Nach einer UN-Umfrage hält die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung Bildung für Mädchen für wichtig. Trotz des Schulverbots durch die Taliban lernen Hunderttausende Mädchen mit alternativen Angeboten.
Unter den Taliban dürfen die Mädchen nach der 5. Klasse nicht mehr zur Schule gehen.Bild: ZOHRA BENSEMRA/REUTERS
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Ende August veröffentlichte die UN-Gleichstellungsbehörde "UN Women" die Ergebnisse einer Umfrage, die in Afghanistan durchgeführt wurde.
Mitarbeitende der Organisation, die 2010 gegründet wurde und sich für Geschlechtergerechtigkeit sowie die Stärkung von Frauen und Mädchen einsetzt, befragten im Rahmen einer landesweiten Haus-zu-Haus-Erhebung mehr als 2.000 Personen. Ihre Frage war: Was halten sie von der Schulbildung für Mädchen?
Insgesamt 92 Prozent der Befragten gaben an, es sei "wichtig", dass Mädchen ihre Schulbildung fortsetzen. In ländlichen Regionen befürworteten 87 Prozent der Männer und 95 Prozent der Frauen die Bildung von Mädchen. In den Städten lag die Zustimmung bei jeweils 95 Prozent, sowohl bei Männern als auch bei Frauen.
"Das ist fast immer das Erste, was Mädchen uns erzählen, dass sie unbedingt lernen und einfach nur die Chance auf eine Ausbildung haben wollen", sagt Susan Ferguson, "UN Women"-Sondergesandte in Afghanistan.
Immer mehr Mädchen ohne Zugang zu Bildung
Seit vier Jahren ist Afghanistan das einzige Land der Welt, in dem Mädchen nur bis zur Grundschule unterrichtet werden dürfen. Kurz nach der Machtübernahme durch die Taliban im August 2021 verbot die radikalislamische Terrororganisation den Mädchen ab der 6. Klasse, in die weiterführende Schule zu gehen. Vom Studium sind die Frauen ebenfalls ausgeschlossen.
Afghanistan: Systematische Unterdrückung von Frauen
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Am 17. September 2021, dem ersten Schultag nach der Machtübernahme, standen laut Schätzungen mehr als eine Million Mädchen vor verschlossenen Türen weiterführender Schulen. Viele von ihnen waren schockiert und weinten.
Laut UNESCO, der UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, ist seitdem mindestens 1,4 Millionen Mädchen und jungen Frauen der Zugang zu weiterführenden Schulen und Universitäten verwehrt.
Es ist davon auszugehen, dass die Zahl noch weiter ansteigt. Denn Afghanistan ist ein junges Land mit einem Durchschnittsalter von rund 17,1 Jahren.
"Taliban leugnen die Realität der Gesellschaft"
Die Taliban wiederholen seit vier Jahren unbeirrt, Bildung für Mädchen und Frauen sei nicht mit dem Islam vereinbar und widerspreche den Werten der afghanischen Kultur und Gesellschaft. Trotz anhaltender und massiver Kritik aus dem Ausland zeigen sie bislang keine Bereitschaft, ihre Haltung zu ändern.
Sie haben in den letzten vier Jahren eine Reihe von Verboten erlassen, die die Rechte von Frauen und Mädchen drastisch einschränken. Sie werden aus dem öffentlichen Leben verdrängt, von Bildungseinrichtungen und dem Arbeitsmarkt ausgeschlossen und in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt.
Dass die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung die Bildung ihrer Töchter unterstützt, sei nichts Neues, erklärte Sardar Mohammad Rahimi, Ex-Vizeminister für Bildung Afghanistans im DW-Gespräch.
Uni-Verbot: Afghanistans entrechtete Frauen
Seit ihrer Machtübernahme Mitte 2021 schränken die Taliban die Rechte afghanischer Frauen und Mädchen immer weiter ein. Nun versagen die Islamisten Frauen auch die Hochschulbildung.
Bild: AFP
Abschied für immer?
Eine Frau in Burka verlässt eine Universität in der Provinz Kandahar. Sie wird nicht zurückkehren dürfen: In einer Regierungserklärung wiesen die islamistischen Taliban am Dienstag alle privaten wie öffentlichen Universitäten Afghanistans an, Frauen den Besuch der Hochschulen zu untersagen. Alle Studentinnen werden mit sofortiger Wirkung von den Universitäten ausgeschlossen.
Bild: AFP
Frauen müssen draußen bleiben
Am Tag nach dem Universitätsverbot kontrollieren Taliban den Eingang einer Universität in Kabul: Studentinnen müssen draußen bleiben. Das Verbot gilt für unbestimmte Zeit. Doch an den Hochschulen regt sich bereits Protest: Männliche Kommilitonen verließen eine Prüfung, Professoren legten ihre Arbeit nieder.
