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PolitikAfrika

Afrikas indigene Völker kämpfen gegen den Kapitalismus

Silja Fröhlich
21. April 2022

Was wiegt schwerer: der Schutz historischer und als heilig verehrter Orte - oder die Möglichkeit neuer Arbeitsplätze? Ein Großprojekt im südafrikanischen Kapstadt hat diese Frage erneut aufgeworfen.

Südafrika Kapstadt Protest Indigene gegen Amazon
Bild: Nardus Engelbrecht/AP/picture alliance

Es ist heiliges Land, spirituelle Heimat der Khoi- und San-Volksgruppen, die zu den frühesten Bewohnern des südlichen Afrika gehören. Und es liegt mitten in einer der wichtigsten Metropolregionen Südafrikas. Hier, am Zusammenfluss von Liesbeek und Black River in Kapstadt, will der Einzelhandelsriese Amazon seine Afrika-Zentrale eröffnen. Doch nun stehen die Kräne still, der Hohe Gerichtshof hat die Fortführung der Arbeiten untersagt, bis die Khoisan sinnvoll miteinbezogen wurden. Denn die protestieren - und fordern den endgültigen Stopp des 260-Millionen-Euro-Projekts.

"Jeff Bezos, der reichste Mann der Welt mit seinem Amazon-Hauptquartier - auf unserem heiligen Land!", empört sich Bradley van Sitters, Khoisan-Aktivist, im DW-Gespräch. "Dass er dieses afrikanische Hauptquartier baut, ist eine große Schande. Dieser Fluss ist uns heilig. Hierher kommen wir, um unsere Zeremonien und Rituale abzuhalten. Wir wollen auch unsere Kinder hierher bringen. Das muss zum Weltkulturerbe erklärt werden."

Ein Ort von historischer Bedeutung

Die Khoisan verbinden wichtige Erinnerungen mit dem Land am Fuße des Tafelbergs. Im frühen 16. Jahrhundert hatten sie hier die eindringenden portugiesischen Truppen zurückgeschlagen. Etwa 150 Jahre später wehrten sich die Indigenen gegen die holländischen Siedler, die von diesem Ort aus ihre Landenteignungen begannen.

Mit ihrem Protest sind die Khoisan nicht allein: Auch Umweltaktivisten demonstrierten gegen die Bebauung.Bild: AFP via Getty Images

Doch das "River Club" genannte Projekt könnte auch eine Chance für Kapstadt sein. Amazon beschäftigt bereits Tausende von Menschen in verschiedenen Datenverarbeitungszentren in der Stadt. Nach der Fertigstellung soll der neue Komplex mindestens 1000 Menschen Arbeit bieten - in der Bauphase ein Vielfaches mehr. Entstehen sollen auf dem Gelände Wohnhäuser, Geschäfte und Büros - und die Amazon-Zentrale. Die Bauherren betonen, die Mehrheit der Khoi und San am Kap stehe hinter der Entwicklung. Um das Erbe der indigenen Gruppen zu würdigen, ist zudem ein kulturelles Zentrum geplant, das über die Geschichte informieren soll, wie es auf der Webseite des "Liesbeek Leisure Properties Trust" heißt.

"Die kleine Gruppe von Aktivisten, die sich gegen das River Club Projekt ausspricht, hat Unwahrheiten über das derzeitige Grundstück, die Umgestaltung und die Auswirkungen auf das immaterielle Erbe, die Umwelt und die Artenvielfalt verbreitet" so der Liesbeek Leisure Properties Trust in einem Statement.

Entwicklung - auf Kosten der indigenen Völker

Mehr als ein Drittel der Südafrikaner sind arbeitslos, weswegen das Land sehr an ausländischen Investitionen interessiert ist. Doch das dürfe nicht auf Kosten indigener Völker passieren, so Geneviève Rose, Leiterin der Internationalen Arbeitsgruppe für indigene Angelegenheiten (IWGIA) bei der Afrikanischen Kommission für Menschenrechte und Rechte der Völker. "Wir sagen nicht, dass die Entwicklung nicht wichtig ist. Die indigenen Völker möchten auch gerne Strom haben. Sie brauchen auch Arbeitsplätze", so Rose.

Im Kampf gegen Großprojekte fehlt es indigenen Gruppen oft an einer starken LobbyBild: Phill Magakoe/AFP/Getty Images

"Aber die Realität ist, dass ihnen ihr Land weggenommen wird, sie werden nicht konsultiert. Sie bekommen keine richtige Arbeit. Wenn sie umgesiedelt werden, dann ist es schlechteres Land, und sie sind schlechter dran als vorher", so Rose. Das einzige, worum indigene Völker bitten würden, sei, dass ihre Rechte an dem Land, auf dem die Erschließung stattfindet, anerkannt würden und dass sie angemessen berücksichtigt würden. "Dann können sie sich konstruktiv an dem Projekt beteiligen und versuchen, eine Lösung zu finden, die für sie geeignet ist und von der sie auch profitieren. Aber im Moment ist das nicht der Fall."

