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PolitikIran

Atempause für den Iran und die Golfstaaten

19. Juni 2026

Vier Monate Krieg haben das Verhältnis zwischen dem Iran und den Golfstaaten grundlegend verändert. Das Misstrauen wächst, obwohl sie aufeinander angewiesen sind.

Oman Musandam 2026 | Schiffe in der Straße von Hormus
Blick von der omanischen Seite auf die Straße von Hormus unter iranischer KontrolleBild: REUTERS

Aufatmen am Golf - Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran ist zumindest vorerst beendet. Knapp vier Monaten hatten beide Länder einander bekämpft. Später wurden auch andere Länder in der Golf-Region in die Kampfhandlungen hineingezogen. Immer wieder hatte der Iran auch die arabischen Staaten beschossen. Seine Ziele waren die dortigen US-Einrichtungen, vor allem die militärischen Stützpunkte. Im Visier waren auch Industrieanlagen der Golfstaaten, insbesondere solche, die mit der Erdölwirtschaft in Zusammenhang stehen.

Die Golfstaaten sehen nun ihre Beziehungen zu den USA, aber auch zum Iran mit neuen Augen, hieß es jetzt. Das Vertrauen in den US-Schutzschirm schwinde, meldet die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf ungenannte Quellen aus den Golfstaaten. Der Iran werde als dauerhaft bestehende Regionalmacht gesehen.  Jede Deeskalation sei zwar zu begrüßen, die Lage sei heute jedoch eindeutig schlechter als vor dem Krieg, zitiert Reuters einen hochrangigen Regierungsvertreter eines Golfstaates.

Auch nach der vorläufigen Einigung sind aus Teheran bislang keine Signale einer grundlegenden Kursänderung gegenüber seinen Nachbarn zu hören. Vielmehr betont die iranische Führung, den Krieg politisch überstanden zu haben. Diplomaten und Analysten aus den Golfstaaten zufolge gehe der Iran zwar wirtschaftlich und militärisch geschwächt, politisch aber intakt aus dem Krieg hervor. Das Land habe seine politischen Strukturen bewahrt und verfüge weiterhin über die Fähigkeit, die Golfstaaten sowie die globalen Energieflüsse unter Druck zu setzen. Die Botschaft aus Teheran lautet: Der Iran sieht sich weiterhin als regionalen Machtfaktor, mit dem die Golfstaaten auch künftig rechnen müssen.

Satellitenfoto zeigt die Rauchwolke der Aramco-Ölanlage in Saudi-Arabien nach iranischem Luftangriff am 8. April 2026Bild: European Union/Copernicus Sentinel-2/REUTERS

Kein Interesse an erneuter Konfrontation

Weder die Golfstaaten noch der Iran scheinen ein Interesse an einer erneuten militärischen Eskalation zu haben. Gleichzeitig hat der Krieg das gegenseitige Misstrauen erheblich vertieft. "Grundsätzlich hat dieser Konflikt die gegenseitige Annäherung stark beschädigt, wenn nicht sogar zerstört", sagt der Golfstaaten-Experte Sebastian Sons vom Bonner Think Tank Center for Applied Research in Partnership with the Orient (CARPO) im DW-Interview. Vor allem Saudi-Arabiens Annäherung an Teheran habe einen Rückschlag erlitten. Beide Staaten konnten erst 2023 unter chinesischer Vermittlung diplomatische Beziehungen nach sieben Jahren Unterbrechungen normalisieren. "Die Frustration gegenüber dem Iran ist deutlich gewachsen", so Sons.

Ähnlich argumentiert der Friedens- und Konfliktforscher Conrad Schetter vom Think Tank Bonn International Center for Conflict Studies (bicc). Zwar seien die Angriffe für viele Staaten am Golf ein Schock gewesen, aber "die gemeinsamen Interessen werden dazu führen, dass die Beziehungen trotz aller Konflikte nicht vollständig abbrechen", sagt Schetter im DW-Interview. Alle Staaten seien an wirtschaftlicher Prosperität und stabilen politischen Verhältnissen interessiert.

