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Gesellschaft

Abtreibungsgegner in Russland

Emily Sherwin /mb
25. August 2017

Die Anti-Abtreibungsbewegung in Russland ist klein, aber einflussreich. Eine Aktivistengruppe behauptet, eine Million Unterschriften für ein Abtreibungsverbot gesammelt zu haben. Emily Sherwin berichtet aus Moskau.

Russland - Abtreibungsgegner "Für das Leben"
Bild: K. Kuznetsova

Eine vergoldete Statue der Jungfrau Maria wacht über die Betenden. In einer orthodoxe Kirche am Rande von Moskau entzünden Kirchgänger Kerzen beim Mitternachtsgottesdienst. Einige tragen knallige, grüne T-Shirts oder Anstecker, alle mit demselben Logo: Zwei Hände, die schützend einen Embryo halten, darüber die Worte "Für das Leben". Die Menschen, die sich heute hier versammelt haben, beten vor allem für eines: für ein Verbot aller Abtreibungen in Russland.

Die nächtliche Andacht schließt den ersten Tag des achten jährlichen "Internationalen Festivals für die sozialen Maßnahmen zum Erhalt der Familienwerte" ab, organisiert von Aktivisten der Gruppe "Für das Leben". Die Organisation hat über eine Million Unterschriften für ein Abtreibungsverbot in Russland gesammelt. Einer der Unterzeichner ist das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Kyrill I. Die Abtreibungsgegner planen, die Petition dem russischen Präsidenten Wladimir Putin persönlich zu überreichen.

Das Logo von "Für das Leben" zeigt zwei Hände, die schützend einen Embryo haltenBild: DW/E. Sherwin

"Beim Festival beten wir dafür, dass Abtreibungen ein Ende finden. Das ist unser Hauptziel, unser Hauptanliegen. Das ist, worauf wir alle unsere Stärke konzentrieren", erklärt Anastasia Meschennikowa, die die Abtreibungsgegner in Moskau koordiniert.

Abtreibungsgegner in ganz Russland

Die "Für-das-Leben"-Bewegung vereint 160 Anti-Abtreibungsgruppen aus ganz Russland. Laut Aktivisten gibt es im ganzen Land insgesamt rund 300 solcher Organisationen. Beim Festival in Moskau sind die meisten Teilnehmer orthodoxe Christen, wobei die Organisatoren betonen, dass dies keine Voraussetzung sei, um sich in der Bewegung zu engagieren. Das Festivalprogramm umfasst Vorträge, Seminare und Treffen mit Vertretern der Anti-Abtreibungslobby aus Spanien, Serbien und Italien.

Das menschliche Leben beginnt für die Leute von "Für das Leben" mit der Empfängnis.  Zum Festival haben viele ihre Kinder mitgebracht. Sie spielen mit den grünen und weißen Ballons, die die Treppengeländer im Hotel schmücken, während sie auf ihre Eltern warten. Die Treppen, die zu den Konferenzräumen führen, sind auch dekoriert mit Bildern und Namen kleiner Kinder, die "heute nicht existieren könnten”. 

Anastasia Meschennikowa und ihre Mitstreiter beten für ein AbtreibungsverbotBild: DW/E. Sherwin

"Für das Leben" unterstützt auch Mütter, die sich gegen eine Abtreibung entschieden haben. Sie verteilen Essen und Kleider an arme Familien und leiten Heime für junge Mütter mit wirtschaftlichen oder privaten Problemen - aber natürlich nur, wenn sich die Frau gegen eine Abtreibung entschieden hat. Die Organisation behauptet, so 6907 Kinder seit 2015 "gerettet" zu haben.

Trotzdem glauben die Aktivisten, dass ein Abtreibungsverbot notwendig sei. "Meiner Meinung nach kann ein Gesetz die Leute besser überzeugen und disziplinieren. Deshalb glauben wir, dass ein Gesetz nötig ist", sagt Meschennikowa.

Eine schwierige Debatte

Die russische Regierung hat gewisse Sympathien für die Abtreibungsgegner gezeigt. Im letzten Jahr, als das Oberhaupt der orthodoxen Kirche die Petition von "Für das Leben" unterschrieb, sprach sich Russlands Kinderrechtsbeauftragte Anna Kusnezowa dafür aus, Abtreibungen aus dem Leistungskatalog der staatlichen Krankenkassen zu streichen.

Für die Abtreibungsgegner beginnt das Leben mit der EmpfängnisBild: K. Kuznetsova

In diesem Monat hat die Regierung einen Plan zur "Entwicklung eines gesunden Lebens" vorgestellt. Eines der Ziele: Die Abtreibungsrate in den kommenden acht Jahren um 30 Prozent zu senken. Um dieses Ziel zu erreichen, plant die Regierung eine Werbekampagne gegen Abtreibungen, die im März 2018 starten soll.