Bild: WAKIL KOHSAR/AFP/Getty Images
Hochschulbildung? Reine Männersache
Einschränkungen gab es schon zuvor: Nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 mussten die Universitäten Eingänge und Unterrichtsräume nach Geschlechtern trennen. Frauen durften nur noch von anderen Frauen oder alten Männern unterrichtet werden. Hier ist zu sehen, wie ein Bereich für Studentinnen in der Universität Kandahar mit einem Vorhang abgetrennt ist.
Bild: AFP/Getty Images
Die letzten ihrer Art
Diese Absolventinnen der Benawa Universität Kandahar konnten im März noch ihren Abschluss in Informatik machen. International wird die neuerliche Einschränkung der Frauenrechte heftig kritisiert: Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch nannte das Universitätsverbot eine "beschämende Entscheidung", die UN bezeichneten es als Menschenrechtsverletzung.
Bild: JAVED TANVEER/AFP
"Verheerende Auswirkungen auf die Zukunft des Landes"
Noch im Oktober hatten Tausende Mädchen und Frauen Aufnahmetests für Universitäten abgelegt, so wie diese vor der Uni Kabul. Viele von ihnen wollten Lehramtsfächer oder Medizin studieren. UN-Generalsekretär António Guterres erklärte, dass das Universitätsverbot "nicht nur gegen die Gleichberechtigung von Frauen verstößt, sondern auch verheerende Auswirkungen haben wird."
Bild: WAKIL KOHSAR/AFP/Getty Images
Keine Bildungschancen für Mädchen
Das Verbot des Universitätsbesuchs ist eine weitere Einschränkung der Bildungsmöglichkeiten für Frauen und Mädchen: Schon seit Längerem dürfen im Großteil des Landes Teenagerinnen keine weiterführenden Schulen ab der siebten Klasse besuchen. Diese Mädchen, die im Osten Afghanistans auf dem Schulweg sind, haben Glück: Einige Provinzen abseits der Machtzentren der Taliban ignorieren das Verbot.
Bild: AFP
Land der unsichtbaren Frauen
Mädchen und Frauen sind vom öffentlichen Leben weitgehend ausgeschlossen. Seit einigen Monaten dürfen sie in Kabul keine Fitnessstudios und Parks mehr besuchen. Auch dieser Freizeitpark in der Hauptstadt ist für Besucherinnen tabu. Die Taliban begründeten das Verbot damit, das Vorschriften zur Trennung der Geschlechter nicht eingehalten würden und Frauen das vorgeschriebene Kopftuch nicht trügen.
Bild: WAKIL KOHSAR/AFP/Getty Images
Dystopie wird Realität
Frauen sammeln Safranblüten in der Provinz Herat. Diese Arbeit ist ihnen erlaubt, im Gegensatz zu den meisten anderen Berufen. Seit ihrer Machtübernahme haben die Taliban zahlreiche Regelungen erlassen, die das Leben von Frauen und Mädchen massiv einschränken: So ist ihnen das Reisen ohne männlichen Begleiter verboten, außerhalb ihrer Wohnung müssen sie Hidschab oder Burka tragen.
Bild: MOHSEN KARIMI/AFP
"Schande für die Welt"
Viele Afghaninnen wollen die Abschaffung ihrer Rechte nicht hinnehmen: Hier demonstrieren Frauen im November in Kabul. "Die schreckliche Situation afghanischer Frauen ist eine Schande für die Welt", ist auf einem Plakat zu lesen. Der öffentliche Protest erfordert viel Mut: Die Demonstrantinnen riskieren Prügel- und Haftstrafen. Frauenrechtsaktivistinnen werden in Afghanistan verfolgt.
Bild: AFP
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"Alle Umfragen, die vor der Machtübernahme der Taliban durchgeführt worden waren, zeigten, dass insbesondere Frauen und Mädchen in allen Teilen Afghanistans an Bildung interessiert waren und ihre Familien die Einrichtung von Bildungszentren in ihren Regionen forderten", sagt Rahimi, der seit der Machtübernahme der Taliban in Frankreich lebt und am " Nationalen Institut für orientalische Sprachen und Kulturen" unterrichtet.
"Die Taliban versuchen ständig, dem afghanischen Volk und der internationalen Gemeinschaft ihre eigene Interpretation der Scharia aufzuzwingen und zu behaupten, dies sei Teil der afghanischen Kultur. Tatsächlich ist es aber Aufgabe einer Regierung, die Menschen zum Lernen zu ermutigen", sagt Rahimi weiter. Die Scharia ist eine strenge Auslegung des Islams und bedeutet im engeren Sinne die von Gott gesetzte Ordnung.
Aus seiner Sicht wollten die Taliban nicht wahrhaben, dass die Afghanen einen anderen Lebensstil einschlagen möchten. "Die Machthaber zwingen dem afghanischen Volk im Namen der Scharia ein politisches Projekt und ein strenges religiöses Programm auf, das mit den gesellschaftlichen Realitäten in Afghanistan nichts zu tun hat."
