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Am Schlimmsten trifft es die Kinder

2. Juni 2004

- In Tschetschenien sind ganze Landstriche minenverseucht

Bonn, 2.6.2004, DW-RADIO/Russisch, Christiane Hoffmann/Natalija Nesterenko

Weltweit sind 110 Millionen Landminen vergraben - in über 70 Ländern, schätzt die UNO. Doch nicht aus allen Ländern sind Zahlen über Landminen bekannt, zum Beispiel auch nicht aus Russland. Seit Jahren wird in Tschetschenien Krieg geführt, vor allem durch Bombenattentate und mit Hilfe von Minen - auf Kosten der Zivilbevölkerung. Ganze Landstriche sind vermimt. Am schlimmsten trifft es dabei die Kinder. Natalja Nesterenko berichtet aus Tschetschenien:

Die achtjährige Asja Machmajewa aus einem Dorf 60 Kilometer nördlich von Grosny sitzt fast immer zu Hause. Sie geht nicht mehr zur Schule wie all die anderen in ihrem Alter. Und sie malt auch nicht mehr, was sie bisher so gern gemacht hat. Vor einem halben Jahr explodierte in der Hand der Erstklässlerin eine so genannte Spielzeugmine - getarnt als Feuerzeug. Asja hatte das vermeintliche Feuerzeug auf der Straße gefunden und stolz nach Hause getragen. Es explodierte in dem Moment, als es die Achtjährige aus ihrer Tasche holte und ihrer Mutter zeigen wollte. Im städtischen Krankenhaus konnten die Ärzte zwar Asjas Leben retten, doch beide Hände und ein Auge hat das Mädchen verloren, erzählt die Großmutter:

"Wir sind ins Krankenhaus gefahren, damit ihr geholfen wird. Sie haben ihr Auge behandelt, aber sie konnten es nicht retten. Es war völlig zerstört. Jetzt kann man sie kaum erkennen, sie sieht ganz anders aus. Das ganze Gesicht ist voller Narben. Das war eine Tragödie in unserer Familie. Wir haben ihr immer gesagt, fass' diese Dinge nicht an. Aber sie hat gedacht, in der Nähe unseres Hauses gibt es keine Minen."

Die Geschichte von Asja ist nur ein Kinderschicksal unter Tausenden in Tschetschenien. Nach Angaben des Internationalen Roten Kreuzes gibt es in der Republik nicht einen Bezirk, in dem nicht Menschen durch Minenexplosionen verstümmelt wurden, sagt die Koordinatorin des Anti-Minenprogramms des Internationalen Roten Kreuzes Luisa Chaschgirejewa:

"Wir erhalten Zahlen aus den Krankenhäusern, wohin die Opfer gebracht werden. Aber genaue Zahlen über Opfer, Tote und Invaliden haben wir bisher nicht. Man kann aber sagen, dass ihre Zahl in Tschetschenien in die Tausende geht, wir schätzen 3 000 bis 5 000. Ungefähr jedes dritte Opfer ist ein Kind und die Zahl steigt an."

Andere Hilfsorganisationen rechnen mit bis zu 10 000 Minenopfern, die schwer verletzt überlebt haben und auf Hilfe angewiesen sind. UNICEF hat in der Region geschützte Räume geschaffen, wo Kinder spielen können. Außerdem werden Rollstühle, Prothesen und Krücken verteilt.

Knapp zwei Drittel der Opfer sind zwischen 16 und 49 Jahre alt. Die Erwachsenen trifft es während der Arbeit oder wenn sie ihr Überleben in dem zerstörten Land sichern wollen, erklärt Luisa Chaschgirejewa:

"Die Leute wissen, dass die Minen gefährlich sind, aber sie haben keine Wahl. Sie wissen, dass es in einem Gebiet Minen gibt, aber sie haben keine Alternative, als das Risiko einzugehen. Das sind Leute, die im Wald Holz sammeln oder auf dem Gelände zerstörter Fabriken Metall suchen, um es zu verkaufen oder solche, die Steine und Baumaterialien für ihre Häuser sammeln."

Der Krieg in Tschetschenien, so die Rot-Kreuz-Mitarbeiterin, hat sich in den letzten Jahren in einen Minen- und Sprengstoffkrieg verwandelt und ist zum Ersatz eigentlicher Kriegshandlungen geworden. Nicht nur die Stellungen der tschetschenischen Kämpfer und der russischen Soldaten sind mit Minen verseucht. Russische Flugzeuge haben Tausende Minen über dem Land abgeworfen, um die Versorgungswege der Tschetschenen zu blockieren. Besonders heimtückisch sind die so genannten "Booby Traps" - Spielzeug, Kugelschreiber, Radios oder eben Feuerzeuge, die zu Bomben präpariert werden. Opfer kann jeder werden - überall im Land:

(Chaschgirejewa) "In Tschetschenien sind 123 Minenfelder bekannt. Auf 119 Feldern liegen die so genannten Anti-Personen-Minen, auf zwei Feldern sind Panzerminen vergraben, auf zwei weiteren gibt es verschiedene Arten von Sprengladungen. Während des Krieges wurden viele Minen aus der Luft abgeworfen. Sie liegen heute in Gebieten, wo es eigentlich keine Kriegshandlungen gab, zum Beispiel im Norden von Tschetschenien."

Minen räumen derzeit nur russische Soldaten - hauptsächlich an für sie wichtigen Verkehrswegen in Tschetschenien. Doch selbst, wenn irgendwann Ruhe im Land einkehren sollte, die Minen bleiben auf Jahre eine Gefahr. Und die Menschen werden nicht nur durch Explosionen verletzt. Minen verhindern auch die wirtschaftliche Entwicklung, weil auf den Feldern nicht gearbeitet und in Fabriken nicht produziert werden kann. (TS)