AfD will in Sachsen-Anhalt regieren - aber wie?
7. September 2026
Am Tag nach der Wahl treten die Parteivorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla in Berlin vor die versammelte Hauptstadtpresse. Gemeinsam mit dem Wahlsieger der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, dem AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund. Der hat für seine Partei ein Rekordergebnis eingefahren: Mit rund 44 Prozent der Stimmen hat seine Partei im neu gewählten Parlament nur knapp eine eigene Mehrheit verfehlt, um Siegmund zum neuen Ministerpräsidenten wählen zu können.
Auch wenn die AfD ihr großes Wahlziel knapp verfehlt hat, mit absoluter Mehrheit alleine regieren zu können, ist ihr Selbstbewusstsein nach dieser Wahl groß wie nie. Die Parteiführung macht bei ihrer Pressekonferenz klar, dass es ihr nicht nur um Sachsen-Anhalt geht, sondern um ganz Deutschland. Und um die Frage, wer in Zukunft in ganz Deutschland regieren wird. "Die CDU / CSU wird nie mehr wieder eine Bundestagswahl gewinnen können. Das ist Fakt", erklärt die AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel in schneidendem Ton.
Noch weiß die Partei nicht einmal, wie eine AfD-Regierung im kleinen Bundesland-Sachsen überhaupt gebildet werden könnte, da denkt die potentielle AfD-Kanzlerkandidatin Weidel schon an den nächsten Denkzettel für die konservativen Christdemokraten von Bundeskanzler Friedrich Merz. "Mein erklärtes Ziel ist, den Abstand in kürzester Zeit auszubauen und auf mindestens 40 Prozent anzuwachsen für die nächste Bundestagswahl." Dann will Alice Weidel Kanzlerin werden.
Zusammenarbeit: Ja - aber mit wem?
Aber wie soll es jetzt ganz konkret in Sachsen-Anhalt weitergehen? Wen will die AfD für die Bildung einer AfD-Landesregierung mit ins Boot holen? Vieles ist auch am Tag nach der Wahl offen. AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund betont in der Pressekonferenz immer wieder: "Wir reichen jedem Akteur in Sachsen-Anhalt die Hand." Er schiebt aber stets nach, dass seine Kompromissbereitschaft sehr begrenzt sei: "Wir werden uns selbst treu bleiben. Wir werden uns nicht verbiegen."
Ziel sei es, so alle drei AfD-Politiker, eine stabile Regierung zu bilden. Das wäre eine Absage an eine geduldete Minderheitsregierung, die sich von Abstimmung zu Abstimmung im Landesparlament ihre Mehrheiten suchen müsste. Für die anstehenden Verhandlungen setzten die AfD-Politiker auf unzufriedene Abgeordnete im konservativen Lager der CDU: "Wir werden schauen, ob es entweder einzelne Fraktionen oder einzelne Abgeordnete geben wird, die mit uns gemeinsam diese historische Aufgabe stemmen wollen", so Ulrich Siegmund.
Weil die AfD in dem kleinen Bundesland vom Verfassungsschutz als "gesichert rechtsextrem" beobachtet wird, hatten alle anderen Parteien vor der Wahl eine Regierungskoalition ausgeschlossen. Deswegen steht die Regierungsbildung in dem ostdeutschen Bundesland vor einigen Schwierigkeiten.
Besonders umstritten ist das Verhältnis zu den Christdemokraten (CDU), die in Sachsen-Anhalt und auch in ganz Deutschland in Koalitionen die Regierung stellen. Siegmund, wie auch die gesamte AfD-Parteispitze, erklärten deren Politik der Abgrenzung von der AfD für gescheitert.
Am Wahlabend kritisierte die AfD-Parteivorsitzende Alice Weidel im ZDF-Fernsehen deren Brandmauer zur AfD scharf: "Die CDU wird keine Wahl mehr gewinnen, keine Bundestagswahl. Und damit leitet sich ein ganz klarer Regierungsauftrag an die AfD ab. Weil wir Demokraten sind, wir ziehen keine Brandmauern hoch."
Ulrich Siegmund betonte ebenfalls am Wahlabend, dass ihm die Umsetzung der AfD-Programmatik wichtiger sei als Machtoptionen: "Es wird mit mir keine Verbiegerei geben." Vor der Wahl hatte der 35-Jährige AfD-Spitzenkandidat immer wieder angesagt, dass er nur alleine regieren wolle, um in Deutschland einen fundamentalen Politikwechsel einzuleiten.
Radikales AfD-Regierungsprogramm
Das Regierungsprogramm der AfD sorgt in Deutschland seit Monaten für heftige Debatten. Denn die Partei fordert radikale Verschärfungen in der Asyl- und Einwanderungspolitik. Sie will Abschiebungen von "illegalen Asylbewerbern" forcieren und eine generelle Arbeitspflicht für alle anderen Asylsuchenden einführen. Vor allem aber will sie Sachsen-Anhalt sowie Deutschland für Einwanderer unattraktiver machen und fordert eine "migrationspolitische Kehrwende um 180 Grad". In ihrem Wahlkampf machte sie Migranten immer wieder für Kriminalität in den deutschen Innenstädten oder für den Wohnungsmangel verantwortlich.
Mehr noch: Die AfD plant einen radikalen Gesellschaftsumbau: Sie sagt dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk den Kampf an, will Demokratieprojekten die Gelder streichen, will eine Art Bürgerwehr gegen Migranten aufstellen und die gesellschaftliche Vielfalt bekämpfen - all das hält sie in ihrem Programm fest. Ulrich Siegmund betont im ARD-Interview: Die Themen seien nicht verhandelbar.
Da scheint eine Koalition mit den Christdemokraten ausgeschlossen. Zumal die AfD in der Vergangenheit immer wieder als politisches Ziel ausgegeben hatte, die CDU "zerstören" zu wollen.
Für die CDU schloss die Generalsekretärin der Christdemokraten, Franziska Hoppermann, eine Koalition rundweg aus: "Es wird keine Zusammenarbeit mit Linksextremen und Rechtsextremen geben", erklärte Hoppermann am Wahlabend im ARD-Fernsehen.
Entscheidet eine kleine Partei über die Regierung?
Größte Unbekannte im Poker um die Macht ist das Bündnis Sahra Wagenknecht, BSW, das in den neu-gewählten Landtag einziehen wird. Die kleine Partei wirbt vor allem mit einer linken Wirtschaftspolitik für sich und - ähnlich wie die AfD - mit der Forderung nach einer russlandfreundlicheren Außenpolitik. In der Vergangenheit hatte sich die Parteigründerin und ehemalige Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht immer wieder offen für eine inhaltliche Zusammenarbeit mit der AfD gezeigt.
Allerdings gilt die Partei in Kreisen der AfD aus ideologischen Gründen nicht als besonders attraktiver Partner.
Einige AfD-Landespolitiker kündigen in den Stunden des Triumphes und noch vor dem Ende der Auszählungen an, im Zweifelsfall so lange in der Opposition bleiben zu wollen und die anderen Parteien vor sich herzutreiben, bis es bei Wahlen zu einer eigenen Mehrheit reicht. So zum Beispiel der Co-Vorsitzende der AfD-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt Oliver Kirchner: "Sollten wir als Opposition hinter dem Rednerpult stehen, dann wird das grausam für die anderen werden", drohte er im Livestream der AfD.