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Politik

Als die Panzer des Warschauer Pakts rollten

20. August 2018

Prag erinnert an die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968. Die Sowjetführung verdrängte damals die Reform-Kommunisten in der Tschechoslowakei mit linientreuen Genossen. Frank Hofmann blickt zurück.

Prager Frühling - Einmarsch
Bild: picture-alliance/akg-images

Eine halbe Million Soldaten, vorneweg die Panzer der Sowjetarmee: In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 beendeten Truppen des Warschauer Paktes den Prager Frühling auf Geheiß der Kommunistischen Partei (KP) in Moskau. Damit endete der Traum, dass es einen Sozialismus in Osteuropa geben könne, der auf Freiheit setzt – vor allem Meinungsfreiheit. Bereits seit Anfang 1968 hatten Journalisten die Zensur der CSSR-KP ignoriert. Alexander Dubcek, der Chef der tschechoslowakischen Kommunisten, hatte sie gewähren lassen. Er setzte auf einen freien und demokratischen Sozialismus in der Hoffnung, dass Moskau den Prager Weg zulässt. Zumal die CSSR-Kommunisten Teil des sowjetisch dominierten Ostblocks bleiben wollten. Doch die Angst, dass mehr Freiheit in Prag die Herrschaft der kommunistischen Parteien der Nachbarländer beenden könnte, war schließlich größer.

Zeitzeuge mit Fotokamera

Roland Berauer hatte die Nacht in einem Pfadfinder-Zelt auf dem Festgelände von Prag oberhalb der Moldau verbracht. "Wir haben gesehen, wie die gepanzerten Wagen an uns vorbei Richtung Innenstadt fuhren", erinnert sich der heute 82-jährige. Er hatte sich einer Zeitung der Pfadfinder angeschlossen – dass die frei publiziert werden konnte, war ein Ergebnis des Prager Frühlings. In einem Zelt hatten sie eine Redaktion eingerichtet. Mit Schreibmaschine, Druckmaschine und Fotokamera. Roland Berauer war der Fotograf. Er informierte die Gruppe über den Einmarsch und rief dazu auf, die Redaktions-Maschinen zu verstecken. "Für mich blieb allein, meine Kamera zu packen und in die Stadt zu gehen." Er fotografierte den Tag der Besatzung durch die Soldaten der Warschauer-Pakt-Staaten. Vor dem Rundfunkgebäude wurde geschossen, er rettete sich in einen Farbenladen. Vor dem Haupteingang des Funkhauses wurden Demonstranten von den sowjetischen Soldaten erschossen. "Es war schrecklich." Wenige Monate später wurde Alexander Dubcek, der Reformer an der Spitze der kommunistischen Partei, abgesetzt.

Zeitzeuge Roland Berauer mit Pfadfinder-ZeitungBild: DW/L.Hrabak

Neue Aktenfunde in den Archiven der Staatssicherheit

Die Erinnerung an diesen Tag wirkt bis heute nach in Tschechien, sagt Ondrej Matejka. Der Vize-Direktor des Instituts für Totalitarismus-Forschung in Prag ist der direkte Partner der deutschen Stasiunterlagen-Behörde. "68 wird nach wie vor als dieser emotionale Schock tradiert, der mit der Okkupation verbunden ist. Dieser 21. August und die paar Tage danach, als die Leute imstande waren, sich passiv zu wehren, als sie wirklich als Gesellschaft zusammengehalten haben - es war schon sehr, sehr stark." Für den Historiker hat die Aufarbeitung der Ereignisse von 1968 nichts an Aktualität verloren. Zumal in den Archiven der früheren Staatssicherheit der CSSR wie der sozialistischen Bruderstaaten immer neue Akten auftauchen. Vor allem die DDR-Staatssicherheit hatte seit dem Frühjahr 1968 die Reformen in Prag scharf beobachtet und sammelte Fotos und Berichte informeller Mitarbeiter. "Es ist das erste Mal dokumentiert, dass sich der Geheimdienst einer befreundeten Nation das Recht herausnimmt, auch die Staatsbürger eines anderen Landes zu observieren", sagt der Berliner Archivar Oliver Strübing, der mehr als tausend Fotografien sichtet. Mehr noch: Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings dienten sich die DDR-Agenten in Prag als Experten an. Und tatsächlich setzten alle Geheimdienste im Ostblock in den folgenden zwei Jahrzehnten auf Spitzel zur Sicherung der Herrschaft der kommunistischen Parteien.

Foto-Experte im Stasi-Archiv: Oliver StrübingBild: DW/M.Hardenbicker
Historiker Ondrej Matejka in PragBild: DW/L.Hrabak

IM-Vorwürfe gegen den Regierungschef

Die Fachhistoriker zur Aufarbeitung der CSSR-Staatssicherheit in beiden Hauptstädten der ehemaligen Tschechoslowakei – Prag und Bratislava – sind zudem überzeugt, dass diese Schatten bis in die heutige Zeit reichen. Vergangenes Jahr haben sie erstmals Akten veröffentlicht, aus denen hervorgeht, dass auch der heutige Ministerpräsident Tschechiens, Andrej Babis, seit 1982 inoffizieller Mitarbeiter der tschechoslowakischen Staatssicherheit gewesen sein soll. Der wehrt sich gegen die Vorwürfe juristisch – doch seine Klage gegen die Historiker wurde abgewiesen.

Unvollendete Aufarbeitung

"Babis wiederholt ständig das Wort Lügen", sagt Petr Pithart. Dabei sei der Ministerpräsident ohne Zweifel Informeller Mitarbeiter der CSSR-Stasi gewesen. "Wir haben alle im Fernsehen die Dokumente sehen können." Pithart war Ministerpräsident der tschechischen Teilrepublik der CSSR in der Übergangszeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und gehörte zum engsten Kreis des Wende-Präsidenten Vaclav Havel. Babis habe im Außenhandel der sozialistischen CSSR gearbeitet und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mithilfe seiner Seilschaften eine erfolgreiche Unternehmerkarriere hingelegt. Die Partei des Multimillionärs wurde vergangenes Jahr nach einem populistisch geführten Wahlkampf zur stärksten Kraft in der Tschechischen Republik. Der Havel-Vertraute Petr Pithart glaubt allerdings nicht, dass der amtierende Ministerpräsident die Spitzelvorwürfe schadlos überleben kann. Babis werde jedenfalls kein erfolgreicher Ministerpräsident werden, sagt Pithart. Der Historiker Ondrej Matejka sieht die Entwicklung dagegen selbstkritisch: "Warum wir jetzt einen Ministerpräsidenten haben, der ein IM war, hängt eher damit zusammen, was wir in den letzten 30 Jahren an Aufarbeitung geleistet haben, und da haben wir einiges nicht gemacht."

Wende-Ministerpräsident Petr PithartBild: DW/L.Hrabak

 

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