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Alan Greenspan: Das Orakel der Finanzwelt ist tot

22. Juni 2026

Fast 20 Jahre prägte Alan Greenspans als Chef der US-Notenbank Fed die Weltwirtschaft. Doch seine Niedrigzinspolitik und Deregulierung des Finanzmarktes brachte ihm nach der Finanzkrise viel Kritik ein.

USA Chicago 2009 | Alan Greenspan spricht auf Konferenz über die Wirtschaftskrise
Ehemaliger US-Notenbankchef Alan Greenspan: Fast 20 Jahre lang war Greenspan der Chef der amerikanischen Zentralbank (Federal Reserve Bank) und bestimmte mit seiner Geldpolitik die Zinsen und die WirtschaftBild: Scott Olson/Getty Images/AFP

An den Lippen von Alan Greenspan, seinem Gesichtsausdruck, seinen Bewegungen hing lange Jahre die globale Finanzwelt. Die kleinste Veränderung der Mimik, selbst die Dicke seiner Aktentasche wurde beobachtet, bewertet und interpretiert. Fast 20 Jahre lang lenkte Alan Greenspan als Chef der amerikanischen Notenbank (Federal Reserve Bank - kurz Fed) die US-Geldpolitik und damit auch die Wirtschaft.

Er war der "Mister Dollar", der Guru der internationalen Finanzwelt, der Herzschrittmacher der Weltwirtschaft. Er galt als integer, genial, humorvoll. Dass er den Tag mit zwei Stunden Aktenstudium in der Badewanne beginne, wo er am kreativsten sei, erzählte Greenspan von sich selber. Sein Ruf war tadellos. Später jedoch - nach der Finanzkrise - sollte sich das ändern. Aber zuerst ein Blick auf den Anfang.

Das Maß aller Dinge

Als Greenspan 1987 sein Amt bei der Fed antrat, waren die Fußstapfen, in die er treten musste, ziemlich groß. Vor ihm hatte Paul Volcker als Chef der US-Zentralbank die galoppierende Inflation mit einer gewagten Hochzinspolitik in den Griff bekommen.

Aber Greenspan stand Volcker in nichts nach. Um die Jahrtausendwende - als er für weitere vier Jahre an die Spitze der Fed berufen wurde, lobte ihn die Politik als "großartigsten Zentralbanker in der Weltgeschichte". Kein Wunder, denn unter seiner geldpolitischen Führung legte die US-Wirtschaft eine der längsten Blütezeiten in ihrer Geschichte hin.

Greenspan war Kult. Selbst ein Stirnrunzeln ließ Investoren grübeln, was das zu bedeuten habe. Legendär waren auch seine verklausulierten und oft völlig unverständlichen Äußerungen, die als "Greenspeak" bezeichnet wurden.

"Seit ich Notenbanker geworden bin, habe ich gelernt, in großer Zusammenhanglosigkeit zu murmeln", sagte Greenspan 1987 vor dem US-Kongress. "Wenn ich Ihnen über Gebühr klar erscheine, müssen Sie falsch verstanden haben, was ich gesagt habe."

Sogar den Heiratsantrag an seine zweite Frau, die TV-Journalistin Andrea Mitchell, habe der damals 71-jährige Greenspan zunächst so unverständlich formuliert, dass er ihn wiederholen musste, berichtet Bob Woodward in seiner Greenspan-Biografie.

Alan Greenspan: "Der Job des amerikanischen Notenbankchefs ist so faszinierend, wie Erdnüsse zu naschen. Man knabbert und knabbert und wird niemals müde."Bild: picture-alliance/dpa/M. Reynolds

Allheilmittel: Zinsen runter!

Seine erste Nagelprobe als Fed-Chef hatte Greenspan bereits kurz nach seinem Amtsantritt zu bestehen. Bei dem Börsenbeben am 19. Oktober 1987, das als "Schwarzer Montag" in die Finanzgeschichte einging, öffnete er die Geldschleusen, damit Anleger nicht in Panik gerieten und Investoren beruhigt würden. Er senkte den Leitzins, der bei seinem Amtsantritt noch bei rund sieben Prozent gelegen hatte. Dadurch wurden Kredite günstig, die Unternehmer investierten, die Verbraucher konsumierten und die Wirtschaft kam wieder in Gang.

