Afghanistan: Überleben statt Leben
18. Dezember 2025
In Afghanistan ist die Zahl der Kinder, Frauen und Männer, die von akutem Hunger betroffen sind, innerhalb eines Jahres um weitere drei Millionen gestiegen.
Insgesamt leiden inzwischen mehr als 17 Millionen Menschen unter akuter Ernährungsunsicherheit oder noch schwerwiegenderen Zuständen wie Unterernährung, Mangelernährung bei Kindern und akuter Gesundheitsgefährdung. Davor warnt das UN-Welternährungsprogramm (WFP) in seinem aktuellen Bericht. Besonders in den harten Wintermonaten stellt Mangelernährung für Kinder eine lebensbedrohliche Gefahr dar.
"Wir sind offen für Kooperationen mit internationalen Hilfsorganisationen", erklärt Abdul Latif Nazari, stellvertretender Wirtschaftsminister Afghanistans unter der Herrschaft der Taliban in Kabul.
"Diese Zusammenarbeit muss jedoch auf der Grundlage gegenseitigen Respekts erfolgen". Für die aktuelle humanitäre Krise macht Nazari nicht die Taliban verantwortlich: "Wir haben in den vergangenen vier Jahren viel erreicht und wollen das Land langfristig wirtschaftlich stärken."
Eine wirtschaftsorientierte Außenpolitik?
Nach eigenen Angaben verfolgen die Taliban eine wirtschaftsorientierte Außenpolitik und haben Kooperationsabkommen unter anderem mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Türkei, dem Iran, China, Russland und Indien geschlossen.
Mit den wichtigsten internationalen Geldgebern für humanitäre und Entwicklungsprojekte bis zur Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021, insbesondere den USA und der Europäischen Union konnten, bislang jedoch keine Einigungen erzielt werden.
Diese knüpfen ihre Unterstützung an Bedingungen wie die Einhaltung der Menschenrechte, insbesondere der Rechte von Frauen, sowie an die Bildung einer inklusiven Regierung, an der alle ethnischen Gruppen beteiligt sind. Die Taliban verweigern dies weiterhin und schließen Frauen systematisch von Bildung, Arbeitsmarkt und öffentlichem Leben aus.
Laut Wirtschaftsminister Latif Nazari, der in Politikwissenschaft promoviert hat, bestehe das zentrale Ziel der Taliban darin, die heimische Produktion und Beschäftigung zu fördern und die Wirtschaft durch den Export organischer Agrarprodukte zu stärken.
Die Warnungen des UN-Welternährungsprogramms vor den bevorstehenden Wintermonaten versteht Nazari als eine Prognose: "Die Wintermonate sind in allen Ländern mit stark landwirtschaftlich geprägter Wirtschaft herausfordernd, da Nahrungsmittel knapp werden. Wenn es in diesem Jahr ausreichend regnet, können wir im nächsten Jahr mit einer guten Ernte rechnen."
Klimakrise verschärft Notlage in Afghanistan
Die humanitäre Lage in Afghanistan hat sich durch den Klimawandel zusätzlich dramatisch verschärft. Wiederkehrende Dürren, extreme Hitzeperioden, Überschwemmungen und unvorhersehbare Wetterereignisse haben die landwirtschaftliche Produktion massiv beeinträchtigt. Rund 40 Millionen Menschen sind betroffen, mehr als 80 Prozent von ihnen sind direkt auf die Landwirtschaft angewiesen.
Ernteausfälle und der Verlust von Vieh verschärfen Hunger und Armut, insbesondere in ländlichen Regionen. Nach Angaben internationaler Organisationen zählt Afghanistan zu den Ländern, die weltweit am stärksten unter den Folgen des Klimawandels leiden, obwohl das Land selbst kaum zu den globalen Treibhausgasemissionen beiträgt.
Das durchschnittliche Haushaltseinkommen ist laut UN in den vergangenen zwölf Monaten um weitere 13 Prozent gesunken. Ein großer Teil der Bevölkerung kann nicht mehr aus eigener wirtschaftlicher Kraft überleben.
Wirtschaftsexperten wie Qais Mohammadi, ehemaliger Dozent an der Kardan-Universität in Kabul, bewerten die wirtschaftlichen Pläne der Taliban grundsätzlich positiv, weisen jedoch darauf hin, dass sich die Lage kurzfristig in den nächsten fünf bis sieben Jahren kaum verbessern dürfte. Das Land und seine Bevölkerung seien daher weiterhin dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen.
"Mehr als 75 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze", sagt er im Gespräch mit der DW. "Gleichzeitig muss Afghanistan Millionen Menschen aufnehmen, die mit leeren Händen in ihr Heimatland zurückgekehrt sind. Viele von ihnen sind obdachlos, unterernährt und haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung."
Seit Mitte 2023 sind knapp drei Millionen geflüchtete Menschen aus Afghanistan zur Rückkehr gezwungen worden. Offiziellen Angaben zufolge haben die Nachbarländer Pakistan und Iran jeweils rund 1,4 Millionen bzw. 1,6 Millionen Menschen nach Afghanistan abgeschoben.
Viele Rückkehrer kommen in ein Land zurück, das weder über eine grundlegende Versorgung noch über reale Zukunftsperspektiven verfügt.
Sinkende Hilfe trotz wachsender Not
Während sich die Krise weiter zuspitzt, schrumpft die internationale humanitäre Hilfe für Afghanistan.
"Wir müssen an der Seite der Menschen in Afghanistan stehen, die auf lebenswichtige Hilfe angewiesen sind, und bewährte Lösungen einsetzen, um eine Erholung mit Hoffnung, Würde und Perspektiven zu ermöglichen", betont John Aylieff, WFP-Länderdirektor in Afghanistan, in einem aktuellen Bericht des UN-Welternährungsprogramms.
Erstmals seit Jahrzehnten ist das WFP aber nicht in der Lage, eine umfassende Winterhilfe zu starten und gleichzeitig die Not- und Ernährungsunterstützung landesweit auszuweiten.
Das UN-Welternährungsprogramm benötigt dringend 468 Millionen US-Dollar, um sechs Millionen der verletzlichsten Menschen in Afghanistan mit lebensrettender Nahrungsmittelhilfe zu versorgen, damit sie den harten Winter überstehen.
Mitarbeit: Ahmad Waheed Ahmady