Essen warteten, habe er gedacht: "Warum servieren wir ihnen nicht ihr Essen in einem Restaurant mit ordentlichem Besteck und richtigen Gläsern anstelle von Plastikbechern?"

Die Wirtschaftskrise 2008 hatte schwerwiegende Folgen für die spanische Bevölkerung. Und auch Wohlfahrtsverbände wie die "Mensajores de la Paz" kämpfen noch immer mit den Konsequenzen: 30 Prozent der Spanier leben an der Armutsgrenze und 300.000 Menschen sind obdachlos.  

Hilfe für Obdachlose

Zur Zeit können jeden Tag einhundert Obdachlose und Menschen in Not, die von den Sozialdiensten in Madrid ausgesucht werden, im "Robin Hood" zu Abend essen. "Für sie ist ein Tisch reserviert, wie auch für jeden zahlenden Gast, der sich zu einem Dinner verabredet", erklärt Vater Ángel.

Und auf diese Reservierung freut sich der 62-jährige Antonio Pachón jeden Tag. Nachdem Pachón 1996 seine Geburtsstadt Sevilla verlassen hatte, lebte er auf den Straßen verschiedener spanischer Städte. "Tagsüber streife ich alleine durch die Stadt", erzählt er. "Da ist es schön, einen Platz wie diesen zu haben, an dem ein Stuhl auf mich wartet und wo ich mich mit Menschen unterhalten kann, die ich kenne. Sobald ich die Türschwelle zu diesem Restaurant überschreite, vergesse ich all meine Probleme. Und jedes Mal, wenn ich gehe, fühle ich mich etwas unbeschwerter und glücklicher."

Erst Ritz jetzt Robin Hood: Kellnerin María Vizuete findet ihre neue Arbeit sehr erfüllendBild: DW/H. Jobse

Es ist acht Uhr. Die 42 Jahre alte Kellnerin María Vizuete trägt Teller auf ihrem Arm gestapelt durch das Lokal. Während einer Pause erklärt sie, dass sie über zwanzig Jahre lang Erfahrung in Hotels und Restaurants gesammelt hat. "Ich habe im Ritz gearbeitet und anderen teuren Hotels. Aber als ich gefragt wurde, ob ich hier anfangen möchte, sagte ich sofort ja. Jetzt arbeite ich für Menschen, die es wirklich brauchen, und das ist sehr befriedigend", sagt sie. Vizuete erzählt, dass das Restaurant auch tagsüber gut gefüllt sei. "Wir sind schon zwei Wochen im Voraus ausgebucht."

Nachahmer gesucht

Auch als Elena Sánchez und ein Freund das Restaurant besuchen, ist es gut gefüllt. Sie sind soeben mit dem Nachtisch fertig. Das Mittagessen sei köstlich, und sie seien froh, dass sie mit ihrem Besuch auch noch anderen Menschen helfen können, meint sie. "Seit der Wirtschaftskrise sind viele Menschen in finanzielle Schwierigkeiten geraten, nachdem sie ihren Job verloren haben", sagt Sánchez. Sie denkt, dass die spanische Regierung noch immer keine Lösung gefunden hat, die Armut im Land in den Griff zu bekommen und meint: "Es gibt einen großen Bedarf an Initiativen wie dem 'Robin Hood' in unserem Land."

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