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"Wir müssen die Prävention noch viel ernster nehmen"

Gudrun Heise
1. Dezember 2017

Bis 2030 soll die Aids-Epidemie weltweit beendet sein, so die UN. 15 Millionen Betroffene weltweit haben derzeit Zugang zu einer Therapie. Gute Nachrichten zum Welt-Aids-Tag, der jedes Jahr am 1. Dezember stattfindet.

Welt-AIDS-Tag
Bild: picture-alliance/Pacific Press/S. Paul

DW: Weltweit leben etwa 36,5 Millionen Menschen mit HIV. Fast die Hälfte von ihnen hat Zugang zu antiretroviralen Therapien. Sie ermöglichen es, mit dem Virus alt zu werden. Die Weltgesundheitsorganisation ist zuversichtlich, dass immer mehr Menschen Zugang zu solchen Medikamenten bekommen. So ließe sich die Epidemie bis 2030 in den Griff bekommen. Deutschland ist schon auf gutem Wege. Hier gibt es etwa 83.500 Infizierte. Herr Professor Brockmeyer, wie viele kommen jedes Jahr hinzu?

Brockmeyer: Im Jahr 2016 waren die Neuinfektionszahlen rückläufig und lagen bei ungefähr 3200. Die Situation hat sich stabilisiert, die Neudiagnosen sind sogar noch weiter zurückgegangen. Wir sehen einen leichten Trend der Zunahme bei Heterosexuellen. Das kann aber auch eine kleine Schwankung sein. Der allgemeine Trend was HIV-Infektionen anbetrifft, ist aber sehr gut. Das liegt sicher auch an den guten Therapie-Optionen, die wir haben und daran, dass in Deutschland sehr viele Menschen mittlerweile therapiert werden. Sie werden so therapiert, dass sie nicht mehr infektiös sind.

Was bedeutet das für die Psyche der Betroffenen?

Der Kampf gegen Aids läßt sich durch Aufklärung und gute Medikamente gewinnen, meint Mediziner Norbert BrockmeyerBild: picture-alliance/dpa/Katholisches Klinikum Bochum

Für die HIV-Infizierten hat es natürlich große Auswirkungen auf die Psyche, dass sie nicht mehr infektiös sind. Sie fühlen sich befreit. Manche haben das auch genauso beschrieben: "Seitdem ich weiß, dass ich nicht mehr ansteckend bin, bin ich ein ganz anderer Mensch geworden. Ich kann wieder genauso herumlaufen wie alle anderen und muss mich nicht immer ducken oder Angst haben, jemanden zu infizieren." Das ist ein Riesenerfolg und eine Stärkung der Menschen, die HIV-positiv sind.

Welche anderen positiven Entwicklungen gab es in der letzten Zeit?

Es sind diese wunderbaren Aussichten, an die wir vor zehn Jahren noch nicht geglaubt hätten. Es ist die Aussicht, dass die Menschen eine wirklich normale Lebenserwartung erzielen können. Das ist das tolle, das wir geschafft haben. Wir müssen aber die Prävention noch viel, viel ernster nehmen. Wir haben bei uns in Bochum, im Zentrum für Sexuelle Gesundheit und Medizin, seit ungefähr einem halben Jahr ein neues System entwickelt. Damit können Menschen mit einer Infektion ihre [möglicherweise häufig wechselnden] Partner oder ihre Partnerinnen anonym darüber informieren, dass sie sich testen lassen sollen. 

Sie haben einen Risikotest entwickelt, was genau hat es damit auf sich?

Man kann in diesem Risikotest verschiedene Dinge checken, zum Beispiel: Mit wem hatte ich Sexualverkehr? Was sind meine sexuellen Vorlieben? Entsprechend bekommt man dann Hinweise, wie man sich verhalten soll, wie man sich schützen kann. Es geht auch darum, ob man sich untersuchen lassen soll, welche Möglichkeiten man hat, zum Arzt zu gehen und sich testen und therapieren zu lassen. Am Ende steht dann die Frage nach der Präexpositionsprophylaxe – PrEP.

