Antisemitismus in Berlin: Keine Entspannung
20. Mai 2026
Der gravierendste Fall judenfeindlicher Gewalt in der deutschen Hauptstadt schaffte es auch international in die Medien. Am 21. Februar 2025 attackierte ein 19-Jähriger einen spanischen Touristen im Stelenfeld des Denkmals für die ermordeten Juden Europas unweit des Brandenburger Tors im Herzen Berlins.
Der Täter wollte den Mann töten und verletzte ihn mit einem Schnitt in die Kehle lebensgefährlich. Der Geflüchtete aus Syrien rief nach der Tat "Allahu Akbar". Später sagte er, er habe sich durch die Tat der Terrororganisation "Islamischer Staat" andienen wollen. Knapp ein Jahr nach der Tat wurde er zu 13 Jahren Haft verurteilt. Das 30-jährige Opfer überlebte nur knapp.
Der Mordversuch ist der schlimmste und spektakulärste der 2197 antisemitischen Vorfälle in der deutschen Hauptstadt, die die "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin" (RIAS Berlin) in ihrem Jahresbericht für 2025 behandelt. 2197 - das sind im Durchschnitt mehr als sechs Vorfälle pro Tag. Der größte Teil davon (2004) bezieht sich - online und im wahren Leben - auf verletzendes Verhalten: Anfeindungen in Wort und Schrift, darunter auch antisemitische Aufkleber, Schmierereien, Plakate.
Geschlagen, geschubst, bespuckt
Doch zugleich berichtet RIAS neben dem Mordversuch von 39 weiteren tätlichen Angriffen, bei denen Menschen geschlagen, geschubst, angespuckt, festgehalten oder ihnen Kleidungsstücke oder Schmuck vom Körper gerissen wurden. In einem Fall sei einem als Jude beschimpften Menschen Reizgas ins Gesicht gesprüht worden. 2024 waren 53 tätliche Angriffe erfasst worden.
Die Gesamtzahl von 2197 Vorfällen bedeutet einen Rückgang von rund 13 Prozent gegenüber 2024 (2521). Allerdings ist sie immer noch mehr als doppelt so hoch wie in jedem Jahr zwischen 2018 und 2022. Die Zahlen blieben deutlich erhöht, sagt RIAS-Projektleiterin Jutta Kopp. Letztlich habe sich der deutliche Anstieg seit dem 7. Oktober 2023, dem terroristischen Überfall der Hamas aus dem Gazastreifen auf Israel, verfestigt.
Antisemitische Vorfälle häuften sich bereits unmittelbar nach dem Terrorüberfall des 7. Oktober 2023, bei dem auf israelischer Seite rund 1250 Menschen, zumeist Zivilisten, ermordet und 251 als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt wurden. Im Zuge des Gaza-Kriegs, bei dem die israelische Armee nach unterschiedlichen Quellen deutlich über 70.000 Menschen tötete, stieg die Zahl israelkritischer und Israelfeindlicher Demonstrationen in Berlin. Dabei wurden zahlreiche antisemitische Vorfälle verzeichnet.
Was bedeutet das für Jüdinnen und Juden in Berlin? "Antisemitische Anfeindungen ereignen sich auf der Straße, an Hochschulen, im Bahnverkehr, in Cafes, bei Freizeitaktivitäten, in Kultureinrichtungen", so Kopp. Immer wieder kippten "eigentlich ganz alltägliche Situationen in dem Moment, in dem Personen als jüdisch oder israelisch wahrgenommen wurden oder adressiert wurden".
Viele Betroffene erklärten, sie würden jüdische Symbole oder auch das Sprechen von Hebräisch in der Öffentlichkeit vermeiden, sagte Kopp. Sie gab die Schilderungen von Betroffenen judenfeindlicher Vorfälle weiter: Diese hätten sich von Umstehenden oder mutmaßlichen Zeugen einer Tat alleingelassen gefühlt.
Sorgen um die Zukunft, Vorwurf an Berliner Politik
Nach Einschätzung des Antisemitismus-Beauftragten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Sigmount Königsberg, ist das noch vor einigen Jahren vorherrschende Gefühl der Sicherheit, dass also Berlin ein sicherer Ort für Jüdinnen und Juden sei, einer "großen Verunsicherung" gewichen. Viele machten sich Gedanken über ihre Zukunft. Er wisse von Personen, die Berlin bereits verlassen hätten.
