Argentinien: Vom Energie-Importeur zum Exporteur
9. Dezember 2025
"Heute beginnt das Zeitalter der vollständigen Energieunabhängigkeit Europas von Russland", wählte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vor wenigen Tagen historische Worte: "Heute stoppen wir diese Einfuhren dauerhaft. Wir lassen keine Gelder mehr in Putins Kriegskasse fließen, stehen damit solidarisch an der Seite der Ukraine und richten unseren Blick auf neue Energiepartnerschaften und Chancen für den Sektor."
Neue Lieferanten gesucht
Wer alte Partner verlässt, braucht neue zuverlässige Lieferanten. Und einer dieser neuen Partner kommt offensichtlich aus Argentinien. Denn nahezu zeitgleich vermeldeten das argentinische Unternehmenskonsortium Southern Energy (SESA) und das deutsche Energieunternehmen SEFE (Securing Energy for Europe GmbH) den Abschluss einer Absichtserklärung über langfristige LNG-Lieferungen aus Argentinien. "Im Rahmen der Vereinbarung wird SEFE bis zu zwei Millionen Tonnen LNG pro Jahr auf FOB-Basis (Free-on-Board) abnehmen, wobei die ersten Lieferungen voraussichtlich ab Ende 2027 erfolgen werden. Die Vereinbarung steht unter dem Vorbehalt der Verhandlung eines endgültigen Kaufvertrags zwischen den beiden Unternehmen", heißt es in einer Presseklärung von SEFE. Und es folgt ein Satz, der die volkswirtschaftliche Dimension dieser sich abzeichnenden Kooperation für Argentinien veranschaulicht: "Dies wäre voraussichtlich Argentiniens erster langfristiger Liefervertrag für LNG."
Argentinien erlebt derzeit einen rasanten Wechsel vom Energie-Importeur zum Exporteur. "Die Vereinbarung mit SEFE ist das erste Großprojekt für den Verkauf von argentinischem LNG und ein wichtiger Meilenstein für die zukünftige Entwicklung der Gasvorkommen von Vaca Muerta", betont Rodolfo Freyre, der Vorsitzende von Southern Energy.
"Das wichtigste Schiefergasvorkommen ist "Vaca Muerta" (zu deutsch: "tote Kuh") in der Provinz Neuquén, etwa 450 km von der Atlantikküste entfernt. Mit dem Ziel des Exports in großem Maßstab werden derzeit große Gas- und Ölpipelines gebaut und schwimmende LNG-Anlagen erworben, die ab 2027 in Betrieb genommen werden sollen", sagt Ingenieur Emilio Apud, wissenschaftlicher Berater der wirtschaftsliberalen Stiftung "Libertad y Progresso" aus Buenos Aires der Deutschen Welle.
Argentinien positioniert sich als "prowestlicher Lieferant"
Das kürzlich geschlossene Abkommen über den Verkauf von Gas an Deutschland sehe vor, dass ab 2027 acht Jahre lang jährlich zwei Millionen Tonnen Flüssiggas nach Deutschland geliefert würden: "Dies markiert für Argentinien den Beginn eines Gas-Exportprozesses und für Europa die konkrete Möglichkeit, seine Gasversorgung aus dem Westen zu diversifizieren. Mit der bisher zugesagten Infrastruktur wird Argentinien bis 2031 in der Lage sein, täglich 85 Millionen Kubikmeter zu exportieren", sagt Apud.
"Argentinien setzt unter Präsident Javier Milei in der Energiepolitik auf eine breite Diversifizierung seiner Energiequellen - sowohl erneuerbare Energien (Sonne, Wind, Wasserkraft), Öl und Gas, als auch auf den Ausbau der Kernenergie", sagt Hans-Dieter Holtzmann von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung in Buenos Aires im Gespräch mit der Deutschen Welle. Mit dieser Energieoffensive strebe Argentinien Investitionen in energieintensiven Sektoren an, sowohl aus dem Inland als auch aus dem Ausland. "Die Investitionen in die Energieressourcen des Landes ermöglichen Argentinien außerdem, neue Energiepartnerschaften mit dem Ausland einzugehen, damit Exporterlöse zu erzielen und sich gleichzeitig als zuverlässiger, prowestlicher Lieferant zu positionieren in Zeiten geopolitischer Spannungen."
Ergebnis eines Lernprozesses
Hernán Letcher vom Zentrum für politische Ökonomie Argentiniens (CEPA) sieht den Wandel des Landes vom Importeur zum Exporteur auch als das Ergebnis eines langwierigen Lernprozesses: "Der Konzern YPF wurde 2012 verstaatlicht. Danach begann die Lernkurve für die Förderung von Öl und Gas aus unkonventionellen Quellen", sagt Letscher im Gespräch mit der Deutschen Welle. Es habe dann einige Jahre gedauert, aber seit etwa 2015, 2016 habe das Öl- und Gasfeld begonnen, nach hohen Investitionen wettbewerbsfähig zu werden. "Die Verbesserung dieser Lernkurve bedeutet sehr gute Zukunftsaussichten für dieses Becken. Tatsächlich wird in Argentinien zwischen 2030 und 2035 ein deutlicher Anstieg der Energieexporte im Zusammenhang mit der Erschließung von Vaca Muerta erwartet."