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Gesellschaft

Rabbiner: "Ich verstecke meine Kippa"

Victor Weitz
21. Juli 2020

Zunehmender Antisemitismus in der Gesellschaft verunsichere Juden in Deutschland, sagt Yuriy Kadnykov, Landesrabbiner der Jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern - obwohl der Staat viel für ihren Schutz tue.

Yuriy Kadnykov bei einem Interview
Yuriy Kadnykov, Landesrabbiner der Jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-VorpommernBild: picture-alliance/dpa/B. Wüstneck

DW: Herr Rabbiner, woher kommen die Mitglieder ihrer Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern?

Yuriy Kadnykov: 95 Prozent der Mitglieder unserer Gemeinden stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. Fünf Prozent sind deutschsprachige Juden und Israelis. In ihren besten Zeiten hatte die Gemeinde in Rostock etwa 1000 Mitglieder, heute sind es 570. Zusammen mit Schwerin und Wismar sind es etwa 1400 Gemeindemitglieder. Die meisten sind ältere Menschen.

Viele junge Gemeindemitglieder ziehen zum Studium in andere deutsche Städte, wo sie Arbeit finden und bleiben. Nur wenige kehren nach Rostock oder Schwerin zurück. Wir wissen, dass unsere Gemeinschaft schrumpfen wird, und dies ist eine traurige Entwicklung.

Rabbiner Kadnykov in der Synagoge von RostockBild: picture-alliance/dpa/B. Wüstneck

Bekommen Mitglieder Ihrer Gemeinde Antisemitismus zu spüren?

Leider werden in unserem Bundesland wie auch in anderen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR die Menschen mit Antisemitismus konfrontiert. Man darf nicht vergessen, dass hier die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) aktiv ist, die man ohne Erfolg zu verbieten versucht hat. Auch die heutige "rechte" Partei Alternative für Deutschland (AfD), die Abgeordnete im Landtag hat und von einem Teil der Bevölkerung unterstützt wird, hat großen Einfluss. Es gibt nichts drum herumzureden, Juden in unserem Bundesland müssen Vorsichtsmaßnahmen beachten. Beim Verlassen der Synagoge versuchen die Gemeindemitglieder, ihre Kippa mit anderen Kopfbedeckungen zu bedecken, um nicht aufzufallen und sich selbst zu schützen. Ich gebe zu, dass auch ich meine Kippa bedecke, wenn ich durch Rostock gehe.

Natürlich tun die deutschen Behörden viel, um Antisemitismus zu verhindern, der meiner Meinung nach seit 2015 zugenommen hat, als viele muslimische Flüchtlinge ins Land kamen. Viele von ihnen sehen Israel und Israelis als ihre Feinde an. Das hat den rechten und linken Antisemitismus vor Ort verstärkt. Es gibt ihn sogar dort, wo keine Juden leben. Es gibt ihn viel im Internet, angefangen mit antisemitischen Websites bis hin zu Kommentaren unter Artikeln über Juden. Selbst während der Coronavirus-Epidemie haben die antisemitischen Stimmungen im Internet zugenommen. Viele Mythen wurden geboren, in denen die Juden aller Probleme der Welt beschuldigt werden, auch der Coronavirus-Infektion.

In Mecklenburg-Vorpommern beobachten wir antisemitischen Vandalismus auf jüdischen Friedhöfen in Dörfern und Städten, in denen keine Juden mehr leben. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes etwa 50 jüdische Gemeinden, und die alten jüdischen Friedhöfe sind noch erhalten. Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden richtet seit 30 Jahren zusammen mit der Landesregierung diese Friedhöfe wieder her, die in der einstigen DDR verfielen. Das ist erfreulich. Aber der Vandalismus auf den bereits hergerichteten Friedhöfen alarmiert mich und meine Gemeindemitglieder sehr. Aber viele sehen, dass sowohl die Landes- als auch die Bundesregierung Maßnahmen gegen Antisemitismus in der Gesellschaft ergreifen.

Mitglieder der jüdischen Gemeinde Mecklenburg-Vorpommern gedenken der Opfer von Judenpogromen in DeutschlandBild: picture-alliance/dpa/B. Wüstneck

Kann man sagen, dass sich die Juden Ihrer Gemeinde vom Staat beschützt fühlen?

Ja, aber es gab Fälle wie den im letzten Jahr in Halle, bei dem an Jom Kippur, dem wichtigsten jüdischen Feiertag, zwei Menschen getötet wurden. Ich habe danach keine Tausenden von Menschen gesehen, die in Berlin auf die Straßen gegangen wären. Und einige Jahre zuvor, als ein junger Mann aus Antisemitismus in Berlin zusammengeschlagen wurde, füllten die Demonstranten gerade mal das Grundstück vor dem Gemeindezentrum in der Hauptstadt. Auch als der Zentralrat der Juden in Deutschland eine Demonstration vor dem Brandenburger Tor in Berlin organisierte, gab es auch nicht viele Demonstranten. Dies ist ein wichtiges Barometer für latenten Antisemitismus in unserem Land. Antisemitismus ist kein Problem jüdischer Gemeinden, wie viele denken, sondern ein Problem der Gesellschaft.

Es ist kein Zufall, dass Bundesinnenminister Horst Seehofer kürzlich betont hat, dass Rechtsextremismus nach wie vor die größte Bedrohung für Deutschland darstellt. Ihm zufolge hatten 93,4 Prozent der antisemitischen Verbrechen im Jahr 2019 ein rechtsextremistisches Motiv.

Sie haben in der ehemaligen UdSSR gelebt, in Israel, und jetzt leben Sie in Deutschland und reisen viel um die Welt. Wo fühlen sich Juden Ihrer Meinung nach sicherer?

Juden fühlen sich natürlich in Israel sicherer und freier. In Europa ist dies meiner Meinung nach Wien. Dort gibt es jüdische Bezirke, viele jüdische Geschäfte und Restaurants. Die Juden dort verstecken sich nicht. Wien ist mit Berlin schwer zu vergleichen. Obwohl Berlin eine offene und fortschrittliche Stadt ist, tragen dort nicht viele Menschen eine Kippa. Juden werden dort häufiger angegriffen als in Wien. Von Rostock ganz zu schweigen. Der Antisemitismus in der einstigen DDR ging auf die anti-israelische Politik der 1950er Jahre zurück. Diese feindliche Rhetorik ist immer noch in den Köpfen vieler Menschen verankert.

In Deutschland gibt es sowohl rechten als auch linken Antisemitismus, der in einer anti-israelischen Rhetorik zum Ausdruck kommt, aber auch einen vom Islamismus aufgedrängten Antisemitismus. Wir sind mit der Landesregierung in einem ständigen Dialog, um die Sicherheitsmaßnahmen für unsere Gemeindemitglieder zu verstärken.

Yuriy Kadnykov ist seit 2015 Oberrabbiner in Mecklenburg-Vorpommern. Er wurde 1975 auf der Krim geboren. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR studierte er in Moskau. 2003 kam er nach Deutschland, um seine Rabbinerausbildung am Abraham Geiger College in Potsdam fortzusetzen. Kadnykov wurde 2011 in Bamberg Rabbiner. Nach seinem Abschluss arbeitete er in den jüdischen Gemeinden Hannover, Magdeburg und Bad Pyrmont.

Das Gespräch führte Victor Weitz

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