Wir lesen ständig im Internet und verstehen immer weniger. Dem digitalen Dauerrauschen setzen Bücher ihre stille Kraft entgegen - deshalb sind sie unverzichtbar. Ein Plädoyer für das Lesen jenseits des Scrollens.
In diese Szene passt definitiv kein SmartphoneBild: FrankHoermann/SVEN SIMON/picture-alliance
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Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat kürzlich viel Kritik geerntet, als er den Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek zugunsten digitaler Archivierung zunächst ablehnte. Obwohl er den Ausbau inzwischen wieder in Aussicht stellt, löste dies eine Debatte über die Rolle des Buchs in einer digitalen Welt aus.
Es gibt keinen Mangel an Text und Information. Im Gegenteil: Wir leben in einer Gegenwart, in der täglich Tausende Worte Wörter auf uns einprasseln. Wir entkommen ihnen nicht beim Blick auf das Smartphone, nebenbei laufen Radio und Fernseher, der Nachbar verwickelt uns in ein Gespräch, die beste Freundin schickt eine minutenlange Sprachnachricht. Podcasts, Posts, Kommentare, E-Mails, die neuesten Nachrichten - alles ist sofort da, immer, überall. Dabei bleibt etwas Wichtiges auf der Strecke: die Erfahrung, sich wirklich auf einen Gedanken einzulassen.
Bücher entziehen sich diesem Tempo. Sie brauchen Zeit. Sie verlangen Aufmerksamkeit, allein durch ihre Gestalt. Sie haben ein Gewicht, sind größer als Smartphones, die Seiten lassen sich nicht mit einem Finger wegwischen und sie brauchen keinen Akku, keine Stromquelle, um ihren Inhalt sichtbar zu machen.
Dieses Bild wird seltener: Immer weniger Jugendliche lesen BücherBild: Artem Varnitsin/Zoonar/IMAGO
"Königsklasse der Gestaltung"
Der Autor und Kulturwissenschaftler Frank Berzbach beschreibt das besondere Verhältnis zwischen Mensch und Buch in seinem Essay "Die Kunst zu lesen": "Bücher gehören zur Königsklasse der Gestaltung (…). Sie sind Handschmeichler, ein Genuss für die Sinne. Sie haben einen Geruch, eine Haptik, wir reagieren auf sie mit einer ästhetischen Empfindung."
Was genau ist diese Empfindung? Was fasziniert uns am Buch? Es ist nicht nur die Geschichte, die dort zu lesen ist. Es ist das Gesamtpaket. Ein echtes Buch in der Hand zu halten, es zu fühlen - manche Seiten sind so dünn, dass allein das Blättern zu einer sinnlichen Erfahrung wird -, zu riechen und anzuschauen, macht das Lesen zu einem exklusiven Vergnügen. Denn in dem Moment, in dem wir zum Buch greifen, halten wir inne. Und nehmen uns das, was wir inzwischen oft als Luxus empfinden: Zeit.
Bücher haben jahrhundertelang altes Wissen weitergegebenBild: akg/Bildarchiv Steffens/picture alliance
Bewusst genießen
Es ist vergleichbar mit einer Langspielplatte: Sie vorsichtig aus der Hülle zu nehmen, auf den Plattenteller zu legen, behutsam die Nadel aufsetzen und das leise Knacken zu hören, bevor die ersten Töne erklingen - das lässt uns die Musik bewusster wahrnehmen, als wenn eine Playlist auf die Bluetoothbox gestreamt wird.
"In einer Zeit kalkulierter Serienplots und endlosen Daddelns ist es revolutionär, einen Romanklassiker aus dem 19. Jahrhundert zu lesen", heißt es in "Die Kunst zu lesen". Bei diesen Worten erscheint die Vorstellung, Emily Brontës "Sturmhöhe" oder Theodor Fontanes "Effi Briest" auf einem digitalen Gerät zu lesen, unpassend. Die Schönheit der Sprache, die Wortwahl, der Satzbau bringen uns in Zeiten zurück, in denen die Welt stiller war als heute, das Leben langsamer verlief und Gedanken mehr Raum hatten.
Mit der Taschenlampe unter der Bettdecke - für viele eine KindheitserinnerungBild: Anna Tolipova/AnnaStills/picture alliance
Doch auch zeitgenössische Romane lassen sich nicht nebenbei lesen. Sie sind zu schade, um sie in der Warteschlange oder zwischen zwei Terminen zu überfliegen. Das gleiche gilt für Sachbücher, die Wissen vermitteln, fundiert, sorgfältig rechercherit. Kein Algorithmus greift ein, kein Feed lenkt ab, keine Push-Nachricht unterbricht. Ein Buch verwickelt uns nicht in Diskussionen, die wir gar nicht führen möchten - so wie unter einem beliebigen Instagram-Post. Und darum sind Bücher auch Orte der Stille.
