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AfD: Annäherung an Rechtsextremisten

28. Januar 2026

Funktionäre der Partei AfD suchen offen den Kontakt zum österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner. Dabei steht dessen Identitäre Bewegung auf der sogenannten Unvereinbarkeitsliste der Partei.

Der rechtsextreme österreichische Aktivist Martin Sellner am 23.2.2024 auf einer Kundgebung der Identitären Bewegung in Chemnitz. Sellner hält ein Mikrofon in der Hand und erhebt den Zeigefinger.
Martin Sellner, rechtsextremer Aktivist aus ÖsterreichBild: Sebastian Willnow/dpa/picture alliance

Die Treffen sind gut vorbereitet: KI-Videos, aufwendig gefilmte Podiumsdiskussionen, Hochglanzfotos. Die Gespräche von AfD-Landtags- und Bundestagsabgeordneten aus den ostdeutschen Bundesländern Brandenburg und Thüringen mit dem österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner werden von der Partei sorgfältig inszeniert. In Brandenburg ist es eine Podiumsdiskussion. In Thüringen ein Gespräch im Landtag. Beide Landesverbände werden von den deutschen Sicherheitsbehörden als "gesichert rechtsextrem" eingestuft. 

Inhaltlich ging es dabei um das große gemeinsame Thema: Massenabschiebungen. Sellner denkt laut über die Entziehung von deutschen Staatsbürgerschaften von Migranten nach. Seine AfD-Gesprächspartnerin in Brandenburg, die Landtagsabgeordnete Lena Kotré, schlägt Mitte Januar 2026 in einem Autohaus nicht weniger radikale Töne an. Ihrem Publikum verspricht sie für den Fall, dass ihre AfD im Bundesland an die Regierung komme: "Dann wird abgeschoben, bis die Startbahn glüht."

Social-Media-Post des Thüringer AfD-Landtagsabgeordneten Jens Cotta zu Treffen mit Martin Sellner: KI-Video zu geplanten Massenabschiebungen Bild: Jens Cotta/Plattform X

Die Treffen finden zu einem für die AfD wichtigen Zeitpunkt statt. Denn 2026 will die Partei bei Wahlen in zwei ostdeutschen Bundesländern an die Regierung kommen: Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Es wird also der Wahlkampf eingeläutet. Und die radikale Migrationspolitik der AfD kommt gerade in Ostdeutschland gut an bei den Wählern.

"Parteiinterner Schachzug"

Der Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje sieht aber in den Gesprächen eine noch wichtigere Botschaft: "Solche Treffen sind nicht nur an eine externe Öffentlichkeit gerichtet, sondern auch an die interne Parteiöffentlichkeit", erklärt Hillje in einem Interview mit der DW, "und somit sind sie ein Schachzug in einem parteiinternen Machtkampf, der vor allem zwischen ostdeutschen Landesverbänden und der Bundesspitze ausgetragen wird." Die Bundesspitze setze dabei eher auf Mäßigung, die AfD-Landesverbände in Ostdeutschland auf Radikalität.

Politik- und Kommunikationsberater Johannes HilljeBild: Per Jacob Blut

Und Martin Sellner steht für Radikalität. Er ist seit Jahren einer der einflussreichsten Rechtsextremisten in Europa. Mit seiner Forderung nach Massenabschiebungen von Muslimen und nicht-weißen Menschen aus Deutschland und Europa gilt er als einer der wichtigsten Vertreter eines völkischen Nationalismus, der gegen Islam, Migration und gesellschaftliche Vielfalt kämpft. Schon in seiner Jugend schloss er sich der Neonazi-Szene in Österreich an: Sein Mentor wurde der fanatische Holocaustleugner Gottfried Küssel.

Später stieg er zum Kopf der Identitären Bewegung auf: eine junge aktivistische Organisation, die gegen Migration und Islam hetzt. Die wurde unter Sellners Führung so radikal, dass die AfD sich von ihr distanzierte. Die Parteiführung setzte sie auf ihre "Unvereinbarkeitsliste". Wer also Mitglied in der Alternative für Deutschland werden will, darf nicht auch Mitglied der Identitären Bewegung sein.

Trotzdem ist die Nähe zwischen Sellner und der AfD groß. Beide Seiten pflegen enge Kontakte, aber bislang nicht offiziell. 

