AfD-Verwandtenaffäre: Merz erwägt schärfere Gesetze
19. Februar 2026
Als Robert Habeck 2023 wegen Personalentscheidungen unter Druck geriet, witterte die AfD ihre Chance. Führende Funktionäre sprachen von "Vetternwirtschaft" und "Clankriminalität" und teilten mächtig gegen den damaligen Bundeswirtschaftsminister von den Grünen aus. Es ging um familiäre Verflechtungen in Habecks Ministerium. Der stellvertretende Bundesvorsitzender der AfD, Stephan Brandner, sprach gar von einem "mafiösen Geflecht". Auch wenn Habecks Personalpolitik am Ende offenbar zwar ein "Geschmäckle" hatte, aber nicht gegen Gesetz und Vorschrift verstieß.
Es war eine Steilvorlage für die in Teilen rechtsextreme AfD, die sich in Deutschland als Anti-Establishment inszeniert und als Stimme der einfachen Leute. Denn Vetternwirtschaft in Parteien - egal ob legal oder illegal - kommt bei Wählern nie gut an.
Versorgung von Familienmitgliedern auf Staatskosten?
Doch seit einigen Wochen steht die AfD selbst wegen der Beschäftigung von Familienangehörigen in der Kritik. Im Bundesland Sachsen-Anhalt sollen zahlreiche Landtags- und Bundestagsabgeordnete Verwandte als Mitarbeiter in den Büros ihrer Parteikollegen untergebracht haben. Darüber berichten mehrere Medien, unter anderem das ZDF-Magazin Frontal. Demnach kassierten die Familienangehörigen zum Teil beträchtliche Gehälter - bezahlt aus der Staatskasse.
Ulrich Siegmund ist der AfD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September 2026. Seine Partei liegt bislang in den Umfragen deutlich vor der Konkurrenz und Siegmund will Ministerpräsident werden. Als erster rechtsextremer AfD-Politiker in Deutschland. Es wurde bekannt, dass auch der Vater von Ulrich Siegmund im Büro eines Bundestagsabgeordneten beschäftigt sein soll. Und dafür fast 100.000 Euro im Jahr kassiert.
Ulrich Siegmund streitet die Vorwürfe gar nicht ab. Er rechtfertigt die Anstellungspraxis damit, dass es eben schwer sei, vertrauenswürdiges Personal zu finden. Und illegal ist der Vorgang offenbar nicht. Abgeordnete dürfen nur nicht eigene Familienmitglieder anstellen - die von Parteifreunden dagegen schon.
Gegen den AfD-Landesverband in Niedersachsen – den der Verfassungsschutz diese Woche als rechtsextremistische Bestrebung einstufte - erhob eine AfD-Europaabgeordnete ebenfalls Vorwürfe der Geheimbündelei und Bereicherung. Medienberichten zufolge arbeitet die Ehefrau des Landesvorsitzenden Ansgar Schledde im Büro eines AfD-Bundestagsabgeordneten.
Nun äußerte sich auch Bundeskanzler Friedrich Merz zu der Affäre um die Anstellung von Familienangehörigen bei AfD-Parlamentariern. "Ich würde uns eine gesetzliche Regelung gerne ersparen. Angesichts des Ausmaßes des Missbrauchs werden wir aber möglicherweise nicht darum herumkommen", sagte Merz den Zeitungen der Neuen Berliner Redaktionsgesellschaft (NBR) und der "Rheinpfalz" vom Donnerstag. Merz warf der AfD Filz- und Vetternwirtschaft" vor und forderte, "die Partei der vermeintlichen Saubermänner und Patrioten mit ihrem tatsächlichen Verhalten" zu konfrontieren.
Anklage aus den eigenen Reihen
Der Politikwissenschaftler Alexander Hensel von der Universität Göttingen hält den Vorwurf der Vetternwirtschaft an sich noch nicht einmal für das größte Problem der AfD. Brisant sei er vor allem, "weil er auch vom radikalsten Flügel der AfD und aus ihrem Vorfeld erhoben wird", so Hensel im Interview mit der DW. "Anders als sonst, kommt dieser Skandal nicht nur von außen auf die Partei zu, sondern wird auch stark von innen befeuert, woraus weitere interne Konflikte erwachsen können."
Einer der exponiertesten Ankläger von Innen ist der einflussreiche AfD-Landeschef von Thüringen, Björn Höcke. Der fährt gegen seine Parteifreunde das ganz große Geschütz auf. Auf der Social-Media-Plattform X klagt er mit Bezug auf die Affäre an: "Wir können nur an uns selbst scheitern. Aber dieses Scheitern gerät in den Bereich des Möglichen."