Nach Königsbergs Angaben haben die jüdischen Schulen in der Stadt 2025 vermehrt Schulkinder aufgenommen, die an öffentlichen Schulen von Mitschülern angegriffen worden seien. Zahlen konnte Königshaus dazu nicht nennen. Schulen und Hochschulen tauchen im Bericht mehrfach auf.
Gelegentlich gibt es Kritik an der Erfassung von Vorfällen durch RIAS. Denn längst nicht jeder Vorfall ist strafrechtlich relevant, also formell eine Straftat. Für RIAS, so Jutta Kopp, sei klar, dass Antisemitismus nicht erst an einer bestimmten Schwelle wie der Strafbarkeit beginne. Nach ihrer Einschätzung näherten sich die Gesamtzahlen von Polizei und RIAS mittlerweile einander an. Die Polizei erfasse deutlich mehr Vorfälle bei Demonstrationen, bei denen sie präsent sei.
Vor allem Königsberg äußerte Kritik an der Berliner Landespolitik. Er hätte sich gewünscht, dass die demokratischen Kräfte in der Landespolitik gemeinsam deutlicher Stellung gegen den Kurs der "Alternative für Deutschland" (AfD) und der Neuköllner Linken bezogen hätten. So beklagte er eine wachsende Zusammenarbeit radikaler Linker mit einer muslimischen Community. Diese Entwicklung habe nicht erst im Jahr 2015 begonnen, in dem viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren. Ausdrücklich warf der Beauftragte der Jüdischen Gemeinde der Partei Die Linke in Berlin-Neukölln Antisemitismus vor.
Der Bürgermeisterkandidat der Linken in Berlin-Neukölln, Ahmed Abed, hat wiederholt Antisemitismus-Vorwürfe zurückgewiesen. Es sei nicht antisemitisch, Verbrechen gegen die Menschlichkeit anzusprechen, sagte er im März. Einige Wochen zuvor hatte er mit Blick auf Gaza erklärt: "Dass dort ein Völkermord stattfindet oder überhaupt große Kriegsverbrechen, das stand schon in jeder seriösen Zeitung."
Zuletzt hatte an diesem Mittwoch der israelische Historiker Moshe Zimmermann, selbst ein deutlicher Kritiker der derzeitigen israelischen Regierung, in einem Interview mit "dem Spiegel" von einer "besorgniserregenden Mischung von Vorurteil und Ignoranz" in der deutschen Linkspartei gesprochen, "mindestens an der Basis". Zimmermann verwies auf die norddeutschen Landesverbände in Niedersachsen und Schleswig-Holstein.
April 2026: Aufruf zum Mord an Juden
Ein Rückgang der Zahlen ist kaum absehbar. Auch im Frühjahr 2026 gab es mehrere Fälle von Antisemitismus und Volksverhetzung, zu denen Ermittlungen laufen. So sucht die Polizei im Stadtteil Prenzlauer Berg nach Unbekannten, die im April einen Aufruf zum Mord an Juden großflächig auf eine Hauswand gesprüht hatten. Der Schriftzug war rasch übermalt, Polizisten suchten in der Nachbarschaft nach möglichen Zeugen. Doch auch nach gut drei Wochen gibt es nach Angaben eines Polizeisprechers keinen Ermittlungserfolg.
Der Präsident der "Jüdischen Studierendenunion", Ron Dekel, berichtete vor einigen Tagen, dass er Ende April mit einem ebenfalls jüdischen Begleiter am Tag auf dem Fußweg vom Bundestag zum Bahnhof Friedrichstraße, einer belebten Gegend, aus dem Auto heraus von einer Frau angepöbelt wurde.
Beide trugen Kippa, die Kopfbedeckung religiöser Juden. Zwei Tage später begegnete Dekel beim Verlassen der Synagoge erneut der Frau, die ihn anschrie. Dekel schilderte sein Empfinden so: "Das passiert nicht nur in Berlin oder München, das passiert gerade überall."