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Politik

Amir ist weg

Esther Felden
15. Dezember 2016

Drei Jahre hat Ute Schlipf für Amir gekämpft. Umsonst. Jetzt ist der junge Mann nach Afghanistan abgeschoben worden. Er wurde vor ihren Augen verhaftet. Der DW schildert sie, was passiert ist und was sie dabei fühlt.

Abgeschobener Flüchtling Amir Khan Afzali
Bild: FK Asyl Abtsgmünd

Wie und wann haben Sie Amir Khan Afzali kennengelernt?

Ich kenne ihn seit Frühjahr 2014. Damals wurde er von Aalen nach Abtsgmünd in Baden-Württemberg verlegt. In Deutschland angekommen ist er aber schon fast drei Jahre früher, Ende Mai 2011. Kurz darauf hat er dann Asyl beantragt.

Was wissen Sie über seine Fluchtgeschichte?

Amir stammt aus der Provinz Pandschir (ca. 100 Kilometer nordöstlich von Kabul, Anm. der Red.). Sein Vater war in Afghanistan ein höherer Offizier und relativ wohlhabend. Er wurde umgebracht, als Amir ein Teenager war. Es ist nie bewiesen worden, aber der Verdacht liegt nahe, dass die Taliban hinter der Tat steckten. Und wenige Wochen später ist seine Mutter verschwunden. Er weiß nicht, ob sie abgetaucht ist, entführt oder auch ermordet wurde. Wenige Wochen danach hat er seine Heimat verlassen. Mit dem Geld seines Vaters konnte er die Flucht bezahlen. Er kam dann mit Hilfe von Schleusern über den Iran, die Türkei, Griechenland, Italien und Frankreich nach Deutschland. Er selbst sagt, er sei bei der Einreise 16 Jahre alt gewesen, beim Bundesamt wurde aber 1993 als offizielles Geburtsjahr angegeben.

Wie haben Sie ihn erlebt?

Vielleicht ist das genau der Punkt, der ihm letztendlich zum Verhängnis wurde: Amir ist ein sehr zurückhaltender und extrem misstrauischer Mensch. Es fällt ihm nicht leicht, Vertrauen zu fassen. Ich denke, dass er an einer tiefen Depression leidet. Er war deshalb auch in psychologischer Behandlung, hat das aber abgebrochen. Er hat mir gesagt, er könne nicht mehr zu den Sitzungen gehen, denn alles, was dort wieder an die Oberfläche käme, sei zu viel für ihn. Er könne jedes Mal, wenn er dort gewesen sei, nächtelang nicht mehr schlafen. Er wolle einfach nur vergessen. Darüber zu reden, was früher war, würde ihn zu sehr belasten und nur fertig machen. Das würde ihm nicht helfen.

Ute Schlipf (rechts) und andere Mitglieder vom Freundeskreis Asyl Abtsgmünd in Baden-WürttembergBild: FK Asyl Abtsgmünd/U. Schlipf

Amir ist ein Mensch, der immer einsame Entschlüsse gefasst hat. Es war schwer, mit ihm zusammenzuarbeiten. Manchmal war er über Wochen oder sogar Monate nicht mehr erreichbar. Er ging nicht ans Telefon, und es war überhaupt nicht möglich, ihn in irgendeiner Weise zu kontaktieren. Das war auch etwas, woran seine Anwältin - die wirklich verbissen um ihn gekämpft hat - letztendlich vielleicht gescheitert ist: Weil er wiederholt einfach nicht bereit war für eine Zusammenarbeit.

Wovon hat Amir geträumt?

Er hat immer wieder gesagt, dass er gezielt nach Deutschland kommen wollte, weil er dachte, hier hätte er die Chance, etwas zu lernen. Offensichtlich hatte er die Information, dass man in Deutschland auch als Flüchtling die Chance auf eine Ausbildung bekommt. Das war ihm wichtig. Er hat immer gesagt, dass er einen Beruf lernen möchte. Richtig festgelegt hatte er sich da noch nicht, aber es hätte in Richtung Handwerk gehen sollen.

Was haben Sie getan, um ihn bei seinem Asylverfahren zu unterstützen?

Dadurch, dass er so verschlossen war, war das manchmal wirklich schwierig. Normalerweise begleite ich Flüchtlinge zum Rechtsanwalt. Aber er ist meist mit einem anderen Afghanen, der schon länger in Deutschland lebt, hingegangen. Was das Rechtliche angeht, da war ich also eher sporadisch involviert.