Außerdem werden wir für Menschen, die nicht gerne zu einem Arzt gehen, ein Testkit anbieten. Damit können sie dann - nachdem sie einmal bei uns im Zentrum beraten worden sind - zuhause selber die Abstriche machen, Blut aus dem Finger entnehmen und es dann zum Labor schicken. Sie können sich also quasi ständig selber zuhause testen. Sie können sich damit sich freier bewegen, denn viele haben eine Riesenhemmschwelle in eine Arztpraxis zu gehen. Es ist ein zusätzliches Angebot, um noch mehr Menschen zu finden und dazu zu bewegen, sich testen zu lassen, Menschen, für die das wirklich wichtig ist.

Welche Vorsorgemaßnahmen können Leute treffen?

Neben dem Kondom gibt es für Menschen, die ein sehr hohes Risiko haben sich mit HIV zu infizieren weitere Möglichkeiten. Für Menschen, die es nicht schaffen, Kondome zu nutzen, weil sie Erektionsstörungen haben oder Allergien oder noch andere Probleme, gibt es die die sogenannte Präexpositionsprophylaxe, PrEP. Diese Menschen, die nicht HIV-infiziert sind, nehmen zwei Wirkstoffe, die man in der HIV-Therapie einsetzt. Dann sind sie vor einer HIV-Infektion geschützt. Diese Wirkstoffe werden zwar nicht von der Krankenkasse bezahlt, aber sie sind jetzt zu sehr günstigen Konditionen erhältlich, zu einem Preis von circa 50 Euro.

Vorher hat dieses Präparat zwischen 500 bis 800 Euro gekostet. Wie kommt es zu dieser großen Differenz?

Hier geht es ursprünglich um das Präparat Truvada. Dafür ist das Patent ausgelaufen. Daraufhin sind fünf oder sechs Generika-Hersteller aufgetreten, die dieses Medikament, also diese Wirkstoffe herstellen und dann unter anderem Namen verkaufen. Damit ist der Preis sowieso relativ schnell um die Hälfte gesunken. Aufgrund der HIV-PrEP-Kampagnen ist der Preis dann nochmal eingebrochen und liegt jetzt zwischen 50 und 70 Euro. Das ist ein Riesenerfolg. Man kann so auch zeigen, dass es teilweise auf harte Verhandlungen ankommt und dass man Medikamentenkosten oder Therapiekosten beeinflussen kann. 

Welches sind die wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass die HIV-Neuinfektionen weiter gesenkt werden können?

Eine der Hauptsäulen ist die intensive Aufklärung der Menschen darüber, wie sie sich verhalten sollten, um sich besser zu schützen und wie sie sich auch mit ihren Partnern unterhalten können. Davor haben viele Angst. Sexualität ist ein großes Tabu, HIV ist stigmatisierend. Darüber spricht man nicht. Es geht also auch um die Frage: Wie kann ich mich mit meinen Partnern über HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen unterhalten, so dass Sex anschließend trotzdem noch möglich ist?

Welche anderen Risiken für eine Infektion gibt es?

Das sind allgemein sexuell übertragbare Infektionen. Wir müssen sie finden und die Menschen gezielt behandeln. Bei HIV-Infizierten ist eine möglichst frühe Therapie ein ganz entscheidender Präventionspfeiler. So kann die Gefahr andere zu infizieren verringert werden. Der Schutz von nicht HIV-Infizierten durch die Präexpositionsprophylaxe ist ein weiterer, wichtiger Schritt. Das heißt: Wenn wir verschiedene Möglichkeiten zusammennehmen - und hierzu zählt weiterhin das Kondom -,  dann haben wir die Chance, die jährlichen HIV-Infektionen um 40 bis 50 Prozent zu verringern. Aber das geht nur im Gesamtpaket, und das ist das Entscheidende.

Professor Norbert Brockmeyer ist Leiter des Zentrums für Sexuelle Gesundheit und Medizin an der Dermatologischen Universitätsklinik Bochum.

Das Interview führte Gudrun Heise

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