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KonflikteNordkorea

Russische Propaganda für ukrainische Kinder in Nordkorea?

12. Dezember 2025

Eine ukrainische Aktivistin berichtete dem US-Kongress, zwei ukrainische Kinder seien in ein nordkoreanisches Camp geschickt und dort russischer Propaganda ausgesetzt worden.

Zwei in die ukrainische Nationalflagge gehüllte Kinder bei einer Kundgebung gegen den russischen Angriffskrieg in Berlin, 2022
Nach ukrainischen Angaben wurden rund 19.500 ukrainische Kinder nach Russland entführtBild: Hannibal Hanschke/AP Photo/picture alliance

Anfang Dezember gab Kateryna Raschewska, Rechtsexpertin des Regionalen Zentrums für Menschenrechte (RCHR) der Ukraine, vor einem Unterausschuss des US-Kongresses eine schockierende Nachricht bekannt: Russland habe zwei ukrainische Kinder in ein Camp für Kinder nordkoreanischer Eliten geschickt. 

Bei den beiden Kindern handelt es sich um den zwölfjährigen Mischa aus der russisch besetzten Region Donezk und die 16-jährige Liza aus Simferopol, der Hauptstadt der von Russland annektierten Halbinsel Krim. Sie kamen laut RCHR als Teil russischer Kindergruppen in das nordkoreanische Lager Songdowon.

Das 1960 gegründete Lager Songdowon war ursprünglich für Kinder aus anderen Staaten des kommunistischen Blocks gedacht, die dort Zeit im Wasserpark, am nahe gelegenen Strand, auf dem Fußballplatz, im Fitnessstudio, im Aquarium und bei anderen Aktivitäten verbringen konnten und auch dort schliefen.

Nach Angaben Kiews hat Russland mehr als 19.500 ukrainische Kinder entführt. Diese offizielle Zahl umfasst jedoch nur bestätigte Fälle, wobei Kiew davon ausgeht, dass die tatsächliche Zahl höher sein könnte.

Rashevska erklärte gegenüber der DW, dass Misha und Liza höchstwahrscheinlich nicht in dieser Zahl enthalten sind, da diese seit langem unverändert geblieben ist, während Informationen über diese beiden Kinder erst kürzlich bekannt wurden.

"Derzeit gibt es keine ausreichenden Beweise, um Elemente einer rechtswidrigen Deportation in ihrem Fall zu bestätigen. Da wäre es unangemessen, sie in diesem Sinne vorschnell als entführte Kinder einzustufen", sagte sie. Gleichzeitig sei ihre Überstellung laut Rashevska mit anderen Verletzungen von Kinderrechten verbunden gewesen, darunter politische Indoktrination, Elemente der Militarisierung und die Verwendung in der russischen Propaganda - was gemäß Artikel 50 der Vierten Genfer Konvention verboten ist - sowie Verstöße gegen die UN-Konvention über die Rechte des Kindes, wie z. B. Identität, Ruhe und Freizeit sowie das Prinzip des Kindeswohls. Die überwiegende Mehrheit der 165 vom RCHR dokumentierten Lager für Kinder befindet sich in Russland und Weißrussland, aber es scheint, dass Moskau und Pjöngjang die Allianz vertiefen wollen, die seit dem Überfall Russlands auf die gesamte Ukraine im Februar 2022 entstanden ist. Im Rahmen dieser neu vertieften Allianz hat Nordkorea Munition und Truppen für den Krieg in der Ukraine geliefert, während Russland sich mit Lebensmitteln, Treibstoff und Militärtechnologie revanchiert hat.

Jugendliche aus Russland im internationalen Kindercamp Songdowon im nordkoreanischen Wonsan bei einer Veranstaltung 2024Bild: YONHAPNEWS AGENCY/picture alliance

"Kinder werden für Propaganda missbraucht"

Die ukrainische Rechtsexpertin Rashevska erklärt gegenüber der DW, die beiden Kinder hätten sich zunächst im internationalen Kindercamp Songdowon nahe der nordkoreanischen Hafenstadt Wonsan aufgehalten. Sie seien später aber in den von Russland besetzten Teil der Ukraine zurückgebracht worden.

"Russland missbraucht unsere ukrainischen Kinder für seine Propaganda. Sie werden als eine Art 'russische Botschafter' der Kinder- und Jugenddiplomatie präsentiert", sagt Rashevska. "Russland nutzt unsere Kinder, um strategische Partnerschaften mit Nordkorea aufzubauen, das von den USA als Unterstützer des Terrorismus eingestuft wird und sich faktisch der Aggression gegen die Heimat dieser Kinder, die Ukraine, mitschuldig macht. Das ist absolut inakzeptabel."

