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PolitikNahost

Geistlicher Führer und Stabilitätsfaktor

5. März 2021

Ali al-Sistani ist nicht nur geistliches Oberhaupt der irakischen Schiiten, er ist auch politisch eine wichtige Figur: Porträt des Mannes, der am Wochenende in der Stadt Nadschaf Besuch von Papst Franziskus erwartet.

Irak Großajatollah Ali as-Sistani
Bild: Ameer Al Mohammedaw/dpa/picture alliance

Geboren wurde er 1931 im iranischen Maschhad, doch seit genau 70 Jahren, seit 1951, lebt er im Irak: Ali al-Sistani, der bedeutendste schiitische Geistliche im Irak. Theologisch hoch angesehen, wurde er zunächst der Leiter der "Hawza", der bekannten religiösen Hochschule der Stadt Nadschaf und damit Großajatollah, der höchste schiitische Würdenträger des Landes. Schritt für Schritt verwandelte ihn sein Amt in den vergangenen 20 Jahren dann in eine der politisch einflussreichsten Figuren des Irak.

Vorfreude im Irak auf das Treffen zwischen dem Papst und Großajatollah al-SistaniBild: Anmar Khalil/AP Photo/picture alliance

Selbstverständlich war die Hinwendung zur Politik nicht. Al-Sistani hatte sie nicht gesucht, eher fügte er sich den Erfordernissen der Zeit. Zuvor, insbesondere bis 2003, als die USA in den Irak einmarschierten, hatte er sich aus guten Gründen bedeckt gehalten. Denn unter der Herrschaft Saddam Husseins, von 1979 bis 2003 Staatspräsident, hatten insbesondere die Schiiten, mit über 60 Prozent die größte konfessionelle Gruppe des Landes, zu leiden. Zum Zwecke der Herrschaftssicherung spielte Hussein sie systematisch gegen die Sunniten aus - derjenigen Gruppe, der der Diktator selbst angehörte.

"Unter diesen Umständen hatte al-Sistani sich politisch kaum geäußert ", sagt der Politologe und Islamwissenschaftler Eckart Woertz, Direktor des Hamburger GIGA Instituts für Nahost-Studien, im DW-Gespräch. "Das entsprach zum einen seiner Erziehung: Er wurde in eine traditionelle schiitische Familie hinein geboren und ist eher einem quietistischen Weltbild verpflichtet, das zur Politik auf Distanz geht." Diesen Kurs setzte al-Sistani zunächst auch im Irak fort, zumal er unter Saddam lange unter Hausarrest stand. Dabei hatte er nicht nur seine eigene Situation im Blick, sondern die aller schiitischen Geistlichen. Viele von ihnen wurden unter Saddams Herrschaft verfolgt oder getötet.

Erkenntnisdrang: Studenten in einem Seminar der "Hawza"-Hochschule in Nadschaf, Februar 2020Bild: picture-alliance/AP Photo/H. Mizban

Konservatives Islamverständnis

Theologisch vertritt al-Sistani einen konservativen Islam. Auf seiner Webseite erörtert er religiöse Probleme, denen sich gläubige Muslime in Zeiten der Globalisierung gegenüber sehen. Dazu gehören etwa Reisen ins nicht-muslimische Ausland. Diese seien grundsätzlich zulässig, vor allem dann, wenn sie dem Ziel dienten, den Islam und eine Lehren zu verbreiten, so Al-Sistani - "vorausgesetzt, der Reisende kann sich und seine Kinder vor den Gefahren des Glaubensverlusts schützen." Dies ist in etwa auch die grundsätzliche Linie des Theologen al-Sistani: Er ist durchaus für Weltoffenheit - allerdings unter der klaren Bedingung, dass sie die Gläubigen nicht vom rechten Weg abbringt.

"Dank Sistanis Toleranz und Respekt für die Gedanken- und Debattenfreiheit erlebt Nadschaf als religiöses Zentrum die toleranteste Ära in seiner gesamten Geschichte", schrieben die Politologen Abbas Kadhim und Barbara Slavin im Frühjahr 2020 in einer Studie für den amerikanischen Think Tank "Atlantic Council". Zur Wahrheit gehört aber auch, dass al-Sistani 2005 eine Fatwa ausrief, in der er die Todesstrafe für Homosexuelle forderte. Diese zog er im Jahr 2011 allerdings wieder zurück.

Fatwa gegen den "Islamischen Staat"

Grundsätzlich neigt al-Sistani zu gemäßigten Positionen. "Politisch zeigt er sich moderat und pragmatisch", sagt Eckart Woertz. "Gerade darauf gründen sein Ansehen und seine Autorität."

