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ADHS bei Erwachsenen: Warum die Diagnosezahlen explodieren

Veröffentlicht 22. Dezember 2025Zuletzt aktualisiert 23. Dezember 2025

Immer mehr Menschen erhalten ihre ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter. Für viele ist sie Erklärung und Erleichterung zugleich. Was hinter dem Anstieg steckt - und warum besonders Erwachsene lange übersehen wurden.

Ein Graffiti bildet die Buchstaben ADHS
Lange wurde ADHS als Kinderkrankheit gesehen. Langsam zeigt sich, dass dies ganz und gar nicht der Fall ist. Bild: picture alliance / Wolfram Steinberg

Während der Schulzeit hatte Mara (Name von der Redaktion geändert) keine größeren Probleme. Sie kam gut klar, Prüfungen bereiteten ihr wenig Schwierigkeiten.

Problematisch wurde es erst im Studium. "Während meine Kommiliton*innen konzentriert in der Bibliothek durchgelernt haben, hing ich schnell am Handy und ließ mich ablenken." Eine Weile ging das gut, doch als ihre Freunde und Freundinnen nach und nach ihren Abschluss machten, während Mara immer noch mit Struktur und Fokus kämpfte, merkte sie: "Ok, hier läuft etwas schief."

Die ADHS-Diagnose kam über Umwege. Nach einer depressiven Episode und mehreren erfolglosen Behandlungen mit verschiedenen Medikamenten schlug ihre Psychiaterin vor, auch eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) abzuklären. Volltreffer. "Das war, als hätte mir jemand die Augen geöffnet", sagt Mara. Damals war sie Mitte 20.

Mara verstand, dass Vieles, was sie lange als persönliches Versagen verstanden hatte, nicht ihre Schuld war. "Ich erkannte: Es liegt nicht daran, dass ich mich nicht genug anstrenge, sondern daran, dass mein Kopf anders ist. Und dass ich eben gegen Widerstände arbeite, gegen die andere nicht arbeiten müssen."

Mara ist kein Einzelfall. Immer mehr Betroffene erhalten ihre Diagnose erst im Erwachsenenalter.

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Epidemiologische Studien aus verschiedenen Ländern schätzen, dass zwei bis drei Prozent der Erwachsenen ADHS haben. Laut Krankenkassendaten aus Deutschland lagen die Diagnosen bislang deutlich darunter, bei gerade mal 0,2 bis 0,4 Prozent.

Neue Abrechnungsdaten, veröffentlicht im Ärzteblatt International, haben die ADHS-Diskussion nun wieder neu entfacht: Zwischen 2015 und 2024 stieg die Häufigkeit von AD(H)S-Neudiagnosen bei gesetzlich krankenversicherten Erwachsenen von 8,6 auf 25,7 pro 10.000 Personen an - fast eine Verdreifachung der sogenannten Inzidenz, der Zahl der neuen Diagnosen in einem bestimmten Zeitraum.

Der Trend ist kein rein deutsches Phänomen. Auch international steigen die Zahlen deutlich. In den USA hat sich die Zahl der Erwachsenen mit ADHS-Diagnose in den letzten zwei Jahrzehnten mehr als verdoppelt.

Das klingt erst einmal viel. Doch wie sind die Zahlen einzuordnen?

"Man kann ganz nüchtern sagen: ADHS im Erwachsenenalter wird in den letzten zehn Jahren deutlich mehr diagnostiziert", sagt Dr. Swantje Matthies, Psychiaterin und Verhaltenstherapeutin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg. "Wahrscheinlich, weil bislang viele Erwachsene mit ADHS keine Diagnose bekommen hatten."

ADHS ist keine Kinderkrankheit

Lange galt ADHS vor allem als Störung im Kinder- und Jugendalter - es hielt sich das Bild des klassischen Zappelphilipps, der nicht stillsitzen kann, nicht konzentriert bleibt, auffällt.

Heute wissen wir: ADHS ist bis zu 80 Prozent genetisch bedingt und von Geburt an vorhanden. Dass viele Erwachsene erst spät diagnostiziert werden, liegt auch an geschlechtsspezifischen Unterschieden. Während Jungen im Kindesalter häufiger hyperaktiv und impulsiv sind, zeigen Mädchen unauffälligere Symptome. Sie sind eher verträumt und unaufmerksam. "Die Symptome werden schlechter erkannt und eher als depressiv missverstanden", so Matthies.

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Auch in der aktuellen Analyse spiegelt sich das: Bei jungen Frauen wird die Diagnose besonders häufig gestellt. Ihre Diagnoseraten gleichen sich im Erwachsenenalter denen von Männern an. Außerdem kann sich die Symptomatik verändern. Hyperaktivität wird später oft zu innerer Unruhe, Aufmerksamkeitsprobleme bleiben bestehen.

Wie wird ADHS diagnostiziert?

Die ADHS-Diagnose bei Erwachsenen ist komplex. Sie basiert auf ausführlichen Gesprächen, Fragebögen und der Rekonstruktion der Lebensgeschichte. Entscheidend ist, ob Symptome bereits vor dem zwölften Lebensjahr bestanden - und bis heute zu Einschränkungen führen.

