1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Anschlagsserie in Mosambik: Wer steckt dahinter?

Antonio Cascais
1. Juni 2026

Tödliche Gewalt erschüttert Mosambik. Besonders betroffen ist die Oppositionspartei ANAMOLA. Die Regierung spricht von Einzelfällen. Opposition und Zivilgesellschaft sehen jedoch Indizien für politische Auftragsmorde.

Ein Polizist mit Schnellfeuerwaffe steht vor einem roten Auto, es ist nur der Körper des Beamten zu sehen.
Mosambik: Gewalt gegen Oppositionspolitiker durch "Todesschwadronen". Es gibt Vorwürfe gegen Einheiten der Polizei und anderer Sicherheitsorgane, mit Nähe zur regierenden FRELIMO.Bild: DW

Die tödlichen Schüsse fielen am 9. Mai 2026. Anselmo Vicente, Koordinator der ANAMOLA-Partei in Chimoio in der zentralmosambikanischen Provinz Manica, wurde vor seinem Wohnhaus regelrecht hingerichtet. Laut Polizei war er gerade von einem Parteitreffen nach Hause zurückgekehrt. Nur wenige Tage später, am 15. Mai, stirbt mit Pedro Chauke ein weiteres ANAMOLA-Mitglied in der südmosambikanischen Provinz Gaza. Chauke wurde in seinem Haus erschossen, Zeugen beschreiben die Täter als "skrupellos und professionell".

Beobachter zählen beide Fälle zu einer eskalierenden Gewaltserie gegen Oppositionelle im ganzen Land. Besonders betroffen sind Anhänger der "Nationalen Allianz für ein freies und autonomes Mosambik", ANAMOLA, die Oppositionspolitiker Venâncio Mondlane nach den umstrittenen Wahlen vom 9. Oktober 2024 gegründet hatte.

Mondlane: Über 50 Tote

Im Exklusivinterview mit der DW erhebt ANAMOLA-Chef Venâncio Mondlane schwere Vorwürfe gegen Regierung, Justiz und Sicherheitskräfte in Mosambik. Diese seien "zumindest mitverantwortlich" für die Gewalt gegen seine Anhänger. Seit der Gründung der Partei im August 2025 seien 56 Mitglieder getötet worden, sagte Mondlane in dem Interview wenige Tage nach der Ermordung Vicentes, noch vor dem Mord an Pedro Chauke. Zudem habe ANAMOLA 436 Fälle von Gewalt dokumentiert, darunter Angriffe und Brandanschläge.

Venâncio Mondlane, Gründer der ANAMOLA, prangert politische Morde und Gewalt in Mosambik an: "Regierung, Polizei und Justiz sind Komplizen der Täter"Bild: Álvaro Jaime/DW

Mondlane, der die Wahl 2024 als manipuliert bezeichnet und landesweite Proteste angeführt hatte, spricht von gezielter politischer Repression seitens der Regierung von Präsident Daniel Chapo: "Die Regierung ist Komplize dieser Morde." Beweise habe seine Partei den Behörden übergeben, bislang ohne Konsequenzen.

Sind "Todesschwadronen" am Werk?

Seit Jahren gibt es in Mosambik Vorwürfe, wonach sogenannte "Todesschwadronen" ("esquadrões da morte") gezielt gegen Kritiker des Staates vorgehen sollen. Bereits während des Bürgerkriegs zwischen der Regierungspartei FRELIMO und der ehemaligen Rebellenbewegung RENAMO (1977-1992) kam es auf beiden Seiten zu schweren Menschenrechtsverletzungen und politischen Tötungen. Besonders seit etwa 2015 berichten Aktivisten, Journalisten und Menschenrechtsorganisationen erneut über mutmaßlich organisierte Gruppen innerhalb der Sicherheitskräfte, die Oppositionelle und kritische Stimmen einschüchtern oder ermorden sollen. Die Vorwürfe richten sich dabei vor allem gegen Einheiten der Polizei und anderer Sicherheitsorgane, denen eine Nähe zur regierenden FRELIMO nachgesagt wird.

Menschenrechts-Aktivisten werfen Polizei und Justiz bei politischer Gewalt Untätigkeit vor (Symbolbild)Bild: DW

Die Regierung in Maputo und die regierende FRELIMO-Partei weisen die Vorwürfe zurück. Der Sprecher der FRELIMO-Fraktion, Dias Letela, spricht von "Einzelfällen", die juristisch aufgearbeitet werden müssten. Ziel müsse sein, "die Schuldigen vor Gericht zu bringen". Die Regierung distanziere sich vollständig von den Morden.