Das 1960 gegründete Camp Songdowon in Nordkorea war ursprünglich für Kinder aus anderen Ostblockstaaten gedacht. Sie konnten sich dort in einem Wasserpark oder am nahegelegenen Strand aufhalten, turnen und Fußball spielen, Zeit im Aquarium und bei anderen Aktivitäten verbringen. Auch schliefen sie auf dem Gelände.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde das Camp zunehmend zu einem Aufenthaltsort für die Kinder hochrangiger nordkoreanischer Funktionäre. Seit Moskau und Pjöngjang ihre Freundschaft wiederaufgenommen haben, nimmt es jedoch auch ausländische Kinder auf.

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Camp für Gehirnwäsche

"Der Campus ähnelt einem Pfadfinderlager. Der Unterschied ist, dass die Kim-Familie im Mittelpunkt steht", sagt Dan Pinkston, Professor für Internationale Beziehungen am Seouler Campus der Troy University, der das Camp 2013 im Rahmen einer Nordkoreareise besichtigte.

"Für nordkoreanische Kinder ist das Camp fast ein Initiationsritus. Sie können dort allerlei Freizeitaktivitäten nachgehen, sind aber gleichzeitig intensiv Propaganda und Indoktrination ausgesetzt. Überall hingen Poster, Schilder und Slogans, die die Schrecken des Imperialismus anprangerten. Bezeichnend ist aber, wie Nordkorea und Russland zunehmend zusammenarbeiten und Besuche von Touristen, Geschäftsleuten und nun auch jungen Menschen arrangieren", so Pinkston weiter.

Pinkston vermutet, dass an den beiden ukrainische Kinder die Auswirkungen verstärkter Indoktrination untersucht würden. Ein Prinzip der Indoktinierung sei, die Probanden für gutes Benehmen zu "belohnen", zum Beispiel mit einem Auslandsaufenthalt. "Das ist alles Teil der 'Russifizierung' dieser Kinder. Ich gehe davon aus, dass wir in Zukunft mehr solcher Fälle sehen werden", sagt er.

Andere Analysten wiederum sehen darin lediglich den Versuch, die Kinder der Propaganda auszusetzen. Andrei Lankov, Professor für Geschichte und Internationale Beziehungen an der Kookmin-Universität in Seoul, bezeichnete den Besuch als "schamlose Manipulation".

Teilnehmer der Bewegung "Junge Garde - Jugendarmee" in von Russland besetzten Gebieten der Ukraine, 2024Bild: Rutube

"Unmenschliche Behandlung"

"Für Kim Jong Uns Regime ist dies ein sanfter, gesellschaftlich akzeptabler Weg, die 'strategische Partnerschaft' mit Russland durch eine Art 'Kinderdiplomatie' zu vertiefen", sagt Rashevska. "Für Russland sind diese Aufenthalte nützlich, weil die Kinder ein Land sehen, in dem Menschenrechte und Freiheiten noch schlechter sind als in Russland selbst: kein Internet, keine Mobiltelefone, keine Möglichkeit, in Kontakt zu bleiben."

Man müsse den Kindern helfen, gibt die Juristin zu verstehen, "selbst wenn nur ein Kind oder zwei Kinder betroffen sind. Es sind unsere Kinder. Kinder sind keine Statistiken. Kinder sind kein Mittel, um Menschen zu schockieren. Kinder sind unsere Zukunft. Und diese Zukunft sollte uns gehören, aber sie wurde uns gestohlen. Das muss man laut aussprechen."

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UN fordern Russland zur Rückführung der Kinder auf

Die UN-Generalversammlung forderte vergangene Woche die sofortige und bedingungslose Rückführung zwangsweise nach Russland verschleppter ukrainischer Kinder.

Die Resolution fordert Moskau außerdem auf, "jegliche Zwangsverlegung, Abschiebung, Trennung von Familien und Erziehungsberechtigten, Änderung des Personenstands, einschließlich durch Einbürgerung, Adoption oder Unterbringung in Pflegefamilien, sowie die Indoktrination ukrainischer Kinder unverzüglich einzustellen".

Das russische Außenministerium erklärte, die UN-Resolution enthalte "ungeheuerliche Behauptungen" gegen Russland. "Russland betont erneut, dass alle Anschuldigungen, ukrainische Kinder zu verschleppen, völlig haltlos und irreführend sind", so eine Erklärung des Ministeriums. "Es ging ausschließlich um die Evakuierung von Minderjährigen aus Kampfgebieten, deren Leben in Gefahr war."

Aus dem Englischen adaptiert von Kersten Knipp

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