Anti-Terror-Operation in Taschkent
2. April 2004Bonn, 2.4.2004, DW-RADIO / Russisch
In Usbekistan, im Gebiet Buchara, Bezirk Romitan, wo sich vor vier Tagen bei der Vorbereitung eines Terroranschlags zehn Terroristen mit einer Mine in die Luft gesprengt haben, ist es am Donnerstag (1.4.) erneut zu einer Explosion gekommen. Der diensthabende Einsatzleiter des Katastrophenschutzministeriums, Inojat Kasymow, sagte der Deutschen Welle, die Explosion habe sich um 16.30 Uhr in der Wohnung der 24jährigen Farogat Domadowa ereignet. Man vermutet, dass die Frau dabei war, einen Sprengsatz zu bauen. Ein zehnjähriges Mädchen starb. Nachrichtenagenturen zufolge kam dabei ein weiterer Mann ums Leben. Farogat Domadowa selbst wurde schwer verletzt in ein Krankenhaus eingeliefert und kann von den Ermittlern noch nicht vernommen werden. Gleich nach der Explosion ließen die Behörden Bucharas alle Verwaltungsgebäude evakuieren. Auf den Straßen werden Passkontrollen durchgeführt. Die Explosion in Buchara ereignete sich zu einem Zeitpunkt, als es schien, das Land könne wieder zum Alltag zurückkehren.
Reaktionen von Einwohnern der usbekischen Hauptstadt auf die Anti-Terror-Operation, die in der Nacht auf Donnerstag (1.4.) in einem der Stadtbezirke durchgeführt wurde, hat unsere Korrespondentin Natalija Buschujewa zusammengetragen:
"Wir hörten zuerst eine Explosion und dann Schüsse aus Maschinengewehren. Ich habe gehört, wie jemand das Wohnhaus betrat und sich in die Lift sprengte."
"Alle, die neben diesem Haus wohnen, werden an einen sicheren Ort gebracht."
"Die Menschen liefen aus den Häusern und warteten auf den Straßen, bis die Lage geklärt war. Sofort kursierten Gerüchte über die Ereignisse."
"Ein Junge sagte mir, dass sich dort 20 bewaffnete Männer befanden."
"Man sagt, die Bezirksabteilung des Innenministeriums sollte in die Luft gesprengt werden, aber sie schafften es nicht. Sie flüchteten in dieses Haus. Dort sitzen sie nun mit den Geiseln fest."
Gegen 1 Uhr nachts wurden die Absperrungen aufgehoben und die Menschen konnten an den Ort der Ereignisse zurückkehren. Die Einwohner der angrenzenden Häuser, die zuvor evakuiert wurden, gingen wieder in ihre Häuser. Praktisch alle schwiegen und lehnten ein Interview ab.
"Ich weiß nichts. Es gab eine Explosion und wir saßen dann die ganze Zeit im Gebäude der Bezirksabteilung des Innenministeriums."
Der Zugang zu dem Haus, in dem sich die Explosion ereignete, wurde Reportern verwehrt. Einem Journalisten war es aber gelungen, mit dem stellvertretenden Leiter der Abteilung für Ermittlungen und Terrorbekämpfung, Oleg Bitschenow, zu sprechen. Der Journalist sagte: "Als die Einsatzkräfte hier erschienen, leistete der Terrorist Widerstand und sprengte sich selbst in die Luft. Deswegen kam nur er ums Leben. Alle Einwohner wurden vorsichtshalber evakuiert. Derzeit dauern dort die Ermittlungen an. In jenem Haus befinden sich viele Beamte, aber wir wurden von dort verjagt. Sie sagten, dass es sich bei dem Terroristen um den Eigentümer des Hauses handele."
Oleg Bitschenow selbst sagte folgendes: "Hier werden Sprengsätze entschärft. Bitte halten Sie einen sicheren Abstand ein. Auf Wiedersehen."
