Als London zum Himmel stank
10. Juli 2026
Der Fluss stinkt. So sehr, dass die Londoner kaum Luft bekommen. Wer es sich leisten kann, verlässt die Stadt. Die Zurückgebliebenen tränken die Vorhänge in Kalkchlorid, um die üblen Gerüche abzuhalten, beim Gang nach draußen pressen sie sich Taschentücher vor die Nase. "Wer diesen Gestank einmal eingeatmet hat, wird ihn nie vergessen, und kann sich glücklich schätzen, ihn zu überleben", urteilt die lokale Presse.
Man schreibt das Jahr 1858. Seit Wochen liegen die Temperaturen in diesem heißen Sommer bei über 30 Grad, kein Tropfen Regen kühlt die erhitzte Stadt ab. Und vor allem spült kein Wasser von oben den Unrat in der Themse fort. Die Lebensader Londons ist zu einer Kloake verkommen, einer trüben schlammigen Brühe aus menschlichen und tierischen Extrementen, allerlei Müll und Industrieabfällen aus Fabriken. In der Rekordhitze ist der Wasserstand stark gesunken; Kot und verrottender Unrat, der unbarmherzigen Sonne ausgesetzt, gären am Ufer vor sich hin und hüllen die Stadt in eine erstickende Dunstwolke.
"Ein tödlicher Abwasserkanal"
Zwischen 1800 und 1850 hat sich die Einwohnerzahl Londons auf 2,5 Millionen Menschen verdoppelt. Damals ist die Hauptstadt des britischen Imperiums die größte Metropole der Welt. Doch das veraltete und hoffnungslos überlastete Abwassersystem ist der Bevölkerungszahl nicht gewachsen, seine Rohre transportieren jeglichen Unrat direkt in die Themse. Die neumodischen Wasserklosetts, die sich die wohlhabenden Bürger ab Mitte des Jahrhunderts leisten, verschlimmern den Zustand noch: Die Ausscheidungen landen direkt im Fluss; in früheren Jahrhunderten hatten Kotsammler nachts die Senkgruben geleert. Doch jetzt spült der Fluss die Jauche bei Hochwasser auf die Straßen.
Man ist also daran gewöhnt, dass die Themse keinen Wohlgeruch verströmt, aber "The Great Stink" erreicht eine ganz neue Dimension und geht in die Geschichte ein. "Durch das Herz der Stadt floss ein tödlicher Abwasserkanal hin und her, anstelle eines schönen, frischen Flusses", schreibt der berühmte Schriftsteller Charles Dickens in seinem Werk "Little Dorrit". Und trotzdem nutzen die Menschen das Wasser weiter zum Waschen und Trinken.
Irrglaube: Einatmen übler Dämpfe macht krank
Im Sommer des "Great Stink" breiten sich Ruhr, Typhus und die gefürchtete Cholera rasch aus. Die Menschen glauben, dass das Einatmen übler Dämpfe sie krank macht: Diese medizinische Erklärung der todbringenden "Miasmen" (griechisch für Verunreinigung, Anm. der Red.) hält sich seit der Antike.
Doch schon seit den letzten Cholera-Ausbrüchen, denen zwischen 1831 und 1854 gut 30.000 Menschen zum Opfer fielen, hat der Arzt John Snow einen Verdacht. Im damaligen Elendsviertel Soho sterben rund 500 Menschen, nachdem die Sickergruben übergelaufen sind. Er ist überzeugt, dass das verunreinigte Trinkwasser für die Ansteckung verantwortlich ist, und lässt den Schwengel der Wasserpumpe im Viertel abmontieren. Das beendet die Ausbreitung der Krankheit. Anschließend untersucht er die Todesfälle in der Nähe anderer Wasserpumpen und stellt fest: In deren Umkreis ist die Cholera ebenfalls gehäuft aufgetreten. Doch die Zeit ist noch nicht reif für Snows Theorie, so richtig glauben wollen die Politiker ihm nicht. Im Juni 1958 stirbt er- kurz vor dem "Great Stink".
Ein neues Abwassersystem
Das Metropolitan Board of Works, die Baubehörde der Stadt, drängt schon seit Jahren darauf, Londons Kanalisation zu erneuern. Doch das Parlament hat die nötigen finanziellen Mittel bisher nicht bewilligt. Prestigeobjekte interessieren mehr als der Untergrund. Das ändert sich, als die Abgeordneten den Gestank selbst mit voller Wucht zu spüren bekommen.
Im erst wenige Jahre zuvor am Ufer der Themse neu errichteten Palace of Westminster, dem Sitz des britischen Parlaments, ist angesichts des "Great Stink" nicht ans Regieren zu denken. Die Parlamentarier fliehen aufs Land. Und sie fällen eine Entscheidung, die sie jahrelang vor sich hergeschoben haben: London soll endlich von den "bösartigen Ausdünstungen" der Themse befreit werden. Innerhalb von 18 Tagen wird ein Gesetzentwurf zur Finanzierung einer neuen Kanalisation verabschiedet, drei Millionen Pfund werden für das Projekt bereitgestellt.
Man beauftragt den Ingenieur Joseph Bazalgette damit. Er konzipiert ein Netz aus unterirdischen Tunneln von rund 1800 Kilometern, die die Abfälle von den Straßen und aus den Kellern der Stadt abfangen, anstatt sie direkt in die Themse zu spülen. Außerdem lässt er Dämme und Uferpromenaden errichten, die die unterirdischen Hauptabwasserrohre verstecken und die Stadt gleichzeitig vor Überschwemmungen schützen. Und schließlich baut er zwei gigantische Pumpstationen, die das Abwasser anheben, damit es weitergeleitet werden kann. Die 1868 fertiggestellte Abbey Mills Pumping Station wird wegen ihrer prachtvollen Architektur oft als "Kathedrale des Abwassers" bezeichnet - vor allem aber ist sie ein Triumph über Jauche, Müll und Krankheiten.
Erst 2025 wird das historische System entlastet
1875 ist das Projekt vollendet: Bazalgette hat das damals modernste Abwassersystem der Welt geschaffen. Der Ingenieur hat vorausschauend gehandelt und die Kapazitäten der Kanalisation für eine um die Hälfte größere Stadtbevölkerung ausgelegt, also etwa viereinhalb Millionen. Die Cholera ist fortan Geschichte.
Anderthalb Jahrhunderte später leben fast neun Millionen Menschen in London, die die viktorianischen Röhren mit Produkten der Neuzeit verstopfen - von Damenbinden und Windeln bis hin zu Kondomen oder Essensresten. Bis 2025 trug Bazalgettes Infrastruktur trotz einiger Erweiterungen die Hauptlast der Entwässerung Londons; 2025 dann wurde der 25 Kilometer lange Thames Tideway Tunnel eingeweiht, denn das historische System reichte nicht mehr aus. Einen "Great Stink" möchte hier niemand mehr erleben.