Afrikaner im Ukraine-Krieg: Rekrutiert als Kanonenfutter
25. Februar 2026
Caroline Mukiza trocknet ihre Tränen mit einem Taschentuch. Die 42-jährige Uganderin kniet auf einer Kirchenbank am Rand von Ugandas Hauptstadt Kampala. Sie trauert. Erst vor wenigen Tagen hat sie über die sozialen Medien erfahren, dass ihr Ehemann an der Front in der Ukraine gefallen ist.
Ihr 46-jähriger Mann Edson Kamwesigye habe zuvor als Wachmann im Irak und in Afghanistan gearbeitet, berichtet die kleine Frau mit den kurzen Haaren und der Brille, als sie nach dem Gebet durch den Kirchengarten spaziert. Er sei im Dezember für einen weiteren Job als Wachmann ins Flugzeug nach Moskau gestiegen. Lange habe sie nichts von ihm gehört. Sie sagt: "Am 15. Januar 2026 schreibt er: 'Leute, ich brauche eure Gebete. Wir wurden gezwungen, Verträge für das Militär zu unterschreiben.'" Er habe ein kurzes Training absolviert und werde jetzt an die Front zum Kampfeinsatz geschickt.
Wieder laufen Tränen über Mukizas Wangen. Sie setzt sich hinter dem steinernen Gebäude mit den bunten Glasfenstern auf eine Bank im Schatten. Leise schluchzend berichtet sie, wie Bekannte sie Ende Januar fragten, ob sie bestätigen könne, dass die Bilder ihres toten Mannes im Internet kursieren. "Ich habe die Leute gebeten, mir die Bilder nicht zu senden", sagt sie und blickt auf den Friedhof unterhalb der Kirche.
Die Uganderin Mukiza ist mit diesem Schicksal nicht alleine. Ob in Uganda, Kenia, Kamerun, Nigeria oder Südafrika - überall wurden Männer für angebliche Jobs in Russland rekrutiert - und letztlich vom russischen Militär an die Front geschickt. "Mindestens 1436 Staatsbürger aus 36 afrikanischen Ländern kämpfen derzeit in den Reihen der russischen Invasionsarmee in der Ukraine", hatte der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha im November erklärt und die Regierungen in Afrika gewarnt, dass ihre Staatsangehörigen in Massen an der Front sterben. "Einen Vertrag zu unterzeichnen ist gleichbedeutend mit der Unterzeichnung eines Todesurteils", stellte er klar. Die meisten Afrikaner würden den Krieg in den russischen Reihen "nicht mehr als einen Monat lang überleben".
"Ich warne euch, landet nicht auch in dieser Falle"
Dass Russland in Afrika gezielt junge Männer für den Krieg in der Ukraine anheuert, war lange Zeit ein offenes Geheimnis. Bereits im Mai 2024 hat der ukrainische Militärgeheimdienst auf seiner Internetseite die Meldung herausgegeben, dass Russland für 2200 Dollar im Monat Afrikaner als Söldner an die Front schickt.
Wenig war jedoch bislang bekannt über die Rekrutierungsmethoden vor Ort, über das Schicksal der Männer oder gar das Ausmaß des Ganzen. Erst die Meldung des ukrainischen Außenministers im November, die auch von afrikanischen Medien zitiert wurde, löste eine Kettenreaktion aus. Zahlreiche Familien meldeten sich, die nach ihren verschollenen Söhnen und Ehemännern suchten, die nach Russland ausgereist waren. Immer mehr Videos und Fotos von Afrikanern im Militäreinsatz zirkulieren seitdem auf den sozialen Plattformen.
Ein Handyvideo von der ukrainischen Front ging im Januar in Uganda viral: Rund ein Dutzend afrikanischer Söldner sitzen dort im Schnee und singen oder tanzen zu einem Song, der in Zeiten des ugandischen Bürgerkriegs in den 1980er Jahren gesungen wurde.
In einem weiteren Video, das von der ukrainischen Armee veröffentlicht wurde, erklärte der Ugander Richard Akantorana Anfang Januar, er dachte, er würde in einem Supermarkt arbeiten. Wie er berichtet, hieß es bei seiner Ankunft in Moskau dann: "Ihr werdet in die russische Armee eintreten."
"Als wir uns weigerten, hielten sie mir eine Waffe an den Kopf und zwang mich, die Papiere zu unterschreiben", so Akantorana. Er sei dann nahe Donezk stationiert worden. Beim ersten Einsatz habe er sich ukrainischen Kräften ergeben. "Meine lieben Landsleute in Afrika", sagt er am Schluss, "ich warne euch, landet nicht auch in dieser Falle."