Auch bei späteren Krisen senkte Greenspan die Zinsen - so bei der Rezession von 1990-91, der asiatische Finanzkrise 1997 und der Krise des Hedgefonds "Long Term Capital Management" 1998.

Mit seinem Handeln gab Greenspan den Finanzmärkten die Sicherheit, dass die Fed in Krisenzeiten entschlossen handeln würde. Diese Politik bekam sogar einen eigenen Namen: "Greenspan-Put".

Schockstarre nach 9/11

Als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in das World Trade Center in New York rasten, geriet die Welt aus den Fugen. Die Wirtschaft befand sich in Schockstarre. Greenspan griff wieder zum bewährten Mittel und senkte die Leitzinsen in mehreren Schritten von sechs auf ein Prozent. Ein solch niedriges Zinsniveau hatte es in den USA seit 46 Jahren nicht gegeben.

Und es wirkte: Die amerikanische Wirtschaft zog wieder an und der Aktienindex Dow Jones schoss von Ende 2002 bis Anfang 2004 um mehr als ein Drittel nach oben.

Die amerikanische Notenbank bestimmt über den wichtigsten Preis weltweit: Der Leitzins ist der Preis, den die Geschäftsbanken für Kredite bei der Zentralbank bezahlen. Er hat grossen Einfluss darauf, ob die Haushalte, die Firmen und der Staat ihr Geld sparen oder ausgeben Bild: picture alliance/Zuma Wire/C. Myers

Doch obwohl die Wirtschaft wieder ansprang, ließ die Fed in den folgenden Jahren die Zinsen auf dem niedrigen Niveau. Erst 2004 trat Greenspan auf die Bremse und erhöhte den Leitzins. Zu spät. Die Märkte machten die Erhöhung der Leitzinsen nicht wie üblich mit und die langfristigen Zinsen sanken sogar noch weiter. Wegen der niedrigen Zinsen hatten sich viele Amerikaner überschuldet. Die Banken hatten die risikoreichen Kredite gebündelt und als Wertpapiere in die ganze Welt verkauft. Selbst der höhere Zins konnte jetzt nicht mehr das Anschwellen und schließlich das Platzen der Blase am Immobilienmarkt 2007 verhindern. Ein Jahr später wurde die Welt von der Finanzkrise erschüttert.

Das risikoreiche Verhalten der Banken war dadurch begünstigt worden, dass das Finanzsystem in den Jahren davor stark dereguliert worden war. Auch Greenspan glaubte nicht nur an die Kraft der niedrigen Zinsen, sondern auch daran, dass sich die Märkte selbst regulieren würden. So trug er mit dazu bei, dass sich die Finanzwelt vom festen und regulierten System der Nachkriegszeit zu einem deregulierten Markt wandelte, in dem Finanzexzesse überhaupt erst möglich wurden.

Nach der Finanzkrise zerbröselt der gute Ruf

Mit der Finanzkrise aber geriet nicht nur die Weltwirtschaft an den Abgrund - auch der gute Ruf des "Maestros" zerbröselte. Seine Politik des billigen Geldes und der Befürwortung von Deregulierungen habe den Boden für die Immobilienkrise der USA und der darauf folgenden weltweiten Finanzkrise bereitet - da sind sich die meisten Experten einig.

Stephen Roach, Chefökonom der US-Bank Morgan Stanley, tadelte Greenspan. Statt zu mäßigen, habe er "weiteren Punsch in die Bowle geschüttet, um die Partygäste bei Laune zu halten".

Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman kritisierte in seinem Blog bei der New York Times, Greenspan habe geleugnet, dass es eine Blase gebe, und aktiv die Bemühungen um stärkere Regulierung der Finanzwelt blockiert.

So sei Greenspan Mitauslöser der schlimmste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit gewesen. Mit der Bewältigung der Krise mussten sich dann aber sein Nachfolger Ben Bernanke und später Janet Yellen herumschlagen, denn Greenspan ging 2006 in Rente und beriet danach noch große Finanzfirmen.

