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KulturGlobal

Alles digital? Warum wir immer noch echte Bücher brauchen

30. März 2026

Wir lesen ständig im Internet und verstehen immer weniger. Dem digitalen Dauerrauschen setzen Bücher ihre stille Kraft entgegen - deshalb sind sie unverzichtbar. Ein Plädoyer für das Lesen jenseits des Scrollens.

Ein aufgeschlagenes Buch liegt auf einem kleinen Holztisch, daneben ein  Cognacschwenker, im Hintergrund ein Feuer im Kamin.
In diese Szene passt definitiv kein SmartphoneBild: FrankHoermann/SVEN SIMON/picture-alliance

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat kürzlich viel Kritik geerntet, als er den Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek zugunsten digitaler Archivierung zunächst ablehnte. Obwohl er den Ausbau inzwischen wieder in Aussicht stellt, löste dies eine Debatte über die Rolle des Buchs in einer digitalen Welt aus.

Es gibt keinen Mangel an Text und Information. Im Gegenteil: Wir leben in einer Gegenwart, in der täglich Tausende Worte Wörter auf uns einprasseln. Wir entkommen ihnen nicht beim Blick auf das Smartphone, nebenbei laufen Radio und Fernseher, der Nachbar verwickelt uns in ein Gespräch, die beste Freundin schickt eine minutenlange Sprachnachricht. Podcasts, Posts, Kommentare, E-Mails, die neuesten Nachrichten - alles ist sofort da, immer, überall. Dabei bleibt etwas Wichtiges auf der Strecke: die Erfahrung, sich wirklich auf einen Gedanken einzulassen.

Bücher entziehen sich diesem Tempo. Sie brauchen Zeit. Sie verlangen Aufmerksamkeit, allein durch ihre Gestalt. Sie haben ein Gewicht, sind größer als Smartphones, die Seiten lassen sich nicht mit einem Finger wegwischen und sie brauchen keinen Akku, keine Stromquelle, um ihren Inhalt sichtbar zu machen.

Dieses Bild wird seltener: Immer weniger Jugendliche lesen BücherBild: Artem Varnitsin/Zoonar/IMAGO

"Königsklasse der Gestaltung"

Der Autor und Kulturwissenschaftler Frank Berzbach beschreibt das besondere Verhältnis zwischen Mensch und Buch in seinem Essay "Die Kunst zu lesen": "Bücher gehören zur Königsklasse der Gestaltung (…). Sie sind Handschmeichler, ein Genuss für die Sinne. Sie haben einen Geruch, eine Haptik, wir reagieren auf sie mit einer ästhetischen Empfindung."

Was genau ist diese Empfindung? Was fasziniert uns am Buch? Es ist nicht nur die Geschichte, die dort zu lesen ist. Es ist das Gesamtpaket. Ein echtes Buch in der Hand zu halten, es zu fühlen - manche Seiten sind so dünn, dass allein das Blättern zu einer sinnlichen Erfahrung wird -, zu riechen und anzuschauen, macht das Lesen zu einem exklusiven Vergnügen. Denn in dem Moment, in dem wir zum Buch greifen, halten wir inne. Und nehmen uns das, was wir inzwischen oft als Luxus empfinden: Zeit.

Bücher haben jahrhundertelang altes Wissen weitergegebenBild: akg/Bildarchiv Steffens/picture alliance

Bewusst genießen

Es ist vergleichbar mit einer Langspielplatte: Sie vorsichtig aus der Hülle zu nehmen, auf den Plattenteller zu legen, behutsam die Nadel aufsetzen und das leise Knacken zu hören, bevor die ersten Töne erklingen - das lässt uns die Musik bewusster wahrnehmen, als wenn eine Playlist auf die Bluetoothbox gestreamt wird.

"In einer Zeit kalkulierter Serienplots und endlosen Daddelns ist es revolutionär, einen Romanklassiker aus dem 19. Jahrhundert zu lesen", heißt es in "Die Kunst zu lesen". Bei diesen Worten erscheint die Vorstellung, Emily Brontës "Sturmhöhe" oder Theodor Fontanes "Effi Briest" auf einem digitalen Gerät zu lesen, unpassend. Die Schönheit der Sprache, die Wortwahl, der Satzbau bringen uns in Zeiten zurück, in denen die Welt stiller war als heute, das Leben langsamer verlief und Gedanken mehr Raum hatten.

Mit der Taschenlampe unter der Bettdecke - für viele eine KindheitserinnerungBild: Anna Tolipova/AnnaStills/picture alliance

Doch auch zeitgenössische Romane lassen sich nicht nebenbei lesen. Sie sind zu schade, um sie in der Warteschlange oder zwischen zwei Terminen zu überfliegen. Das gleiche gilt für Sachbücher, die Wissen vermitteln, fundiert, sorgfältig rechercherit. Kein Algorithmus greift ein, kein Feed lenkt ab, keine Push-Nachricht unterbricht. Ein Buch verwickelt uns nicht in Diskussionen, die wir gar nicht führen möchten - so wie unter einem beliebigen Instagram-Post. Und darum sind Bücher auch Orte der Stille.

Bibliotheken als spirituelle Orte

So wie es in Bibliotheken gedacht ist. Betritt man einen dieser Büchertempel, umgibt einen eine besondere Stille. Leises Raunen, Flüstern, das Rascheln der Buchseiten, ab und zu rückt jemand einen Stuhl, eine Diele knarzt. Es riecht besonders.

Man taucht in eine Welt ein, die stillzustehen scheint. Und mit all den anderen, die hier in alten und neuen Büchern, Zeitschriften oder Fotobänden blättern, bildet man eine kleine verschworene Gemeinschaft. Die derjenigen, die daran glauben, hier mehr Antworten zu finden als im Internet. So gesehen sind Bibliotheken auch spirituelle Orte.

Spiegel unserer Persönlichkeit

Diese Erfahrung lässt sich mit nach Hause nehmen vors eigene Bücherregal. Dort sehen wir nicht nur bunte Buchrücken, sondern Spuren unseres eigenen Denkens und unserer Entwicklung. Aus abgegriffenen Taschenbüchern, sorgsam ausgewählten Neuerscheinungen und längst vergessenen Fundstücken ist über Jahre eine ganz eigene Ordnung entstanden. Bücher, die uns geprägt haben. Die wir mehrfach gelesen haben. Oder die noch zu Ende gelesen werden möchten.

Vielleicht ist das der größte Unterschied zur digitalen Welt: Ein Buch verschwindet nicht, es bleibt. Und irgendwann greift man wieder danach - aus Neugier, aus Sehnsucht oder einfach, weil es da ist. Der Autor Frank Berzbach hat dafür einen einfachen Satz: "Wer mit Büchern lebt, der hat immer ein Zuhause."

Silke Wünsch Redakteurin, Autorin und Reporterin bei Culture Online
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