Opposition: "Wer nicht folgt, stirbt"

ANAMOLA ist bislang nicht im Parlament vertreten, in dem die seit der Unabhängigkeit 1975 regierende FRELIMO derzeit 171 der 250 Parlamentssitze hält. Doch auch unter den drei derzeit im Parlament vertretenen Oppositionsparteien PODEMOS, RENAMO und MDM wächst die Nervosität.

Mosambikanisches Parlament: Die FRELIMO dominiert das Hohe Haus seit der Unabhängigkeit 1975. Oppositionsparteien beklagen zunehmende Repression.Bild: Roberto Paquete/DW

Die MDM-Politikerin Judite Macuácua spricht von einem systemischen Problem. Kritische Stimmen würden von der ehemaligen marxistischen Befreiungsbewegung FRELIMO rigoros unterdrückt - notfalls mit Gewalt: "Jeder, der sich weigert, der offiziellen Linie zu folgen, dessen Urteil kann in Mosambik Tod lauten." Macuácua fordert unabhängige Ermittlungen und warnt vor einem Zusammenbruch politischer Freiheiten.

"Todesschwadronen greifen Demokratie an"

Auch zivilgesellschaftliche Gruppen fordern unabhängige Untersuchungen der Morde und Angriffe auf Oppositionspolitiker. Adriano Nuvunga, Direktor der Menschenrechtsorganisation CDD (Zentrum für Demokratie und Menschenrechte), spricht im DW-Interview von einem strukturellen Gewaltmuster: "In Mosambik gibt es ein extrem hohes Maß an politischer Intoleranz und Gewalt. Das war schon im Einparteienstaat so und hat sich auch seit Einführung des Mehrparteiensystems 1990 nicht grundlegend verändert. Die FRELIMO duldet weiterhin keinen Widerspruch."

NGO-Direktor Adriano Nuvunga: "Sie töten, um Angst zu verbreiten, Opposition zu zerstören und Menschen von politischer Beteiligung abzuschrecken."Bild: Nadia Issufo/DW

Nuvunga erhebt schwere Vorwürfe gegen Regierung und staatliche Institutionen: "Was wir hier erleben, ist nicht nur ein demokratisches Defizit oder Staatsversagen. Wir haben es mit einem regelrecht kriminellen Staat zu tun." Die Angriffe seien systematisch organisiert: "In Mosambik gibt es Todesschwadronen. Und diese Todesschwadronen werden vom Staat eingesetzt. Sie töten, um Angst zu verbreiten, Opposition zu zerstören und Menschen von politischer Beteiligung abzuschrecken."

"Morde, Aggressionen, willkürliche Festnahmen"

Auch die Nichtregierungsorganisation DECIDE registriert seit den letzten Wahlen einen drastischen Anstieg politischer Gewalt gegen Oppositionelle. Sprecher Wilker Dias wirft der Regierung vor, Justiz und Staatsanwaltschaft zu kontrollieren. Mehrfach habe seine Organisation konkrete Fälle gemeldet - ohne sichtbare Ermittlungsfortschritte.

"Es geht um Morde an Mitgliedern politischer Parteien, aber auch um Angriffe, willkürliche Festnahmen und andere Formen politischer Verfolgung", sagt Dias der DW.

Aktivist und Rechtsanwalt Wilker Dias: "In Mosambik formiert sich zunehmend Widerstand gegen politische Gewalt und Repression"Bild: DW

Viele Fälle könnten von Polizei und Justiz nicht aufgeklärt werden. Dies deute darauf hin, dass Angehörige sogenannter Todesschwadronen beteiligt sein könnten, wie es sie bereits im Einparteienstaat gegeben habe. "Die plausibelste Hypothese ist, dass diese Angriffe aus politischen Gründen erfolgen."

Viele Fragen, wenig Antworten

Ähnlich äußert sich die Anwaltskammer von Mosambik (OAM), die lange als regierungsnah galt. In einer offiziellen Mitteilung bezeichnete sie die jüngsten politisch motivierten Morde als "schwerwiegenden Angriff" auf Leben und Demokratie und forderte unabhängige Ermittlungen. Der mosambikanische Staat zeige sich nicht in der Lage, eine seiner grundlegenden Aufgaben zu erfüllen: die Sicherheit seiner Bürger zu gewährleisten. 

Für den Menschenrechtsaktivisten und Anwalt Wilker Dias sind deutliche öffentliche Mitteilungen, wie die der OAM, ein Zeichen dafür, dass sich zunehmend Widerstand gegen politische Gewalt und Repression in Mosambik formiert.

Der Fluch der Bodenschätze - Terror in Mosambik

28:35

This browser does not support the video element.

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen
Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen