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Aleviten: Zwischen Selbstbehauptung und Selbstfindung

27. Mai 2026

Mit rund 800.000 Angehörigen sind die Aleviten die viertgrößte Glaubensgemeinschaft in Deutschland. In der Türkei häufig angefeindet versuchen sie hier, ihren Glauben und ihre Kultur in die heutige Zeit zu übertragen.

Sechs Frauen tanzen in einem Kreis, sie sind undeutlich zu erkennen, weil sie sich schnell bewegen, um sie herum sitzen weitere Personen
Alevitinnen und Aleviten feiern NeujahrBild: Idil Toffolo/Cover-Images/IMAGO

Aleviten machen rund 13 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime aus. Ursprünglich lebten die Angehörigen dieser Glaubensgemeinschaft in dörflichen Gemeinschaften in Anatolien. Ihren Glauben und ihre Riten gaben sie vor allem mündlich weiter. Doch mit der in den 1950er Jahren in der Türkei einsetzenden Landflucht, der Urbanisierung und der Migration nach Europa lösten sich viele alevitische Dorfgemeinschaften auf. Das Wissen um den alevitischen Glauben ging vielerorts verloren.

Das Alevitentum entwickelte sich ab dem 13. Jahrhundert und ist heute nach dem sunnitischen Islam die zweitgrößte Religionsgemeinschaft der Türkei, der sowohl Türken als auch Kurden und Angehörige anderer ethnische Minderheiten wie der Zaza angehören. Ihr Glauben entwickelte sich aus einer Verbindung von zentralasiatischem Schamanismus, schiitischen Ideen und islamischem Mystizismus. Im Zentrum steht - neben der Verehrung des Propheten Mohammed - auch das Bekenntnis zu dessen Vetter und Schwiegersohn, den ersten Imam Ali, und zur Zwölfer Schia, sowie ethischen und mystischen Elementen.

"Semah-Zeremonie" der alevitischen Gemeinde NürnbergBild: Alevitische Gemeinde Deutschland e.V.

Ihre Zeremonien halten Aleviten in sogenannten Cem-Häusern ab. Im Zentrum ihrer Glaubenslehre stehen Werte wie Humanismus, Gleichberechtigung und Toleranz, die traditionell mündlich durch Gleichnisse, Geschichten und Lieder in der Gemeinschaft weitergegeben werden. In seinen Riten - etwa der "Cem-Zeremonie", dem Gottesdienst, den Männer und Frauen gemeinsam begehen, oder der "Semah-Zeremonie", wo sich die Gläubigen zu den Klängen der Langhalslaute im Kreis drehen - unterscheidet sich das Alevitentum vom sunnitischen Islam, weshalb Aleviten im Osmanischen Reich (1299 bis 1922), dem Vorgängerstaat der heutigen Türkei, häufig als Häretiker verfolgt wurden.

Das Misstrauen gegen Aleviten und ihre Diskriminierung seitens der sunnitischen Mehrheitsgesellschaft setzte sich auch in der modernen Türkei fort. Das galt auch für die Bektaschi, die Anhänger eines der größten mystischen alevitisch-islamischen Derwisch-Ordens aus Anatolien, dessen Philosophie stark von der Verehrung des Kalifen Ali geprägt ist. Beim Massaker von Dersim 1937/38 etwa tötete die türkische Armee Zehntausende Aleviten und zerstörte ganze Dörfer.

Wendepunkt in der alevitischen Selbstorganisation

Die zahlreichen Pogrome gegen Aleviten in den 1990er Jahren - besonders der Brandanschlag in Sivas 1993, bei dem 35 Menschen ums Leben kamen - brachte einen Wendepunkt in der alevitischen Selbstorganisation. In Istanbul, aber auch in deutschen Städten wie Hamburg, Köln oder Berlin, wo viele Arbeitsmigranten aus der Türkei leben, entstanden eine Vielzahl von mal mehr, mal weniger politischen Vereinen.

Heute existieren in der Bundesrepublik rund 200 lokale alevitische Organisationen. Ein Großteil von ihnen gehört der Dachorganisation Alevitische Gemeinde Deutschland (AABF, Almanya Alevi Birlikleri Federasyonu) an, die in Nordrhein-Westfalen und Berlin als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt ist. Das Alevitisch-Bektaschitische Kulturinstitut in Hausen-Wied, eine Nichtregierungsorganisation, verfolgt den ambitionierten Ansatz, als Ort der Zusammenkunft Wissenschaft und kulturelle Tradition zu vereinen.