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Malala setzt sich für Mädchen in Afghanistan ein
Trotz des Schulverbots unterstützen zahlreiche Familien ihre Töchter weiterhin beim Lernen, in geheimen Schulen oder zu Hause mit alternativen Lehrmethoden online oder über Radio. Aktivisten der Zivilgesellschaft innerhalb und außerhalb Afghanistans, Nichtregierungsorganisationen wie der Malala Fund, leisten dabei wichtige Unterstützung.
Viele Mädchen nutzen digitale Lehrangebote mit Geräten, die ihnen zur Verfügung stehenBild: ZOHRA BENSEMRA/REUTERS
Der Malala Fund ist eine internationale NGO, die von der Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai gegründet wurde. Die Pakistanerin wurde im Jahr 2012 im Alter von nur 15 Jahren von den Taliban angeschossen, weil sie sich schon als junges Mädchen für das Recht auf Bildung einsetzte.
Malala überlebte den Anschlag knapp. Heute spricht sie regelmäßig bei den Vereinten Nationen und auf internationalen Foren über die Situation afghanischer Mädchen und fordert politischen Druck auf die Taliban.
Das Ziel ihrer Organisation ist es, Mädchen durch alternative Angebote zwölf Jahre lang kostenlose, sichere und hochwertige Bildung zu ermöglichen.
Sie arbeitet mit verschiedenen Partnern zusammen, um visuelle Inhalte zu entwickeln, die die Bildung afghanischer Mädchen und ihre Geschichten in den Mittelpunkt stellen.
Afghanistans geflohene Autoren in Berlin
Die Taliban sehen Kunst als Bedrohung. Knapp ein Jahr nach ihrer Machtübernahme lesen geflohene afghanische Autorinnen und Autoren in der Akademie der Künste Berlin.
Bild: Cornelia Zetzsche
Tamana Tawangar, Autorin und Regisseurin
Dank des Autorenverbands PEN und der NGO "Luftbrücke Kabul" konnten im vergangenen Jahr zehn afghanische Autorinnen und Autoren mit ihren Familien nach Deutschland evakuiert werden. Unter ihnen ist auch Tamana Tawangar. Beim PEN Afghanistan ist sie für Literatur auf Farsi verantwortlich. In Berlin wird sie aus ihren Texten lesen - die deutsche Übersetzung trägt die Autorin Yoko Tawada vor.
Bild: Cornelia Zetzsche
Sadeq Osyan, Dichter
Auch der Lyriker, Literaturwissenschaftler und Menschenrechtsaktivist Sadeq Osyan war in seinem Heimatland nicht mehr sicher. Er ist Mitglied des PEN in Mazar-e-Sharif in der Balkh-Provinz, einem kulturellen Zentrum Afghanistans. Als Experte für zeitgenössische Poesie auf Farsi schaut er auf die Dichtung einer großen Sprachgemeinschaft: Rund 110 Millionen Menschen weltweit sprechen Farsi.
Bild: Cornelia Zetzsche
Abdul Manan Shiwaesharq, Autor
Der Dichter und Sachbuchautor war zeitweilig stellvertretender Kulturminister seines Landes. Noch sind seine Bücher nicht ins Deutsche übersetzt, auch die seiner Kolleginnen und Kollegen nicht. Das PEN-Zentrum Deutschland hat allerdings Übersetzungen einiger seiner Texte anfertigen lassen, die von renommierten deutschsprachigen Kollegen bei dem Benefiz-Abend am 08.09.2022 vorgelesen werden.
Bild: Cornelia Zetzsche
Wahab Mojeer, Dichter
Der Lyriker Wahab Mojeer wurde im Jahr 1975 in Mazar-e-Sharif geboren. Seit den 1990er-Jahren publiziert er sozialkritische, politische Gedichte, meist in der Form des klassischen Ghazals. Ghazals beschäftigen sich traditionellerweise mit Liebe und Trauer. Auf Deutsch liest seine Texte Kathrin Röggla, stellvertretende Präsidentin der Akademie der Künste, wo der Willkommensabend stattfindet.
Bild: Cornelia Zetzsche
Samay Hamed, Komponist, Dichter, Präsident des PEN Afghanistan
Auch Samay Hamed wird in Berlin sein. Sein Gedicht "Eine Sternenklare Nacht in Kabul" wird dort erstmals in deutscher Übersetzung vorgetragen: "In den Augen Kabuls ist eine sternenklare Nacht \ eine Dichterlesung gehalten von Mädchen und Jungen \ Und der Mond \ Ein alter Dichter \ In den Augen Kabuls \ Ist eine sternenklare Nacht ein Feuerwerk von Schüssen \ Und der Mond \ Die Mutter der Bomben"
Bild: Cornelia Zetzsche
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Schon heute profitieren Hunderttausende Mädchen in Afghanistan seit der Machtübernahme der Taliban von diesen Angeboten.