"Das ist retrospektiv nicht einfach", sagt Matthies. "Wer erinnert sich schon genau daran, wie er mit acht war?" Deshalb helfen oft alte Schulzeugnisse. Zudem müssen andere Ursachen ausgeschlossen werden: Viele psychische Erkrankungen gehen mit Konzentrationsproblemen einher.

Warum die ADHS-Diagnosen jetzt zunehmen

Die Studienautoren nennen mehrere Gründe für den Anstieg der Diagnosen. Dazu gehört, dass ADHS mehr Aufmerksamkeit in der Gesellschaft bekommt. Zudem gab es Änderungen im Klassifikationssystem, mit dessen Hilfe Diagnosekriterien für verschiedene Krankheiten aufgestellt werden. Auch Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die psychische Gesundheit sehen die Forschenden als Grund. Mehr Betroffene suchen in den letzten Jahren bei psychischen Problemen Hilfe.

Die steigenden Neudiagnosen bedeuten also nicht automatisch, dass ADHS häufiger wird. Sie deuten vor allem auf bessere Diagnostik hin. 

Doch Matthies merkt an, dass alles, was sich um das "Warum?" dreht, Mutmaßungen sind. Aufschluss über die Gründe können erst weitere Studien und Erhebungen in den nächsten Jahren klären. Sie erwartet, dass sich die Zahlen langfristig auf einem Plateau einpendeln - ähnlich wie bei den ADHS-Daten, die für Kinder vorliegen.

Social Media: Aufklärung oder Überdiagnose?

Soziale Medien tragen ebenfalls dazu bei, dass ADHS sichtbarer wird - oft in vereinfachter Form. Auch das wird dazu beigetragen haben, dass Personen sich eher diagnostizieren lassen. Grundsätzlich eine gute Sache, so Matthies - aber:

"Ich finde gut, dass Informationen und Erfahrungsberichte geteilt werden, dass aufgeklärt und entstigmatisiert wird. Aber es gibt auch viel Irreführendes und inflationäre Inhalte", sagt sie.

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Auch Mara sieht die Inhalte als Betroffene ambivalent. "Wenn es Menschen hilft, ihre eigene Denkweise besser zu verstehen, ist das gut," sagt sie. Auch wenn es Leute dazu bringt, sich professionell diagnostizieren und helfen zu lassen. Schwieriger hingegen findet sie es, wenn aus TikTok-Videos voreilige Schlüsse über die eigene psychische Gesundheit gezogen werden.

Was die Diagnose verändert - und was nicht

Für viele ist die Diagnose ein Einschnitt - entlastend, weil sie erklärt, warum manche Strategien nicht greifen, und welche helfen. Bei Mara waren Verhaltenstherapie und Medikamente entscheidend. "Es ist, als hätte man die Schwierigkeitsstufe meines Lebens runtergestellt."

Gleichzeitig lernte sie, eigene Arbeitsweisen anzunehmen - inklusive Hyperfokus, also Phasen intensiver Konzentration. Ein typisches ADHS-Merkmal. "Ich kann ein Paper in einer Woche schreiben. Nur weil andere das nicht so machen, heißt es nicht, dass es falsch ist."

Mara schätzt, dass ihre ADHS auch Stärken mit sich bringt: ihre Begeisterungsfähigkeit, ihr Blick für Zusammenhänge. "Das würde ich nicht loswerden wollen", sagt sie. Die Kehrseiten wie Konzentrationsschwierigkeiten selbst bei Dingen, die sie gerne tut, seien der Preis, den sie dafür zahlen müsse.

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"Es gibt Leute, die von ihrer ADHS sehr profitieren - bei denen ist sie eine große Ressource", sagt Swantje Matthies. "Gleichzeitig sollte man nicht vergessen, dass viele an ganz alltäglichen Aufgaben scheitern und Unterstützung brauchen." Denn ADHS bewegt sich auf einem Spektrum und ist nicht bei allen gleich ausgeprägt.

Was sich ändern muss, damit mehr Menschen zurechtkommen

ADHS bleibt eine Herausforderung - nicht nur für Betroffene, sondern auch für die Gesellschaft. Swantje Matthies sagt, dass wir in vielen Bereichen nicht besonders gut auf Menschen mit ADHS eingestellt sind. "Für viele Menschen mit psychischen Erkrankungen wäre es gut, Nischen zu finden, in denen sie ihre Stärken ausspielen können und Eigenarten geschätzt werden." Gleichzeitig sei dies vielleicht aber auch eine Wunschvorstellung, weil viele Jobs Konformität verlangen.

Mara glaubt, dass alle von einer ADHS-freundlicheren Gesellschaft profitieren würden. "Nicht im Großraumbüro zu sitzen, sondern in reizärmeren Umgebungen, und die Möglichkeit zu haben, Arbeitszeiten flexibler zu legen", sagt sie. "Das hilft vielen, nicht nur Menschen mit ADHS."

Hannah Fuchs Multimedia-Reporterin und Redakteurin mit Fokus auf Technik, digitalen Themen und Psychologie.
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