Kein Interesse an Rechtsanerkennung

Ähnliche Szenarien finden sich auch anderswo in Afrika. In den 1970er-Jahren vertrieb die kenianische Regierung Hunderte von Endorois-Familien von ihrem Land, um ein Wildschutzgebiet für den Tourismus zu schaffen. Die Endorois reichten Klage ein und bekamen Recht. Die Afrikanische Menschenrechtskommission befand, dass die kenianische Regierung die Rechte der Endorois auf Religionsausübung, Eigentum, Kultur, freie Verfügung über die natürlichen Ressourcen und Entwicklung gemäß der Afrikanischen Charta verletzt hatte. 2010 bekam die Entscheidung die formelle Zustimmung der Afrikanischen Union. Die umfangreichen Empfehlungen der Kommission - von Eigentumsrechten über Entschädigungen bis hin zu Beschäftigungsmöglichkeiten im Wildreservat - wurden bis heute allerdings nur in Teilen umgesetzt.

Die kenianische Ethnie der Endorois bekam im Streit um ihr Land 2010 RechtBild: Tony Karumba/AFP/Getty Images

"Regierungen, insbesondere in Subsahara-Afrika, müssen zunächst einmal anerkennen, dass indigene Völker auf dem Land leben und auch traditionelle Eigentumsrechte an diesem Land haben", so Rose. Viele Regierungen wollten dies aber nicht. "Wenn man sie anerkennt und ihnen das Recht auf das Land zugesteht, hat man nicht die Möglichkeit, das Land zu verkaufen oder diese Investitionsprojekte zu bekommen. Sie ziehen es also vor, ihre Existenz oder die Tatsache, dass sie das Land als Gemeinschaft besitzen, nicht anzuerkennen."

Zusammenarbeit von Indigenen und Unternehmen

Auch in Burundi und Uganda wurde das Land der Batwa gegen ihren Willen in Nationalparks und Waldreservate umgewandelt. Und in Äthiopien wurden Hirtenvölker von ihrem Land vertrieben, damit es an ausländische und nationale Unternehmen verpachtet werden konnte. Auch diese Unternehmen sieht Rose in der Pflicht.

"Unternehmen können einen wirklich großen Einfluss haben und Druck auf die Regierung ausüben, um sicherzustellen, dass sie keine Geschäfte machen werden, wenn diese Menschen nicht in den gesamten Prozess einbezogen werden. Und ich denke, es ist sehr wichtig für Unternehmen und Investoren, sich dessen bewusst zu sein und nicht nur zu hören, was die Regierung ihnen sagt, sondern eine richtige Einschätzung vorzunehmen." Dazu gehöre, herauszufinden, was das Land den Menschen bedeute, wie eine angemesse Entschädigung aussehen könne und wie man ihnen auch langfristig Arbeit anbieten könne.

Zusammenarbeit im Interesse aller

Solche inklusiven Prozesse können auch einem späteren Scheitern von Projekten vorbeugen. In Kenia etwa gibt es Ärger um einen Windpark am Turkanasee. Hier hatte das kenianische Umwelt- und Landgericht in Meru 2021 in einem historischen Urteil die Eigentumsurkunden für das Land, auf dem Afrikas größter Windpark steht, für unrechtmäßig erklärt. Indigene Völker hatten sich beschwert, dass die Verantwortlichen keine Zustimmung eingeholt, keine angemessene Entschädigung gezahlt und gegen geltende Landgesetze verstoßen hätten. Die Bezirksregierung hat nun ein Jahr Zeit, den Prozess zu korrigieren, andernfalls geht das Land an die Gemeinschaft zurück.

Windkraft ist in Kenia heute ein wichtiger Teil des EnergiemixesBild: Dai Kurokawa/epa/picture alliance

"Dies ist nicht nur ein Sieg für die Gemeinden El Molo, Turkana, Samburu und Rendille, die auf unterschiedliche Weise vom Projekt betroffen sind, sondern ein Sieg für alle kenianischen Gemeinden, die von Vertreibung und Menschenrechtsverletzungen durch große Landinvestitionen bedroht sind", sagte Mali Ole Kaunga, Direktor von IMPACT (Indigenous Movement for Peace Advancement and Conflict Transformation).

Was einer indigenen Gemeinschaft helfen könnte, so Rose, sei, ihre eigenen Protokolle für den Fall zu haben, dass ein Unternehmen auf ihr Land kommt. "Dann hat sie bereits einige Ideen, wie sie mit dem Unternehmen zusammenarbeiten will. Was ist der Wert ihres Landes? Wie wollen sie mit dem Projekt umgehen, es akzeptieren oder nicht akzeptieren? Und kann diese Zustimmung von der Gemeinschaft als Ganzes gegeben werden."

Mit einem fairen Kompromiss für beide Seiten sei eine Zusammenarbeit möglich, da ist sich Rose sicher. Wie der in Kapstadt gelingen kann, müssen beide Seiten nun neu verhandeln. Doch was es vor allem braucht, ist eines: Anerkennung.

Mitarbeit: Okeri Ngutjinazo und Adrian Kriesch

Silja Fröhlich Redakteurin, Reporterin und Moderatorin