Gülizar Cengiz leitet das Alevitisch-Bektaschitische KulturinstitutBild: Gülizar Cengiz

Gülizar Cengiz ist Vorsitzende des Instituts und gleichzeitig Mitglied des Bektaschi-Ordens. "Unser Leitmotiv ist der Ausspruch des muslimischen Mystikers Hadschi Bektasch", sagt sie: "'Das Ende jeden Pfades ist Dunkelheit, wenn es nicht der Pfad des Wissens ist'." Leider sei über die Jahrhunderte viel von dem Wissen um diese Glaubensphilosophie und die alevititische Kultur verlorengegangen. "Mit unseren Feiern und rituellen Zusammenkünften möchten wir dem entgegenwirken", so Cengiz.

Ein besonders wichtiger Aspekt der Arbeit ist daher bereits seit Eröffnung des Instituts Anfang 2026 das stetig wachsende Archiv aus historischen Handschriften sowie Video- und Tonaufnahmen von religiösen Riten und Zusammenkünften. "Eine Gemeinschaft, die keine Geschichte und keine Erinnerungen an die Vergangenheit hat, läuft Gefahr zu verschwinden", erklärt Cengiz und verweist darauf, dass viele Aleviten handschriftliche Dokumente wie Briefe oder Tagebücher aus Angst vor Anfeindungen und Übergriffen verbrannt oder vergraben hätten.

"Großes Bedürfnis nach Wissenssicherheit"

Heute stößt die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Alevitentum bei den Aleviten in Deutschland auf großes Interesse und Zustimmung. Das weiß auch Cem Kara, Professor für Alevitische Theologie an der Universität Hamburg: "Es gibt ein großes Bedürfnis nach Wissenssicherheit. Da kommt Wissenschaftlern eine besondere Rolle zu", sagt er.

Cem Kara ist Professor für Alevitische Theologie an der Universität HamburgBild: Joseph Krepelan

Sein 2024 gegründetes Institut für alevitische Theologie ist weltweit eines der ersten akademischen Institute mit diesem theologischen Schwerpunkt. Es bildet Lehrkräfte für das Hamburger Sondermodell des konfessionsübergreifenden Religionsunterrichts sowie den andernorts erteilten konfessionsgebundenen Religionsunterricht aus - und voraussichtlich ab 2027 auch Studierende der Theologie im Nebenfach.

"Langzeitperspektive dekonstruiert etablierte Narrative"

Generell ist das Alevitentum ein nicht hinreichend erforschtes Wissensgebiet. "Bislang gab es vor allem vereinzelte Forschungen, meist im Kontext der osmanischen und türkischen Geschichte", weiß Markus Dreßler, Professor für Moderne Türkeiforschung am Religionswissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig. Er leitet das seit Anfang 2026 existierende und auf 24 Jahre angelegte Langzeitprojekt Alevitisches Archiv: Ethnohistorie alevitischer Gemeinschaften in Anatolien, 16.-20. Jahrhundert.

Markus Dreßler ist Professor für Moderne Türkeiforschung am Religionswissenschaftlichen Institut der Universität LeipzigBild: Prof. Markus Dreßler

"Wir versuchen Daten aus unterschiedlichen Quellen zu erheben, zusammenzuführen und lesbar zu machen. Das sind historische Daten aus osmanischen Registern, aber auch alevitische Handschriften und Urkunden, materielle Kultur wie Inschriften von Mausoleen und Grabsteinen, als auch ethnologische erhobene Daten, also das, was zu Oral History gehört", erklärt er den methodischen Ansatz seines interdisziplinären Projekts.

Auf der Basis der so erstellten Datenbanken könnten durch die Langzeitperspektive, mit der Dörfer in Anatolien - dem ursprünglichen Siedlungsgebiet der Aleviten - und dortige Akteure untersucht werden, auch große Narrative dekonstruiert werden, erklärt er, etwa das der ununterbrochenen Unterdrückung und Diskriminierung. "Natürlich gab es Diskriminierung und Unterdrückung von Aleviten im Osmanischen Reich. Das gibt es bis heute noch. Aber es war nicht ununterbrochen und bezog sich nicht auf alle Gruppierungen, die sich heute Aleviten nennen. Man muss sich den konkreten historischen Kontext, die Region und die spezifischen Gruppen angucken", so Dreßler.

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