Anlass zum politischen Handeln sah er erstmals im August 2004. Damals lieferten sich die Truppen des Schiitenführers Moktada al-Sadr in Nadschaf heftige Kämpfe mit dem US-Militär. Im Laufe der Auseinandersetzungen verschanzten sie sich dann in der Imam-Ali-Moschee. Als die irakische Regierung den Truppen al-Sadrs ein Ultimatum stellte, ließ al-Sistani seine eigenen Anhänger vor dem Gotteshaus aufmarschieren. Daraufhin verließen die Truppen von al-Sadr die Moschee. Kämpfe mit den Amerikanern seien unnötig, ließ er die irakischen Schiiten schon damals wissen. Vielmehr könne man mit ihnen zusammenarbeiten. "Damit hat al-Sistani ganz erheblich dazu beigetragen, dass die Gewalt im Irak nicht noch weiter stieg", sagt Woertz rückblickend. "Dieses Engagement hat ihm nicht nur im Irak, sondern auch in den USA erhebliches Ansehen eingebracht." Tatsächlich wurde al-Sistani 2005 und 2014 für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Noch entschiedener handelte al-Sistani im Juni 2014, als er eine - strikt auf das Prinzip der Selbstverteidigung beschränkte - Fatwa gegen die sunnitische Dschihadistenorganisation "Islamischer Staat" (IS) verkündete. Die Bürger sollten zu den Waffen greifen und "ihr Land, ihr Volk und ihre heiligen Stätten verteidigen", erklärte einer Sprecher Sistanis in der Schiiten-Hochburg Kerbela.

Vor dem Streit: Ein Mitglied der "Volksmobilisierungseinheiten" mit einem Plakat al-Sistanis, Basra, 2017Bild: Getty Images/AFP/H.M. Ali

Deutliche Distanz gegenüber Iran

Die Wucht, mit der der strikt anti-schiitisch eingestellte IS den Irak und Syrien überzog, sorgte auch in Teheran für erhebliche Unruhe - und für ein noch einmal deutlich verstärktes iranisches Engagement im Nachbarland Irak. Um Einfluss auf die dortige politische Szene zu nehmen, unterstützte der Iran bereits seit längerem schiitische Milizen, deren zivile Mitglieder auch im Parlament in Bagdad saßen.

Als der Einfluss des Iran immer weiter wuchs, ging al-Sistani jedoch immer deutlicher auf Distanz zu Teheran. Nachdem er 2014 im Kampf gegen den IS die so genannten "Volksmobilisierungseinheiten" (VME) - Verbände schiitischer Milizen - zunächst unterstützt hatte, entfernte er sich in den folgenden Jahren zunehmend von ihnen, da sie aus seiner Sicht unter zu großem Einfluss des Iran standen. Im Jahr 2020 dann veranlasste er vier größere Milizen dazu, sich aus den VME zurückzuziehen. "Eine klare Botschaft, dass Sistani mit der pro-iranischen Organisation nicht zufrieden ist", hieß es damals in einer Analyse des nahöstlichen Internet-Magazins Al-Monitor.

Für wie bedrohlich die schiitischen Milizen al-Sistanis Haltung hielten, zeigte sich an ihren Reaktionen: Al-Sistanis Gefolgsleute wurden mit dem Tod bedroht, sollten sie nicht aufhören, die Volksmobilisierungseinheiten weiter zu "spalten".

Der Zorn der Straße: Junge Iraker protestieren nach der Ermordung zweier Journalisten für die Pressefreiheit Bild: AFP/H. Faleh

Gegen Korruption und illegale Waffen

Doch der Schiitenführer ließ sich nicht beeindrucken: Im September vergangenen Jahres sprach er dem wenige Monate zuvor gewählten Premier Mustafa al-Kadhimi seine Unterstützung aus. Auch al-Kadhimi ist auf einen vom Iran möglichst unbabhängigen Irak bedacht, diesbezüglich sind beide im erweiterten Sinne irakische Patrioten und Nationalisten. Zugleich forderte al-Sistani die Durchsetzung von Gesetzen, mehr Kampf gegen die Korruption und die Konfiszierung illegaler Waffen. Auch verurteilte er - ohne Namen zu nennen - alle Versuche, den Irak in verschiedene Einflusszonen zu zerteilen. Auch dieser Punkt zielte klar auf die dem Iran verbundenen Milizen ab. Ebenso forderte er Untersuchungsverfahren zu den blutig niedergeschlagenen Demonstrationen vom Herbst 2019. Damals hatten überwiegend junge Iraker konfessionsübergreifend gegen Korruption, eine als ineffizient empfundene Verwaltung sowie für die strikte Unabhängigkeit Iraks von allen äußeren Mächten demonstriert. Schließlich wurden sie von Iran-nahen Milizen attackiert. Zahlreiche Demonstranten starben oder wurden entführt.

18 Jahre nach der US-Invasion leidet der Irak weiterhin an politischer Instabilität. Al-Sistani hat in dieser Zeit erheblich dazu beigetragen, das Land auf Kurs zu halten. Ist der inzwischen 90-jährige dazu irgendwann nicht mehr in der Lage, wird dem Land nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische Autorität fehlen.

Kersten Knipp Politikredakteur mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika
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