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Politik

Angst vor Corona hat Norditalien im Griff

25. Februar 2020

Die Wirtschaftsmetropole Mailand scheint wie im Winterschlaf. Wegen des Coronavirus bleiben die Menschen weg. Eine übertriebene Maßnahme, kritisieren manche. Aus Mailand Bernd Riegert.

Italien Mailand Coronavirus | Domplatz in Mailand mit Abspeergitter und Armee-Fahrzeug
Militärposten vor dem geschlossenen Mailänder Dom: Lässt das Virus sich so aufhalten?Bild: DW/B. Riegert

Die drastischen Maßnahmen der italienischen Behörden, um die Bewegung und Reisetätigkeit in Norditalien einzuschränken, betreffen fast 30 Millionen Menschen - die Hälfte der gesamten Bevölkerung. Nicht nur in den "Roten Zonen", die in der Lombardei und Venetien unter eine Art Quarantäne gestellt wurden, sondern im ganzen Norden sind 5500 Schulen für eine Woche geschlossen worden. Die Universitäten haben dicht gemacht. Behörden, einige Fabriken, Bars und Restaurants schickten ihre Mitarbeiter in Zwangsurlaub. Sportturniere und der Karneval wurden gestrichen. Der Bahnverkehr zwischen Mailand und Piacenza ist zeitweilig gestört. 

Freie Parkplätze

Auch in Mailand, der zweitgrößten Stadt und Wirtschaftszentrum des Landes, halten sich viele besorgte Menschen an die Aufforderung der Regierung möglichst zuhause zu bleiben. Die Innenstadt ist viel leerer als sonst. Die Metro und die Busse sind spärlich besetzt. Es gibt freie Parkplätze. Eine Seltenheit. Auf dem Platz vor dem berühmten gotischen Dom, der für zwei Tage geschlossen ist, sind geschätzt mehr Tauben unterwegs als Touristen. "In normalen Zeiten ist es hier total voller Menschen", sagt Sergio. Er trägt eine Atemschutzmaske und knipst vor dem Dom Selfies. "Die sind für meine Freunde", sagt der Student aus Mailand, der Zwangsferien hat. Sergio schiebt die Maske hoch, weil er so besser sprechen kann. Außerdem jucke das Ding. Er sei auch ein bisschen besorgt wegen des Coronavirus und habe gehört, dass eine Maske schützen würde.

Sergio schwört in Mailand auf die Maske: Sie macht Selfies noch interessanterBild: Privat

Keine Panik 

Sergio ist vor allem erstaunt darüber, wie schnell die Zahl von Corona-Infektionen ansteigt. Am Dienstag waren es rund 280 im ganzen Land, zehn Mal mehr als vor einer Woche. Der Chef der italienischen Katastrophenschutzbehörde, Angelo Borrelli, hat dazu in einer Pressekonferenz gesagt, angesichts der Zahlen könne man eigentlich noch nicht von einer Epidemie sprechen. Er warnt vor Panik, rät aber zur Vorsicht. Die relativ hohen Zahlen seien auch auf bessere Testmethoden zurückzuführen. Die Behörden hätten die Lage im Griff, verspricht Borrelli in den Fernsehnachrichten. 

Besorgte Einkäufer in einem Mailänder Supermarkt: Die Regale sind trotz anderer Prognosen vollBild: picture-alliance/abaca/IPA

Streit zwischen Süd und Nord

Inzwischen wird der erste Corona-Fall aus Süditalien gemeldet. In Palermo auf Sizilien wurde ein Erkrankter identifiziert, der aus der Lombardei nach Sizilien gereist war. Die Regionalregierungen im Süden kritisieren, diese weitere Ausbreitung des Virus und fordern Reisebeschränkungen für Norditaliener. Die südliche Region Basilicata will zum Beispiel alle Studenten aus Norditalien, die in der Region studieren, unter Quarantäne stellen. Die Insel Ischia teilte mit, es dürften keine Touristen mehr aus der Lombardei und Venetien anreisen, wo die Masse der Corona-Infektionen registriert wurde. Viele Regionalregierungen werfen der zentralen Regierung von Ministerpräsidenten Giuseppe Conte vor, sie tue zu wenig und verursache Chaos. Conte wies das zurück und warnte vor einer Spaltung des Landes in den verseuchten Norden und sauberen Süden. Auch eine von Rechtspopulisten im Norden geforderte Schließung der Grenzen zu Frankreich oder Österreich lehnt der Ministerpräsident bislang ab.

Straßensperre in der Lombardei: Süditalienische Regionen würden den Norden gerne fernhaltenBild: DW/B. Riegert

Droht eine Rezession?

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionen könnten noch wochenlang anhalten, orakelten Vertreter der Zentralregierung in Rom. Das wäre für die italienische Wirtschaft eine schwere Belastung, meint der Ökonom Lorenzo Codogno in der Wirtschaftsmetropole Mailand. Erste Schätzungen sprechen davon, dass die Wirtschaftsleistung in den ersten vier Monaten um 0,5 bis 1 Prozent abnehmen könnte. Italien könnte in eine Rezession rutschen und mehr Schulden machen müssen. Der Hotelverband in Venetien warnt bereits, viele Reisende aus Asien würden stornieren. Aber auch viele andere Länder haben Reisewarnungen für Norditalien ausgegeben. "Vor allem für Venedig ist das eine Katastrophe. Erst die Flut im Dezember und jetzt Corona", sagte ein Sprecher des Hotelverbandes.

"Wir haben keine Angst"

Diese schlechten Nachrichten machen Annalisa und ihren Partner Rino wütend. Sie sind zum Domplatz gekommen, um sich den selten so entvölkerten Platz ihrer Heimatstadt anzusehen. "Das ist alles so überflüssig!", schimpft Annalisa. "Wir haben keine Angst. Corona ist auch nicht schlimmer als eine normale Grippe. Und an der sterben Tausende", sagt die Lehrerin, die bis kommende Woche wegen Schließung ihrer Schule beurlaubt wurde. Ihr Parnter Rino, ein ehemaliger Polizist, grinst: "Das ist reiner Alarmismus, vor allem von der Regierung und den Medien, also auch Ihnen." Wenn das so weiter gehe, werde die Wirtschaft schwer leiden, vermutet Annalisa. Trotzig machen Annalisa und Rino das "Victory-Zeichen". Die wenigen Menschen, die auf dem Platz mit Atemschutz unterwegs sind, findet Annalisa eher komisch. "Es gibt in ganz Mailand vielleicht zehn Corona-Kranke. Wie soll ich die hier auf dem Platz treffen", fragt sie. "Wir lassen uns nicht unterkriegen!"

Annalisa und Rino: Das ist doch wie eine GrippeBild: DW/B. Riegert
Bernd Riegert Korrespondent in Brüssel mit Blick auf Menschen, Geschichten und Politik in der Europäischen Union
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