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Bibliotheken als spirituelle Orte
So wie es in Bibliotheken gedacht ist. Betritt man einen dieser Büchertempel, umgibt einen eine besondere Stille. Leises Raunen, Flüstern, das Rascheln der Buchseiten, ab und zu rückt jemand einen Stuhl, eine Diele knarzt. Es riecht besonders.
Man taucht in eine Welt ein, die stillzustehen scheint. Und mit all den anderen, die hier in alten und neuen Büchern, Zeitschriften oder Fotobänden blättern, bildet man eine kleine verschworene Gemeinschaft. Die derjenigen, die daran glauben, hier mehr Antworten zu finden als im Internet. So gesehen sind Bibliotheken auch spirituelle Orte.
Bibliotheken, die zum Verweilen einladen
Bibliotheken beherbergen bestenfalls nicht nur eine Bücher- und Mediensammlung, sondern sind ansprechende Aufenthaltsorte. Der 24.10. ist Tag der Bibliotheken. Wir zeigen einige der beeindruckendsten Lesetempel der Welt.
Bild: Weber/Eibner-Pressefoto/picture alliance
Mit Büchern hoch hinaus
Das Forum Groningen ist Heimat der Bibliothek der gleichnamigen niederländischen Stadt. Es ist konzipiert als Begegnungsort im Zentrum, gleich neben dem Martiniturm. Das moderne Gebäude eröffnete 2019 und erstreckt sich über mehrere Etagen. Per Rolltreppe lassen sich die verschiedenen Bereiche der Bibliothek, ein Kino und ein Museum erreichen. Die Dachterrasse bietet einen Blick auf die Stadt.
Bild: Clemens Rikken/Hollandse Hoogte/picture alliance
Vorzeige-Bibliothek mit Visionen
Ein Jahr zuvor, 2018, hat Helsinkis "Oodi" eröffnet. Die Zentralbibliothek erstreckt sich wie eine Welle zwischen Hauptbahnhof und Parlamentsgebäude. Ähnlich wie in Groningen ist hier mehr geboten als in einer klassischen Bibliothek. Es gibt Musikstudios, Medienräume und einen Saal mit intelligenten Wänden. Per Touchscreen kann man dort 3D-Realität erleben. Sogar eine Sauna gibt es.
Bild: Tuomas Uusheimo
Bücherwürfel
Auch die in Deutschlands Südwesten gelegene Stadt Stuttgart wartet mit einem modernen Bibliotheksbau auf. Die neue Stadtbibliothek ist in der Form eines Kubus konzipiert und wird darum auch als "Bücherwürfel" bezeichnet. Geplant wurde der Bau vom koreanischen Architekten Eun Young Yi und im Jahr 2011 eröffnet. Eine halbe Million Bücher und andere Medien finden hier Platz.
Bild: Weber/Eibner-Pressefoto/picture alliance
Fußballplatz oder Bibliothek?
Die Technische Universität im niederländischen Delft ist auch ohne Studentenausweis einen Besuch wert. Besonders auffällig ist die schräge, grasbewachsene Oberseite des Gebäudes. Im Sommer verbringen dort viele Studenten ihre Mittagspause. Der Kegel, der das Gebäude in der Mitte durchbohrt, ist 42 Meter hoch. Im Inneren befindet sich ein Bücherschrank, der über vier Stockwerke reicht.
Bild: Nicholas Kane/Arcaid/picture alliance
Schwarz wie Ebenholz
Die britische Tageszeitung "The Daily Telegraph" zählte die "Biblioteca Joanina" in Coimbra 2013 zu den spektakulärsten Bibliotheken der Welt. Namensgeber ist der portugiesische König Johann V., der den Bau der heutigen Universitätsbibliothek beauftragte. Alle Regale sind aus Rosen- und Ebenholz. Jurastudenten können sich glücklich schätzen: Die Bibliothek ist heute Teil der Juristischen Fakultät.
Bild: picture-alliance/akg-images/H. Champollion
Wieder auferstanden
Ihren heutigen Namen erhielt die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar erst im Jahr 1991. Vorher hieß sie 300 Jahre lang "Herzogliche Bibliothek". Traurige Berühmtheit erlangte das Gebäude mit seinem berühmten Rokoko-Saal (Bild) 2004, als es durch einen Brand teilweise zerstört wurde, die Restaurierungen dauern noch an. Seit 1998 gehört die Bibliothek zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Bild: Jan Woitas/ZB/picture alliance
Ägyptens berühmteste Bibliothek
Die sagenhafte Bibliothek von Alexandria ist vor etwa 2000 Jahren zerstört worden. Um die Ursache ranken sich Legenden. Vor ihrer Zerstörung soll die Bibliothek das Wissen der Welt, etwa eine halbe Million Papyrus-Rollen, beherbergt haben. Seit 2002 knüpft die neue Bibliothek von Alexandria an alte Zeiten an. 220 Millionen Dollar ließ sich die Regierung das Prestige-Projekt mit Meerblick kosten.