Für 316 Afrikaner kommt diese Warnung zu spät. Die Namen der gefallenen Afrikaner, deren Leichen vom ukrainischen Militär entlang der Frontlinien geborgen wurden, stehen auf eine 15-seitigen Liste, die in einem Bericht des Recherche-Teams INPACT veröffentlicht wurde. Die meisten - fast 100 - stammen aus Kamerun. Auf der Liste stehen auch zwei ugandische Namen. Der von Mukizas Ehemann Kamwesigye ist nicht dabei.
"Hör auf dich vollzuscheißen"
Einige Videos, die online zirkulieren, verdichten die Vermutungen, dass Afrikaner als Kanonenfutter geopfert werden. In einem besonders verstörenden Video sieht man einen afrikanischen Söldner in einem unterirdischen Bunker, dem eine große Mine um den Bauch gebunden wurde. "Hör auf dich vollzuscheißen", hört man eine Stimme im Hintergrund auf Russisch sagen. Ein Gewehrlauf zielt auf den Afrikaner: "Los jetzt, lauf - du wirst heute die Eröffnung machen", sagt die Stimme auf Russisch. Offenbar wird er in eine Kamikaze-Operation losgeschickt, um die Ukrainer zu überraschen. Ob dieses Video authentisch ist, lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit sagen.
Aber auch im INPACT-Bericht heißt es: Die meisten Afrikaner dienen ausschließlich als "Kanonenfutter". "Russland nutzt ihren Ehrgeiz und Verzweiflung aus, um die Reihen der russischen Armee in der Ukraine mit jungen afrikanischen Männern zu verstärken."
Dubiose Registrierungsfirmen ohne Lizenzen
Ugandas Regierung hat nun Ermittlungen aufgenommen. Im August wurden neun Männer am Internationalen Flughafen in Entebbe gestoppt, die auf dem Weg nach Moskau waren. Sie bestätigten, dass sie als angebliche Wachmänner angeheuert wurden. Zwei Tage später wurde ein Russe in Ugandas Hauptstadt Kampala verhaftet, der laut eigenen Angaben für eine Rekrutierungsfirma namens "Magnit" arbeiten soll.
Die Ermittler stellten später fest, dass die Firma in Uganda nicht registriert ist. In Uganda sind viele internationale Rekrutierungsfirmen aktiv. Die meisten suchen nach billigen Arbeitskräften für Jobs in Dubai, Saudi-Arabien oder Katar. Junge Frauen werden als Haushaltshilfen für reiche Scheichs angeheuert, Männer meist als Fahrer oder Sicherheitspersonal. Mit diesen Ländern hat Ugandas Regierung Verträge abgeschlossen.
Mit Russland habe Ugandas Regierung kein Abkommen ausgehandelt, erklärt Joshua Kyalimpa, Sprecher von Ugandas Ministerium für Arbeit, Gender und Soziales: Auf Anfrage teilt er mit: "Es gibt Fälle von Ugandern, die in diesen Konflikt (Russlands Krieg in der Ukraine, Anm. d. Red.) verwickelt sind. Aber diese werden in der Regel online über TikTok und ähnliche Plattformen rekrutiert", so Kyalimpa und fügt hinzu: "Wir betrachten es als unsere Aufgabe als Ministerium, Ugander davor zu warnen, sich als angebliche Arbeitsmigranten für die Konfliktgebiete Russlands oder der Ukraine anwerben zu lassen."
Mukiza hat sich an die russische Botschaft in Kampala gewandt, berichtet sie und zeigt ein Schreiben, in welchem sie um "Unterstützung" bittet, die Leiche ihres Mannes zu bergen, damit die Familie ihn "nach unserer Kultur und Familientradition beisetzen" kann. Eine Antwort hat sie bis heute nicht bekommen, sagt sie. Von ihrem eigenen Land dürfte sie auch keine Hilfe erhalten. Ugandas Außenminister Okello Oryem erklärt gegenüber dem lokalen Fernsehsender NTV: "Uganda hat keine Kapazitäten, die Leichen von denjenigen zurück zu holen, die im Ausland sterben."
"Ich bin so verzweifelt", seufzt Mukiza. Ihren beiden Kindern habe sie bislang nichts vom Tod ihres Vaters erzählt. Sie fürchtet sich vor den Fragen ihrer Kinder, denn diese wüssten: Wenn jemand stirbt, muss er beerdigt werden. "Sie werden mich fragen, wo er ist", sagt sie leise und schluchzt wieder in ihr Taschentuch.