Reeder hoffen auf Öffnung der Straße von Hormus

02:35

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Iran: kleiner Aufwand, große Wirkung

Auch der Iran hat aus dem Krieg Lehren gezogen. Für Schetter waren die Angriffe auf die Golfstaaten vor allem strategisch motiviert. "Der Iran wollte deutlich machen: 'Ohne uns funktioniert die Region nicht.'" Die Angriffe hätten gezeigt, dass Öl- und Gasexporte, aber auch Handel und Tourismus in der Region verwundbar bleiben. Ähnlich sieht es Sebastian Sons: "Die Golfstaaten waren für den Iran ein vergleichsweise leichtes Ziel." Mit begrenztem militärischem Aufwand habe Teheran erhebliche politische und wirtschaftliche Wirkung erzielt.

Der Iran werde künftig stärker auf solche direkten Druckmittel setzen, davon geht die britische Denkfabrik Chatham House aus. Die Verwundbarkeit der Golfmonarchien durch den Krieg sei für den Iran sichtbar geworden. Teheran wolle weiterhin ein starker Akteur der regionalen Machtpolitik bleiben.

Der iranische Präsident Peseschkian hat am Donnerstag (18.6.26) die Absichtserklärung zum Ende des Kriegs in Teheran unterschrieben Bild: Iran's Presidential website/WANA/REUTERS

Golfstaaten werden pragmatischer

Gleichzeitig spricht vieles dafür, dass die Golfstaaten ihre Politik gegenüber dem Iran pragmatischer gestalten werden. "Die Diskussion bewegt sich zwischen Dialog und Abschreckung", sagt Sebastian Sons. Das sunnitische Saudi-Arabien, das als der starke Wettbewerber zum schiitischen Iran gilt, habe zum Beispiel seine diplomatischen Beziehungen zu Teheran trotz der Angriffe nicht abgebrochen. Oman und Katar stünden weiterhin in engem Kontakt mit der iranischen Führung. Die Golfstaaten seien gezwungen, eine Doppelstrategie zu verfolgen: Abschreckung dort, wo es nötig erscheint, und Dialog dort, wo er möglich ist.

Und die Sicht der Golfstaaten auf die neue US-Regierung hat sich geändert. "Diese Beziehungen sind heute ausgesprochen widersprüchlich", sagt Sons. Zwar blieben die USA ein wichtiger sicherheitspolitischer Partner. Gleichzeitig habe der Krieg gezeigt, wie begrenzt die amerikanischen Möglichkeiten seien, die Golfstaaten zu beschützen. Schetter zieht daraus eine ähnliche Schlussfolgerung: "Die Golfstaaten mussten erleben, dass die USA sie nicht wirksam schützen konnten". Er erwartet deshalb eine stärkere Aufrüstung, Investitionen in die Luftverteidigung und den Versuch, neue Landrouten für den Öl- und Gasexport zu erschließen und so nicht von der Straße von Hormus abhängig zu sein.

Iran wurde gestärkt

"Trotz militärischer Schläge geht das Land politisch gestärkt aus dieser Krise hervor", sagt Conrad Schetter. Neue Allianzen in der Region seien möglich. Als sicher gelte, dass Teheran selbstbewusster auftreten werde.

In diesem Hintergrund seien weder Aussöhnung noch offene Konfrontation zwischen dem Iran und seinen Nachbarländern denkbar, darin sind sich die Experten einig. Wahrscheinlicher sei eine nüchterne Koexistenz: mehr Misstrauen als früher, aber auch mehr Dialog; mehr Abschreckung, aber zugleich mehr Bemühungen um Verständigung. Beiden Seiten sei vor Augen geführt worden, wie hoch die Kosten einer Eskalation wären.

Kersten Knipp Politikredakteur mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika
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