Bild: picture-alliance/Arco Images GmbH
Prächtige Klosterbibliothek im Rokoko-Stil
Ein Teil der Bestände der Klosterbibliothek St. Gallen in der Schweiz lagert dort bereits seit über 1300 Jahren. So können Besucher etwa den St. Galler Klosterplan, den ältesten Bauplan Europas, einsehen. Auch eine ägyptische Mumie befindet sich im Besitz der Bibliothek. Der Büchersaal (Bild) zählt zu den weltweit schönsten Bibliotheksbauten - das Gebäude ist seit 1983 UNESCO-Weltkulturerbe.
Bild: picture-alliance/Stuart Dee/robertharding
Das "Gehirn"
Aufgrund ihrer kopfartigen Form wird diese Bücherei in Berlin als "Gehirn" bezeichnet. Sie beherbergt zahlreiche Werke für die philosophische Fakultät der Freien Universität und hat sich rasch zu einer architektonischen Sehenswürdigkeit entwickelt. Das Gebäude wurde vom international renommierten Architekt Norman Foster erbaut und 2005 eröffnet.
Bild: D. Andree/Helga Lade Fotoagentur GmbH/picture-alliance
Beliebt als Drehort
Mit mehr als 55 Millionen Medien zählt die New York Public Library nicht nur zu den größten Bibliotheken weltweit, sie diente auch schon als Drehort für berühmte Hollywoodfilme wie "42nd Street" (1933), "Frühstück bei Tiffany" (1961) oder "Spider Man" (2002). Eröffnet wurde die Bibliothek 1911. In ihren Hallen beherbergt die Library auch eine Gutenberg-Bibel.
Bild: picture-alliance/dpa/J. Schmitt-Tegge
Rettung durch den Ex-Präsidenten
Kein Washington-Besuch ohne einen Abstecher in die Kongressbibliothek! Die heutige Nationalbibliothek wurde 1800 gegründet, nur 14 Jahre später fiel der Bestand einem Feuer zum Opfer. Präsident Thomas Jefferson bot daraufhin seine private Büchersammlung mit rund 6500 Büchern an, die die Bibliothek für 24.000 Dollar kaufte. Prunkstück des Gebäudes ist der Hauptlesesaal im Renaissancestil (Bild).
Bild: picture-alliance/JOKER/H. Khandani
Architektonischer Trick mit großer Wirkung
64 Meter lang und 12 Meter breit ist der imposante, doppelstöckige "Long Room" in Dublin. Er ist Teil der Alten Universitätsbibliothek im Trinitiy College. Ursprünglich war der Raum etwas weniger eindrucksvoll - er hatte eine flache Gipsdecke. Erst 1858 kam Architekten die Idee, die flache Decke zu entfernen, das Dachniveau zu erhöhen und eine tonnengewölbte Decke aus Eichenholz einzubauen.
Bild: Imago/imagebroker
Chinesische Literatur
Mit einem Bestand von mehr als 30 Millionen Büchern und Medien gehört die Chinesische Nationalbibliothek zu den sieben größten Bibliotheken der Welt. Gebaut wurde sie 1809 unter der Mandschu-Regierung. Sie hatte wechselnde Namen und Bezeichnungen, bis die Regierung 1998 die Umbenennung in "Chinesische Nationalbibliothek" billigte. Mit Recht: Sie beherbergt die größte chinesische Literatursammlung.
Bild: Getty Images/AFP/W. Zhao
Theater-Atmosphäre
Keine Bibliothek, sondern eine Buchhandlung ist das "Ateneo" in Buenos Aires. Das Gebäude hat eine bewegte Geschichte hinter sich: 1919 wurde es als Theater eröffnet, in den späten 20er Jahren wurde es dann zum Kino umfunktioniert. Im Jahr 2000 zog schließlich die Buchhandlung ein. In den ehemaligen Theaterlogen finden sich heute Sessel zum Lesen, auf der Bühne gibt es Kaffee und Kuchen.
Bild: picture-alliance/AP Photo/V.R. Caivano
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Spiegel unserer Persönlichkeit
Diese Erfahrung lässt sich mit nach Hause nehmen vors eigene Bücherregal. Dort sehen wir nicht nur bunte Buchrücken, sondern Spuren unseres eigenen Denkens und unserer Entwicklung. Aus abgegriffenen Taschenbüchern, sorgsam ausgewählten Neuerscheinungen und längst vergessenen Fundstücken ist über Jahre eine ganz eigene Ordnung entstanden. Bücher, die uns geprägt haben. Die wir mehrfach gelesen haben. Oder die noch zu Ende gelesen werden möchten.
Vielleicht ist das der größte Unterschied zur digitalen Welt: Ein Buch verschwindet nicht, es bleibt. Und irgendwann greift man wieder danach - aus Neugier, aus Sehnsucht oder einfach, weil es da ist. Der Autor Frank Berzbach hat dafür einen einfachen Satz: "Wer mit Büchern lebt, der hat immer ein Zuhause."