Wie hat er und wie haben Sie reagiert, als die Pläne der Bundesregierung bekannt wurden, dass es diese Massenabschiebungen nach Afghanistan geben soll? Hatte er Angst, dass er auch selbst betroffen sein könnte?

Da muss ich jetzt ein kleines bisschen ausholen. Amir ist mit vielen Hoffnungen hierhergekommen, wurde aber von Anfang an blockiert. Sein Asylverfahren war 2012 zu Ende, und er ist eigentlich seitdem vollziehbar ausreisepflichtig. Zugleich war er von einem Arbeits- und Ausbildungsverbot betroffen, weil er keinen Pass vorweisen konnte. Ihm wurde auch über ein halbes Jahr lang das Geld, das er normalerweise bekommen hätte (320 Euro im Monat) auf 150 Euro gekürzt. Er wurde also systematisch ausgebremst und das hat ihn frustriert. Und obwohl die Anwältin so verbissen um ihn gekämpft hat, hat er dann ohne Rücksprache mit ihr, mir, oder seinen afghanischen Freunden am 20.6. dieses Jahres auf der Ausländerbehörde ganz spontan unterschrieben, dass er bereit wäre, freiwillig auszureisen.

Warum?

Als er mir das erzählt hat, habe ich gefragt: Aber Amir, was willst du denn in Afghanistan? Da hat er gesagt, er wisse es auch nicht, aber hier gehe nichts mehr vor und nichts zurück. Dann würde er lieber zurückgehen. Ich habe gefragt: Wohin denn? Und was willst du dort? Er hat zugegeben, dass er dort niemanden mehr kennt und seit Jahren keinen Kontakt mehr in die Heimat hat. 

Wie erklären Sie sich seinen Schritt?

Das war eine Übersprunghandlung. Es war zum einen der totale Frust. Amir ist immer mit hängendem Kopf herumgelaufen. Er hat keine Chance, keine Zukunft hier mehr gesehen. Zum anderen wurde ihm versprochen, wenn er freiwillig zurückreisen würde, würde er ein Startkapital zwischen 3.000 und 3.500 Euro bekommen. Als ich das gehört hab, hab ich gesagt: Amir, das glaub ich nicht, dass das so funktioniert. Ich habe mich dann erkundigt. Es gibt über die Internationale Organisation für Migration (IOM) in Deutschland schon Beihilfen bei freiwilliger Rückreise. Er hätte das Flugticket bezahlt bekommen, 200 Euro Reisekostenbeihilfe und 500 Euro Startgeld. Also 700 Euro hätte er praktisch bar auf die Hand erhalten können. Es gibt dann anscheinend vom  IOM - das hat er offenbar falsch verstanden oder es ist ihm falsch mitgeteilt worden - bis zu der Größenordnung, die er genannt hat, Existenzgründerhilfen. Allerdings nur, wenn man eine konkrete Geschäftsidee hat. Wenn er zum Beispiel sagen würde, er macht jetzt eine Schneiderei auf und braucht dafür drei Nähmaschinen oder so, dann könnte er da Gelder beantragen. Er müsste dann aber wahrscheinlich nachweisen, dass er dieses Geld tatsächlich in ein Geschäft investiert und Belege dafür haben.

Seit dem Frühjahr 2011 war Amir in DeutschlandBild: FK Asyl Abtsgmünd

Glauben Sie denn, dass er wirklich zurückwollte?

Nein. Das wollte er absolut nicht. Und wir waren auch wirklich dabei, zu überlegen, wie man aus dieser ganzen Sache wieder rauskommt. Ich habe ihm gesagt, dass er das zurückziehen muss. Ich habe auch Kontakt aufgenommen mit seiner Anwältin, die aber leider mittlerweile schon so frustriert war, dass sie gesagt hat, sie sehe sich nicht mehr imstande, ihn da irgendwie zu vertreten. Ich habe auch verschiedene Beratungsstellen kontaktiert wegen eines Asylfolgeantrags. Er hat auch aktiv mit überlegt, wie wir ihn aus dieser freiwilligen Ausreise wieder rausbekommen.

Ihm war also schon klar, dass er da einen Fehler gemacht hat?

Absolut. Vor allem, als ich ihm gesagt hab: Das mit deinen 3000 Euro, das klappt nicht so ohne Weiteres. Was soll er denn machen? Er hat ja gar keine Ausbildung. Was für eine Geschäftsidee soll das sein?

