Absturzgefahr
20. September 2001
Für die internationalen Luftfahrtgesellschaften hätte der Anschlag auf das World Trade Center zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können. Denn die Carrier befinden sich schon seit einiger Zeit im Sinkflug, schon seit Monaten kämpfen sie mit immer höheren Kosten und erzielen immer niedrigere Gewinne. Zahlreiche Gesellschaften schreiben sogar schon seit Monaten im Flugbetrieb rote Zahlen, haben das bisher aber durch Einnahmen aus anderen Geschäftsfeldern, wie beispielsweise Catering oder Abfertigung, vor ihren Aktionären verschleiern können.
Der erzwungene Flug einer United Airlines- und einer American Airlines-Maschine in die beiden Türme des New Yorker Wahrzeichens hat die prekäre Lage nur allen deutlich gemacht. Aufgrund der Erfahrungen aus dem Golfkrieg vor zehn Jahren rechnen die internationalen Fluggesellschaften damit, daß aus Angst vor neuen Anschlägen rund 20 Prozent weniger Passagiere ihre Maschinen benutzen werden. Der Konjunktureinbruch wird weltweit stärker sein, als noch vor wenigen Wochen erwartet wurde. Auch deshalb werden Fluggäste ausbleiben.
Doch schon in den ersten Monaten dieses Jahres haben die Luftfahrtunternehmen weniger Passagiere an ihren Schaltern begrüßen können als sie ursprünglich für dieses Jahr erwartet hatten. Insbesondere die gut zahlenden Kunden für die Business Class sind ausgeblieben, weil nach dem drastischen Rückgang der wirtschaftlichen Tätigkeit in den USA, aber auch in Europa und in Asien, die Unternehmen ihre Etats für Geschäftsreisen kräftig zusammengestrichen haben. Hinzu kamen weit größere Kostensteigerungen als die Manager es bei den Planungen für 2001 erwartet hatten. Der gestiegene Preis insbesondere für Flugbenzin sorgte dafür, daß bei vielen Gesellschaften die Kalkulationen schnell hinfällig wurden. Die Deutsche Lufthansa beispielsweise hatte schon im Sommer ihre Gewinnschätzungen für dieses Jahr um 20 bis 30 Prozent zurückgenommen - und das nicht nur wegen der höheren Pilotengehälter, die die deutsche Airline nach dem Streik ihrer Top-Angestellten im Frühjahr berappen muß.
Wenn jetzt zahlreiche Luftfahrtgesellschaften ankündigen, sie würden mit einem drastischen Stellenabbau auf die Folgen der Terroranschläge reagieren, dann ist das eben nur die halbe Wahrheit. Viele nutzen jetzt die Gelegenheit, Pläne umzusetzen, die sie ohnehin in der Schublade hatten. Die Folgen der Terroranschläge erleichtern es ihnen jetzt, mit der "worst case"-Variante auf den Markt zu kommen, die in normaleren Zeiten möglicherweise zu unfruchtbaren Auseinandersetzungen mit Gewerkschaften und Politikern geführt hätte.
Und so ist es fast schon perfide, wenn die amerikanischen Carrier jetzt von ihrer Regierung massive Finanzhilfen fordern und teilweise auch zugesagt bekommen. Der Regionalflieger Midway Airways beispielsweise stellte nur einen Tag nach dem schrecklichen Ereignis in New York einen Insolvenzantrag. Und bei Continental Airlines ist die finanzielle Schieflage auch nicht erst nach dem Zusammenbruch der Twin Towers aufgetreten.
Rund 15 Milliarden Dollar will die US-Regierung zur Unterstützung der amerikanischen Carrier jetzt bereitstellen. Damit verhindert sie indes nur den Bereinigungsprozeß, der nicht nur in der US-Branche längst notwendig wäre. Europas Verkehrspolitiker werden fast gezwungen, ebenfalls Finanzhilfen in der einen oder anderen Form bereitzustellen mit der Folge, daß auch hier Luftfahrtgesellschaften weiterhin fliegen können, die ohne Staatsgelder längst pleite wären.
So hart es klingt: Die Terroranschläge von New York und Washington haben manchem Carrier einen Galgenfrist eingebracht. Ob sie genutzt werden, um den endgültigen Absturz zu vermeiden, hängt in erster Linie von der weltwirtschaftlichen Entwicklung ab.