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Arme Kinder

17. Oktober 2001

Immer mehr Kinder und Jugendliche leben in Deutschland unter der Armutsgrenze. Der Kinderschutzbund hält Kinderarmut gar für das "größte soziale Problem in Deutschland“.

Jedes fünfte Kind lebt in Deutschland unter der Armutgrenze. Darauf weist der deutsche Kinderschutzbund und das Diakonische Werk hin. In den alten Bundesländern habe sich die Zahl der Kinder unter sieben Jahren, die Anspruch auf Sozialhilfe haben, vom Jahr 1980 bis 1999 von zwei auf 7,8 Prozent fast vervierfacht. Der Bundesgeschäftsführer des Kinderschutzbundes, Walter Wilken, warf der Bundesregierung Untätigkeit vor. Bereits Kinder nähmen Armut deutlich wahr. Sie fühlten sich allein gelassen. Diese Isolation habe schlechte schulische Leistungen zur Folge und führe zu einer mangelhaften beruflichen Qualifiktion. Arbeitslosigkeit sei vorprogrammiert, so Wilken.

Teufelskreis Armut

Armut kann auch krank machen. Die Kinder würden oft unzureichend oder falsch ernährt. Auch die schlechten Wohnverhältnisse beinträchtigen nach Ansicht von Wilken die Entwicklung der Kinder. Sie hätten oft kein eigenes Zimmer und keinen Platz zum Spielen oder könnten keine Freunde einladen. Eine Teilnahme an Klassenreisen sei meist auch nicht möglich. Deshalb seien die Kinder von Minderwertigkeits- und Schamgefühlen belastet, entwickelten ein geringes Selbstbewusstsein, würden überängstlich oder aggressiv.

Der Kinderschutzbund fordert deshalb eine Ausweitung des Betreuungsangebots für Kinder. Insbesondere Ganztagsbetreuungen müssten verstärkt angeboten werden, um alleinerziehenden Frauen zu ermöglichen einer Beschäftigung nachzugehen. Schon mehrfach hat der Kinderschutzbund gefordert, das Kindergeld auf 600 Mark monatlich zu erhöhen.

Nach Ansicht des Diakonischen Werkes sei auch in einem reichen Land wie Deutschland Armut ein Thema. Armut ist in Deutschland jedoch eine relative Größe. Nach einer Definition der Europäischen Kommission von 1981 gilt als arm, wessen Einkommen nur 50 Prozent oder weniger des durchschnittlichen Haushaltseinkommens beträgt. Mehr als drei Millionen Menschen - das sind 11 Prozent aller Haushalte – gelten als "einkommensarm". Sie verfügen pro Monat über weniger als 1450 Mark netto.

Keine absolute Armut

3,7 Prozent der Bevölkerung in den alten und 2,7 Prozent in den neuen Bundesländern seien von Zuschüssen des Sozialamtes abhängig, so der Präsident des Diakonischen Werkes, Jürgen Gohde. Doch insgesamt hätten doppelt so viele Bürger Anspruch auf Hilfe, würden diese jedoch bei den Sozialämtern nicht geltend machen. Diese so genannten "verdeckt Armen" schämten sich zu sehr. Gohde warnt vor steigender Armut. Sie führe zu sozialer Ausgrenzung der Betroffenen.

Ein stark wachsendes Problem ist auch die Überschuldung in Deutschland. Die Anzahl der Fälle im Jahr wurde 1999 auf 2,8 Millionen geschätzt. Damit sind rund sieben Prozent der bundesdeutschen Haushalte überschuldet. Besonders dramatisch ist diese Entwicklung bei den Jugendlichen: So waren 1999 in den alten Bundesländern rund 20 Prozent, in den neuen Bundesländern rund 14 Prozent bereits verschuldet.

Absolute Armut gibt es in Deutschland schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Nach der Definition der Vereinten Nationen gilt als arm, wer weniger als einen US-Dollar am Tag zum Leben hat. Weltweit betrifft das rund 1,2 Milliarden Menschen.