Der stellvertretende Leiter der Abteilung für Ermittlungen und Terrorbekämpfung, Oleg Bitschenow, sagte ferner: "Es wird eine Stellungnahme des Außenministeriums geben, von dem Sie alle Informationen erhalten werden."
Meldungen, wonach Terroristen angeblich Mitarbeiter der Rechtsschutzorgane als Geiseln genommen hatten, wurden nicht bestätigt.
Man vermutet unter anderem, dass die Terroranschläge in Usbekistan von der verbotenen islamischen Partei "Hisb-ut-Tahrir" organisiert wurden. Die Partei ist auch in anderen Ländern Zentralasiens bekannt, darunter in Tadschikistan, wo sie seit dem Jahre 2001 verboten ist. Hier nun ein Bericht unseres Korrespondenten Chajrullo Mirsaidow:
In den vergangenen drei Jahren wurden wegen Mitgliedschaft in der "Hisb-ut-Tahrir" in Tadschikistan mehr als 150 Personen verurteilt. Anlass für die Verhaftungen waren meist gefundene Flugblätter der Partei. Obwohl die Behörden die Partei verfolgen, gelingt es dieser Organisation zu überleben und sogar neue Mitglieder zu gewinnen. Der Partei treten aber nicht nur arme und ungebildete Menschen bei, sondern auch Mitarbeiter staatlicher Einrichtungen. Anfang des Jahres wurden gleich 22 Aktivisten festgenommen, unter denen sich Vertreter der Gebietsverwaltung und sogar drei Offiziere des Ministeriums für nationale Sicherheit befanden, die eigentlich diese Gruppierung hätten bekämpfen müssen. Womit zieht diese islamische Organisation die Menschen an? Eine Aktivistin der "Hisb-ut-Tahrir" sagte der Deutschen Welle dazu folgendes:
"Die Ansichten unserer Organisation sind sehr radikal. Wir treten für den Sturz der bestehenden Regierungen in der gesamten muslimischen Welt und für die Errichtung eines islamischen Kalifats ein. Wir wollen dies gewaltlos und ohne Opfer erreichen, aber mit uns geht man wie mit Verbrechern um. In Wirklichkeit fürchten die Regierungen Zentralasiens, dass eine Oppositionspartei entsteht, die der Armut und der Korruption ein Ende setzen und somit den heutigen Machthabern die Basis entziehen kann."
Ende 2003 organisierten etwa 50 Frauen in Tadschikistan eine nicht genehmigte Kundgebung, an der auch unsere Gesprächspartnerin teilgenommen hatte. Ihr zufolge verteidigten sie ihre Angehörigen, die in Usbekistan wegen der Mitgliedschaft in der "Hisb-ut-Tahrir" verurteilt oder getötet wurden. Alle Teilnehmer der Kundgebung wurden von den tadschikischen Behörden festgenommen:
"Damals wurden viele Frauen mit Gummiknüppeln geschlagen. Eine Frau erlitt eine schwere Kopfverletzung. Später wurden alle freigelassen, außer einem alten Mann, dessen Sohn ein wohlhabender Mann ist. Man wollte wohl, dass dieser seinen Vater freikauft. Unsere Losungen richteten sich gegen Usbekistan, wo Mitglieder der Partei hart bestraft werden. Im Gegensatz zur ‚Islamischen Bewegung Usbekistans‘ waren Mitglieder der ‚Hisb-ut-Tahrir‘ niemals an Terroranschlägen beteiligt und mit den Ereignissen in Usbekistan haben unsere Anhänger nichts zu tun Das ist wohl wieder die Politik des Staates, der wieder uns für alles verantwortlich machen will."
Das sagte eine Aktivistin der in Zentralasien verbotenen islamischen Partei "Hisb-ut-Tahrir". Diese Organisation tritt für die Errichtung eines islamischen Kalifats in Zentralasien ein. (MO)