Afghanistan: Schiitische Minderheit lebt mit Dauerängsten
29. April 2026
Die Täter sind immer noch auf der Flucht. Bei einem bewaffneten Angriff auf eine schiitische Gebetsstätte in der westafghanischen Stadt Herat Anfang April wurden mindestens 14 Menschen getötet. Viele seien verletzt geworden, so die Lokalpresse.
Das asiatische Land Afghanistan hat etwa 45 Millionen Einwohner. Die muslimischen Schiiten bilden dabei die Minderheit. Sie sind überwiegend Angehörige der ethnischen Gruppe der Hazara. Ihr Anteil wird auf zehn bis 20 Prozent geschätzt. Genaue Statistik existiert nicht. Eine Volkszählung hatte es zuletzt in den 1970-er Jahren gegeben. Die regierenden Taliban sind dagegen eine fundamentalistische sunnitische Bewegung.
Leeres Sicherheitsversprechen
Seit ihrer Rückkehr an die Macht im August 2021 betonen die Taliban immer wieder, landesweit für Sicherheit und Stabilität gesorgt zu haben. Alle Bürger, unabhängig der ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit, würden geschützt, so die Talibansprecher.
"Leider ist in Afghanistan generell kein sicherer Ort für Schiiten", sagt R. Jaafari aus Herat. Sein Name wurde aus Sicherheitsgründen geändert. "Vorher war es auch nicht." Für die Mutter eines Todesopfers in Herat ist die Debatte über Sicherheitsstrukturen zweitrangig. Auch sie möchte anonym bleiben. Sie spricht von permanenter Angst. "Wir können nicht schlafen", sagt sie gegenüber der DW. "Jeden Tag erwarten wir, dass sich die Gräueltat wiederholt."
Am Tag des Angriffs war sie mit ihrer Familie in der Gebetsstätte gewesen. "Ich kam gerade von meinem Gebet, als ich sah, wie Bewaffnete Männer und Frauen trennten. Zunächst dachte ich, sie wollten uns nur kontrollieren. Dann eröffneten sie das Feuer. Ich stand unter Schock. Was danach passierte, bekam ich nicht mehr richtig mit."
Vierzehn Menschen seien insgesamt begraben worden, sagt die Augenzeugin. Verletzte seien zur Behandlung ins Nachbarland den Iran gebracht worden. Neben ihrem Sohn wurde auch ihre Schwiegertochter verletzt. Nun kümmere sie sich um die Enkelkinder.
"Die Kinder weinen und haben Angst. Sie wollen nicht in die Schule, weil sie sich selbst vor den Wachen vor der Schule fürchten. Die Waffen, die die Wachen tragen, erinnern sie an den Vorfall und machen ihnen Angst." Unterstützung durch die Behörden habe es nicht gegeben. "Am Tag der Beerdigung haben uns die Behörden versichert, dass sie die Täter finden werden, aber bisher ist nichts passiert."
Sie denke darüber nach, das Land zu verlassen. "Wir wollen von hier weg, aber wohin sollen wir gehen? In den Iran können wir nicht. Da sind wir Flüchtlinge und haben dort keinen Platz. Wenn wir könnten, würden wir gehen."
"Strukturelle Verwundbarkeit"
Niala Mohammad von der US-Nichtregierungsorganisation "Center for Study of Organized Hate" in Washington D. C. sieht in dem Angriff einen Ausdruck der tiefer liegenden Problematik. "Der jüngste Anschlag in Herat unterstreicht die anhaltende Verwundbarkeit der schiitischen Gemeinschaft in Afghanistan. Die ultrakonservative sunnitische Auslegung des Islams durch die Taliban rahmt schiitische Muslime als Häretiker ein. Diese Charakterisierung trägt zu ihrer Gefährdung bei und erhöht ihre Exponierung gegenüber gemeinschaftlicher Gewalt."
Laut Menschenrechtsorganisationen waren die Taliban in den letzten Jahrzehnten für mehrere Massaker gegen die schiitische Glaubensgemeinschaft verantwortlich. Gleichzeitig zeigen sie auch jetzt während ihrer jetzigen Herrschaft, dass sie Schiiten systematisch diskriminieren. Internationale Organisationen dokumentieren seit der Machtübernahme der Taliban Maßnahmen, die insbesondere schiitische Gemeinschaften betreffen. Human Rights Watch berichtete im Juli 2025 über die gewaltsame Vertreibung von 25 Hazara-Familien aus der Provinz Bamiyan. Zudem wurden in Badakhshan rund 50 Mitglieder der ismailitischen Gemeinschaft unter Gewaltandrohung zur Konversion zum sunnitischen Glauben gezwungen.
Schiiten marginalisiert
Der Unterricht der schiitischen Rechtslehre wurde in allen afghanischen Schulen untersagt, auch in Privatschulen, das schiitische Rechtssystem abgeschafft, schiitische Literatur eingeschränkt, persische Feiertage wie das Neujahrsfest Nowruz verboten und Hazara aus dem öffentlichen Dienst verdrängt. Besmillah Taban, ehemaliger Leiter der afghanischen Kriminalpolizei und heute Doktorand an der Jagiellonen-Universität in Krakau, verweist auf die ideologische Dimension.
"Sie haben spezifisch eine Gebetsstätte der Schiiten angegriffen. Die Ideologie der Taliban und des Gouverneurs in Herat hegt eine menschenverachtende Ansicht und betrachtet Schiiten als Abweichler. Wenn gegen diese Gruppe eine Fatwa, eine Art islamischer Tötungsaufruf, erteilt wird, dass Schiiten Ungläubige seien, dann musst du als Regime keinen direkten Befehl geben, dass Schiiten getötet werden. Die Kämpfer werden selbst diese Taten ausführen."
Gleichzeitig betont Taban, dass auch Solidarität in der Bevölkerung bekundet werde. "Immer wenn schiitische Menschen Opfer wurden, haben sunnitische Mitbürger Blut gespendet und Anteilnahme gezeigt." Das gesellschaftliche Zusammenleben sei komplexer als die ideologische Rhetorik.
Mashkur Kabuli, ein schiitischer Geistlicher im deutschen Exil, erinnert an frühere Schutzversprechen der Taliban. "Die Taliban haben immer wieder versichert, dass sie die Schiiten beschützen würden. Wenn sie wirklich die Absicht hätten, dann haben sie diese Absicht bisher nicht bewiesen. Die Taliban akzeptieren keine andere Glaubensrichtung außer der sunnitischen und erwarten, dass alle anderen konvertieren." Kabul sehe darin eine religiöse Exklusivität, die Vertrauen erschwert. Zugleich betont er, dass es den Taliban nicht gelingen werde, die Beziehungen zwischen Sunniten und Schiiten in Afghanistan zu zerstören.
Für Beobachter gilt die Lage der Schiiten als Gradmesser für die religiöse Toleranz der sunnitischen Taliban. Die Sicherheit definiere sich nicht allein über militärische Präsenz, sondern über politische Anerkennung, rechtliche Gleichstellung und verlässlichen Schutz der Minderheiten. Für die Bewohnerin aus Herat bleibt dieser politische Diskurs abstrakt. "Ich habe Angst und ich weiß nicht, was passieren wird. Aber wir fühlen uns hier nicht sicher."