Alan Greenspans Nachfolger auf dem Chefposten der Federal Reserve Bank, Ben Bernanke, musste die Finanzkrise bewältigenBild: Getty Images

Greenspan selbst war der Meinung, keine Fehler gemacht zu haben. Schließlich habe er wiederholt vor Übertreibungen an den Immobilien- und Kreditmärkten gewarnt. Das brachte ihm scharfe Kritik von Fachkollegen ein. "Er hat noch immer nicht die Integrität, Verantwortung für sein eigenes Handeln zu übernehmen", so Krugman.

Allerdings hatte Greenspan vor einem Senatsausschuss zugegeben, dass er sich getäuscht habe, was die Bereitschaft der Wall Street angehe, sich selbst zu regulieren: "Diejenigen von uns, die auf das Eigeninteresse von Kreditgebern, ihre Aktionäre zu schützen, gesetzt haben, einschließlich meiner selbst, befinden sich in einem Zustand schockierten Unglaubens."

Jazz war seine erste Liebe

Greenspan, der als bescheiden und schüchtern galt, war nicht nur ein Mann des Geldes. Seine erste Liebe war der Jazz. Als junger Mann wollte Greenspan, der 1926 in einer jüdischen Familie in New York City geboren wurde, Musiker werden. Während der High School spielte er Klarinette und Saxophon. Später studierte an der berühmten Musikhochschule Juilliard School und tourte 1944 und 1945 mit einer Musikband.

Erst 1944 schwenkte er um zur Wirtschaft. Er begann ein Studium der Volkswirtschaft an der New York University, das er 1950 mit dem Master-Grad abschloss. Er ging danach für ein paar Jahre als Händler an die Warenterminbörse in Chicago. 1954 gründet er dann zusammen mit einem Partner die Beratungsfirma Townsend, Greenspan & Co. Die Firma hatte schnell Erfolg und brachte Greenspan Kontakte zu vielen der größten amerikanischen Unternehmen und ihren Managern.

Der Weg zum Gesicht der Fed

Greenspan konnte gut mit Zahlen jonglieren und baute sich schnell den Ruf auf, ein ausgezeichneter Kenner der US-Wirtschaft zu sein. So wurde er zum gefragten Ratgeber der Republikaner. Obwohl er noch keinen Doktortitel trug, wurde er 1974 zum Chef des amerikanischen Sachverständigenrats (Council of Economic Advisers) ernannt.

Er verließ den Rat 1977, vollendete im gleichen Jahr seine Doktorarbeit und kehrte zu seiner Beratungsfirma nach New York zurück.

Alan Greenspan verteidigt 2010 vor dem Untersuchungsausschuss, der die Ursachen der Finanzkrise ergründen sollte, seine FinanzpolitikBild: AP

Ende der siebziger Jahre beriet er den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Ronald Reagan. Der machte ihn nach seinem Wahlsieg 1980 zum Chef einer Kommission, die Reformen für das Sozialsystem vorschlug. Sieben Jahre später berief Reagan ihn dann zum Vorsitzenden der amerikanischen Zentralbank.

Dabei konnte sich Greenspan, der sich selbst als konservativen Republikaner bezeichnete, auch über die Unterstützung der Demokraten freuen. Beeinflusst wurde er besonders von der Schriftstellerin und Philosophin Ayn Rand, die er 1952 kennenlernte. In ihren neoliberalen Theorien propagierte Rand einen Laisser-faire-Kapitalismus, in dem der Staat nur die Rolle des Nachtwächters spielte.

Die republikanischen Präsidenten Ronald Reagan und George W. Bush unterstützte Greenspan bei ihren radikalen Steuersenkungen und dem damit einhergehenden Abbau staatlicher Leistungen. Trotzdem betonte Greenspan, Gewinnstreben solle nicht zu Lasten anderer gehen. "Materieller Erfolg ist viel befriedigender, wenn er ohne die Ausbeutung anderer erzielt wurde." 

Auch im hohen Alter meldete sich Greenspan weiter zu Wort. So schalteten im Pandemiejahr 2020 jeden Monat US-Fernsehsender ins Zuhause von Greenspan und seiner Frau Andrea Mitchell. Auf seine Expertise muss nun verzichtet werden. Wie seine Ehefrau Andrea Mitchell am Montag dem US-Sender NBC News mitteilte, starb Greenspan im Alter von 100 Jahren an den Folgen einer Parkinson-Erkrankung.

Insa Wrede Redakteurin in der Wirtschaftsredaktion
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