Jetzt ging es ja am Ende doch sehr schnell zwischen der Ankündigung und der tatsächlichen ersten Abschiebung. Inwieweit hat Sie das kalt erwischt?

Ich hatte im Zuge der Abschiebung Zugang zu seinem Zimmer, weil ich seinen Koffer gepackt habe. Und da habe ich seine Papiere geordnet. Dabei habe ich einen auf den 18.11. datierten Brief von der Ausländerbehörde gefunden. Darin haben sie ihm ein Ultimatum gestellt, dass er bis zum 11.12. ausgereist sein müsse. Diesen Brief hatte er mir sogar gezeigt, allerdings erst Anfang Dezember. Ich weiß noch, dass ich damals dachte: Da haben wir ja nicht einmal mehr 14 Tage Zeit. In dem Brief stand drin, dass, wenn er am 11. Dezember nicht ausgereist sei, Abschiebungsmaßnahmen eingeleitet würden. Ich persönlich vermute im Nachhinein, dass die Behörde schon damals wusste, dass dieser Flug stattfinden würde. Er bekam auch eine Einladung von der Ausländerbehörde für den 12. Dezember. In dieser wurde er zu einem Vorgespräch gebeten  "um", Zitat, "über die weitere Vorgehensweise bezüglich Ihrer Ausreisemöglichkeiten zu beraten".

Abgeschobene Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in KabulBild: Reuters/O. Sobhani

Ich habe  ihm gesagt: Du gehst nicht zu diesem Termin. Ich wollte, dass er mich bevollmächtigt, seine Angelegenheiten dort zu vertreten.  Darauf wollte er sich nicht einlassen und sagte: Nein, warum? Das ist für mich nicht riskant dort. Was wollen Sie denn tun? Ich habe ja keinen Pass. Dann habe ich gesagt: Ok, dann geh halt hin. Ich komme mit. Das hat er akzeptiert. Als wir am 12.12. vor das Landratsamt vorfuhren, stand da ein Polizeiauto. Da sagte ich Amir: Das gefällt mir nicht. Bleib einfach draußen. Lass mich allein reingehen. Er fragte, was denn los sei. Ihm passiere schon nichts. Wir sind reingegangen und waren circa zwei Minuten vor dem  Ausländerschalter. Dann ging die Tür auf und ein Polizist kam herein. Das ist mir schon zum zweiten Mal passiert. Dass sie Leute unter einem Vorwand in die Behörde locken, um sie dann festzunehmen. Vor meinen Augen. Das finde ich unwürdig und schäbig.

Hatten Sie überhaupt die Möglichkeit, sich kurz zu verabschieden und ihm etwas auf den Weg zu geben?

Er wurde durchsucht. Ihm wurden Handschellen angelegt. Ich habe natürlich gefragt: Muss das denn sein? Amir hat gefragt: Ich gehe doch mit. Was soll das? Sie sagten mir, so seien die Vorschriften. Ich habe gesagt, sie sollten ihm wenigstens seine Würde lassen. Aber er wurde dann gefesselt. Ich habe gefragt: Kann ich noch mit ihm telefonieren oder reden? Die Antwort: Nein, das sei nicht mehr möglich. Das Handy haben sie ihm abgenommen. Ich habe es noch mehrfach versucht, aber ohne Erfolg. Das war kein richtiger Abschied. Ich wollte ihm nicht sagen: Amir, alles Gute! Ich wollte noch um ihn kämpfen. Aber da war wirklich nichts mehr zu machen.

Werden Sie weiter versuchen, ihn aus Deutschland zu unterstützen und den Kontakt zu halten?

Ich hoffe natürlich, dass er sich mit uns in Verbindung setzt. Denn in drei Jahren entsteht ja auch eine Beziehung. Was mich sehr frustriert, ist die Tatsache, dass wenn ich bei den Behörden oder bei der Polizei anrufe, immer die Auskunft bekomme, aus datenschutzrechtlichen Gründen dürfe man mir keine Auskunft geben, weil ich eine Unbeteiligte sei. Ich habe auch bis jetzt keine offizielle Bestätigung bekommen, dass er im Flieger saß.

Ute Schlipf engagiert sich seit Jahren beim Freundeskreis Asyl Abtsgmünd für Flüchtlinge.

Anmerkung: Nach dem Interview hat Ute Schlipf Amir auf einem Foto erkannt, das im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Abschiebung auf der Internet-Seite der Tagesschau veröffentlicht wurde. Sie weiß daher jetzt mit Sicherheit, dass er auch wirklich dabei war.