Bisher hat jedoch die Idee, Abtreibungen ganz zu verbieten – oder sie zumindest aus den Leistungen der staatlichen Krankenkasse zu streichen – wenig Unterstützung gefunden. Das russische Parlament lehnte 2015 ein entsprechendes Gesetz ab. Die russische Gesundheitsministerin Veronica Skorzowa glaubt, Abtreibungen aus den Kassenleistungen zu streichen würde die Gesundheit von Frauen gefährden.

Viele ungewollte Schwangerschaften

Aber das Thema ist im Gespräch geblieben. Grund dafür sind - neben dem wachsenden Einfluss der orthodoxen Kirche - die russischen Abtreibungszahlen. Das Land hat eine der höchsten Abtreibungsraten der Welt. Über 800.000 Abtreibungen wurden laut Regierungsstatistiken 2016 durchgeführt, im Jahr davor waren es sogar 850.000. Im Jahr 2015 kamen damit 23 Abtreibungen auf 1.000 Frauen. Im Vergleich: in Deutschland lag die Rate bei 5,6 Abtreibungen pro 1.000 Frauen.

Sowjetrussland war das erste Land weltweit, dass 1920 Abtreibung legalisierte. Selbst als sie unter Josef Stalin von 1936 bis 1955 offiziell verboten war, wurde sie noch oft durchgeführt. Kondome wurden "Galoschi" geschimpft, Gummistiefel, und die Pille war erst nach dem Ende der Sowjetunion verfügbar.

Auch heute seien hormelle Verhütungsmittel in Russland oft teuer und in vielen Regionen nach wie vor schwer zu finden, so die Leiterin der Russischen Gesellschaft für Bevölkerung und Entwicklung, die Gynäkologin Ljubow Erofeewa. "Unsere Bevölkerung steht vor der Wahl: Kondome oder beim Sex vorzeitig aufhören. Das sind absolut keine zuverlässigen Methoden. Deshalb haben wir so viele ungewollte Schwangerschaften und Abtreibungen."

Der Kampf um Russlands Babys

In Russland wird die Diskussion, wie man die Zahl der Abtreibungen vermindern kann, oft als Teil eines "patriotischen Kampfes" darum, die Geburtenrate zu steigern, gesehen. Beim "Für-das-Leben"-Festival hängt ein Zitat von Wladimir Putin auf einem großen Spruchband: "Die Frage der Demographie ist überlebenswichtig. Entweder wir überleben – oder nicht."

Die Organisation nutzt die Regierungspolitik zu ihrem Vorteil, erklärt ihr Leiter Sergej Tschesnokow offen. "Wir wissen, dass für die Anhänger unserer Bewegung das Leben eines Kindes vor der Geburt das Allerwichtigste ist. […] Aber für die Regierung ist die Geburtenrate das Allerwichtigste. Darum reden wir mit der Regierung in der Sprache der Demographie, wir benutzen wissenschaftliche Argumente."

Für Sergej Tschesnokow sind Abtreibungen "schädlich für unsere nationale Sicherheit" Bild: G. Kuzmishchev

Das scheint zu funktionieren. Laut Tschesnokow wird die Gruppe vor allem durch private Spender finanziert, die oft über die Kirche angeworben werden. Aber manche Anti-Abtreibungsprogramme werden auch durch staatliche Fördergelder finanziert. Ein 2015 abgeschlossenes Abkommen zwischen der russisch-orthodoxen Kirche und dem Gesundheitsministerium erlaubt es Psychologen, die von den Abtreibungsgegnern bezahlt werden, in staatlichen Krankenhäusern zu arbeiten und in Beratungsgesprächen zu versuchen, Frauen von Abtreibungen abzubringen. Allein in Moskauer Kliniken gibt es laut einem Aktivisten 200 Psychologen, die von  "Für das Leben" finanziert werden.

Russen für den Status quo

Trotzdem ist ein Abtreibungsverbot unter Russen nicht sonderlich beliebt. In einer aktuellen Umfrage des unabhängigen Lewada-Zentrums stimmten nur zwei Prozent der Befragten einem vollständigen Abtreibungsverbot zu, und nur sieben Prozent sprachen sich dafür aus, dass medizinisch nicht notwendige Abtreibungen verboten werden sollten. 59 Prozent der befragten Russen waren der Meinung, dass die Regierung Frauen selbst die Entscheidung überlassen sollte. 

Wie die meisten Russen ist Frauenärztin Lujbow Erofeewa gegen ein Abtreibungsverbot Bild: L. Erofeeva

Gynäkologin Erofeewa sieht die Behauptung, ein Abtreibungsverbot würde zu mehr Geburten führen, skeptisch. "Daten aus allen Ländern weltweit zeigen, dass diese beiden Faktoren voneinander unabhängig sind", so Erofeewa. "Wir werden Abtreibungen durch ein Verbot nicht verhindern. Leute werden sich nicht plötzlich dagegen aussprechen. Sie werden sie einfach im Untergrund durchführen."

Nur Unterricht in Sexualkunde und staatlich finanzierte Verhütungsmittel könnten die Abtreibungszahlen verringern, sagt Erofeewa. Und selbst dann "kann ich nicht sagen, dass Abtreibungen verschwinden werden; sie sind bisher nirgendwo verschwunden.”

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