2024: Massenproteste gegen Sellner und die AfD

Als im Januar 2024 ein Treffen von Sellner und AfD-Parteifunktionären in Potsdam bekannt wurde, bei dem über Massenabschiebungen diskutiert wurde, kam es zu den größten Protesten der deutschen Nachkriegsgeschichte: Im ganzen Land gingen über Wochen Millionen Menschen auf die Straße. Sie warnten vor der AfD und ihren vermeintlichen Plänen, Millionen Menschen aus Deutschland vertreiben zu wollen - weil sie Migranten sind.

Protest gegen die AfD in Hamburg am 28. Januar 2024: bundesweit gehen damals Millionen Menschen auf die StraßeBild: Jonas Walzberg/dpa/picture alliance

In der Folge nahm eine für die AfD existentielle Debatte Fahrt auf: Sollte ein Verbotsverfahren gegen die AfD eingeleitet werden, weil sie gegen die Grundwerte der demokratischen Gesellschaft verstößt? Einen entsprechenden Antrag haben bislang weder Bundestag, noch Bundesregierung oder Bundesrat vor dem zuständigen höchsten deutschen Gericht eingereicht, dem Bundesverfassungsgericht. 

Die Befürworter eines Verbotsverfahrens verweisen immer wieder auf die Nähe der AfD zu Martin Sellner. Denn mittlerweile bescheinigen zahlreiche Gerichtsurteile, dass Sellners Ideologie nicht mit der deutschen Verfassung vereinbar sei. So urteilte das Bundesverwaltungsgericht im Juni 2025 über sein "Remigrationskonzept", dass es in Bezug auf die unterschiedliche Behandlung deutscher Staatsangehöriger "menschenwürdewidrig" sei. 

AfD in Ostdeutschland: Radikalisierung als Erfolg?

Das hält einflussreiche AfD-Politiker offenbar nicht davon ab, Sellners Nähe zu suchen: "Die ostdeutschen Landesverbände sind der Meinung, dass der radikale Weg der Erfolgsweg der AfD sei", analysiert der Politikberater Johanes Hillje. "Denn sie haben in Ostdeutschland ja die bisher erfolgreichsten und besten Wahlergebnisse eingefahren."

Und die Reaktion der AfD-Parteispitze? Auf eine Anfrage der DW reagierte der Parteivorstand nicht. In einer Pressekonferenz am Rande der Sitzung der AfD-Bundestagsfraktion erklärten die Parteivorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla lediglich, der Parteivorstand werde prüfen. Unterhalten dürfe sich die Partei mit jedem.

Johannes Hillje sieht die Parteispitze durch die Treffen düpiert: "Die Parteispitze nimmt in Kauf, dass die AfD als eine Vertreibungspartei dargestellt und wahrgenommen wird, denn das ist das, was Martin Sellner ja als Konzept vorgelegt hat: dass deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger aus dem Land gebracht werden sollen. Und das ist nichts anderes als Vertreibung."

Hillje sieht in Alice Weidel "eine vom rechtsextremen Milieu getriebene Parteivorsitzende". Die aktuelle Diskussion zeige eine fortschreitende Radikalisierung der Partei. . 

Auftrieb bekommt diese Beobachtung zusätzlich durch den AfD-Landesverband in Sachsen-Anhalt. Hier will die Partei nach den Landtagswahlen im Herbst alleine regieren. Der Entwurf für das Wahlprogramm ist radikal: Die AfD plant einen massiven Umbau des demokratischen Staates: Schulen, Kirchen, Rundfunk, Demokratieprojekte - allen Institutionen, die sich in der Vergangenheit kritisch zur AfD verhalten haben, droht die AfD mit Eingriffen, Streichung von Geldern oder Schließung. Und auch für die Asyl- und Migrationspolitik kündigt sie einen radikalen Kurswechsel an.

Der AfD-Landesvorsitzende Ulrich Siegmund (links) will in Sachsen-Anhalt Ministerpräsident Sven Schulze (rechts) im Amt beerben Bild: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa/picture alliance

Der AfD-Landesvorsitzende in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, tritt an, um Ministerpräsident seines Bundeslandes zu werden. Er wäre der erste AfD-Ministerpräsident in Deutschland. Wie Siegmund zu Sellner steht? Im Dezember 2023 nahm er mit ihm gemeinsam an dem umstrittenen Treffen in Potsdam teil, das in der Folge die Massenproteste in Deutschland auslöste. 

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