Politikwissenschaftler Alexander Hensel sieht in den Anschuldigungen eine grundsätzliche Debatte: "Indem Höcke und andere den Skandal in der AfD Sachsen-Anhalt als Folge einer zu starken Anpassung an das System darstellen, versuchen sie die Ausrichtung der AfD als radikale Bewegungspartei zu stärken."
Höckes Thüringer AfD-Landesverband wird von den deutschen Sicherheitsbehörden als "gesichert rechtsextrem" eingestuft. Höcke selbst gilt als radikaler Ideologe, der für eine homogene völkische Gesellschaft kämpft und Einwanderung radikal bekämpfen will. Immer wieder wird ihm eine ideologische Nähe zum Nationalsozialismus vorgeworfen.
Bereits zwei Mal wurde er wegen Verwendung einer Parole der verbrecherischen SA (Sturmabteilung) verurteilt: Sie war Adolf Hitlers paramilitärische Schlägertruppe in der Zeit des Nationalsozialismus.
Die Vorwürfe und Verwerfungen entwickeln sich zunehmend zu einer Belastung für die gesamte Partei. Zumal sich die Affären in der ohnehin skandalgeprägten AfD derzeit häufen:
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Sowohl in Sachsen-Anhalt als auch in Niedersachsen wird angesichts der Anstellung Familiengehöriger anderer Parteimitglieder über Vetternwirtschaft diskutiert.
- Die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat sieben Mitarbeitern der AfD den Zutritt in den Bundestag dauerhaft verwehrt, aus Sicherheitsgründen. Einige von ihnen sind vorbestraft wegen Volksverhetzung, Widerstand gegen Polizisten oder Verstoß gegen das Waffengesetz.
- Partei und Parteiführung streiten seit Monaten über den Umgang mit dem österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner. Der gilt selbst vielen AfD-Mitgliedern als zu extrem. Während einige prominente Funktionäre demonstrativ den Kontakt suchen, distanziert sich die Parteiführung von ihm.
- Ein AfD-Landtagsabgeordneter aus Bayern wurde gerade erst im Februar 2026 wegen Geldwäsche und Nötigung zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.
- In einem aktuellen Strafprozess gegen eine mutmaßliche terroristische Vereinigung sitzt auch eine ehemalige AfD-Bundestagsabgeordnete mit auf der Anklagebank.
Hinzu kommen immer wieder Medienberichte über Spannungen innerhalb der Parteiführung über den außenpolitischen Kurs der AfD. Der Co-Vorsitzende Tino Chrupalla gilt als Freund Russlands und stellt sich immer wieder scharf gegen militärische Unterstützung für die Ukraine. Die zweite Co-Vorsitzende Alice Weidel dagegen sucht die Nähe zur US-Regierung unter Donald Trump.
Führungsschwache AfD-Parteispitze?
Den beiden Vorsitzenden wird zunehmend Führungsschwäche vorgeworfen. Bei den aktuellen Vorwürfen der Vetternwirtschaft hält Politikwissenschaftler Alexander Hensler die Handlungsspielräume der Parteispitze aber für sehr begrenzt. "Sie kann es sich auch nicht leisten, in einem Wahljahr, in dem es um so viel geht, in einen großen Konflikt zu gehen." Kritik an den Parteifreunden in Sachsen-Anhalt sei ein Balanceakt. Chrupalla wählte einen moderat kritischen Ton. Zwar seien entsprechende Arbeitsverträge rechtlich nicht zu beanstanden, sagte er, "ein Geschmäckle hat’s" aber dennoch. Nach eigenen Angaben beschäftigt Chrupalla selbst in einem Bürgerbüro die Ehefrau eines AfD-Landtagsabgeordneten.
Offiziell weist die Partei den Vorwurf der systematischen Vetternwirtschaft zurück. Mehrere Landesverbände betonen, Einstellungen erfolgten auf Grundlage fachlicher Eignung und im Rahmen der geltenden Regeln. Alexander Hensel analysiert, dass der Skandal der AfD durchaus sehr gefährlich werden kann. Er sieht vor allem die Gefahr, dass die AfD "einen Imageverlust erfährt: dass ihre Selbstdarstellung als Alternative zu den etablierten Parteien Schaden nimmt. Die populistische Kritik der AfD gegenüber den anderen Parteien wendet sich jetzt gegen sie selbst."
Der ursprüngliche Artikel vom 11.02. wurde am 17.02.2026 sowie 19.02.2026 aktualisiert.