Atomkraft in Afrika: Von großen Plänen und großen Hürden
26. März 2026
Kaum eine Technologie hat ein derartiges Auf und Ab hinter sich wie die Atomkraft: In den 1950ern boomte die friedliche Nutzung der Kernspaltung, die im Militärischen bis heute als ultimative Abschreckung gilt. Reaktorunfälle in Three Mile Island (USA, 1979), Tschernobyl (Sowjetunion, 1986) und Fukushima (Japan, 2011) dämpften die Euphorie und riefen vielerorts Atomkraft-Gegner auf den Plan. In jüngerer Zeit wird Kernkraft als im Betrieb CO2-freie und damit klimafreundliche Alternative zu den Erneuerbaren angepriesen.
Auch in Afrika wollen einige Regierungen neue Atomkraftwerke bauen. Schon jetzt ist sicher: Das einzige afrikanische Atomkraftwerk - zwei Reaktoren im südafrikanischen Koeberg - bekommt Gesellschaft. Doch wie weit die neue Euphorie tatsächlich trägt, ist ungewiss.
Atomare Träume in Afrika - von "sicher" bis "unrealistisch"
Der südafrikanische Journalist Tristen Taylor hat 2025 die Atom-Ambitionen afrikanischer Länder eingehender untersucht. Sein Bericht wurde vom Kapstädter Büro der deutschen Heinrich-Böll-Stiftung, die der Partei Bündnis 90/Die Grünen nahe steht, veröffentlicht.
Der afrikanische Kontinent ist für die weltweite Atomindustrie und insbesondere die Anbieter aus Südkorea, China und Russland ein Wachstumsmarkt, sagt Taylor im DW-Interview: "Sie sind sehr interessiert, wo immer eine afrikanische Regierung in der Lage ist, ein Projekt auszuschreiben." Bei den dafür erforderlichen Vorbereitungen helfe die Internationale Atomenergiebehörde IAEA.
Die besten Aussichten, mittelfristig einen Reaktor zu erwerben, hat laut Taylors Bericht Ägypten - dort hat der staatliche russische Atomkonzern Rosatom bereits 2022 begonnen, das AKW El Dabaa zu errichten. Als völlig unrealistisch und rein geopolitisch motiviert bewertet Taylor die Atom-Träume etwa der Sahel-Staaten Niger, Mali und Burkina Faso - und das, obwohl sie bereits Vereinbarungen mit Rosatom unterzeichnet haben.
"Ein Nuklear-Abkommen mit Russland abzuschließen, bedeutet hauptsächlich politische Unterstützung durch Russland", argumentiert Taylor. "Man muss bedenken, dass solche Vereinbarungen ständig unterschrieben werden. Ein einzelnes Nuklear-Abkommen bedeutet noch nichts - erst wenn sie über einen längeren Zeitraum entstehen und auch etwas passiert, kann man von Bewegung sprechen."
Südafrika: Alte Meiler und neue Pläne
Ganz im Süden Südafrikas, in Sichtweite des Tafelbergs, steht Afrikas bis dato einziges Atomkraftwerk. Die beiden Reaktoren in Koeberg, unweit der Fünf-Millionen-Einwohner-Metropole Kapstadt, wurden unter dem Apartheid-Regime von einem französischen Konsortium gebaut und Mitte der 1980er-Jahre in Betrieb genommen. Sie produzierten zuletzt rund 4 Prozent des südafrikanischen Stroms.
2024 beziehungsweise 2025 wurde die Betriebserlaubnis für beide Reaktoren nacheinander um jeweils 20 Jahre verlängert - und das, obwohl aus Sicht von Umweltaktivisten beim Reaktor Koeberg-2 offene Fragen blieben.
Francesca de Gasparis, Geschäftsführerin der Nichtregierungsorganisation SAFCEI, die sich im Namen verschiedener Glaubensrichtungen im Umweltbereich engagiert, führt das auf politischen Druck und auf Schwierigkeiten beim ramponierten staatlichen Stromkonzern Eskom zurück: "In anderen Ländern, in denen die Risiken ernstgenommen werden, gibt es Wartungsüberprüfungen, die sicherstellen, dass auch die Überwachungstechnik auf dem Stand ist und die Lehren von Fukushima und anderer Unglücke einpreist", sagt de Gasparis im DW-Interview. In Koeberg sei all das nicht passiert, und die Unterlagen wiesen große Lücken auf.
Derzeit treibt Eskom die Planungen für neue Atomkraftwerke voran. Am weitesten gediehen sind Vorbereitungen für ein 4000-MW-Kraftwerk am Standort Duynefontein, unweit Koeberg. Auch hier bemängelt de Gasparis Intransparenz und eine veraltete Datengrundlage.
Eskom stellte der DW Antworten auf Fragen zur Reaktorsicherheit in Aussicht. Eine Stellungnahme ist bis zum Redaktionsschluss für diesen Artikel jedoch nicht eingegangen.
Ghana: doppeltes Wagnis
Weit vorangeschritten sind die Planungen auch im westafrikanischen Ghana: Ein finaler Vertragschluss mit einem der Anbieter aus Frankreich, China, Südkorea, Russland oder den USA ist zwar noch nicht publik, doch in Berichten wird bereits 2027 als möglicher Baubeginn genannt. Neben einem konventionellen Atomkraftwerk will Ghana auch ein sogenanntes SMR.
"Small Modular Reactors" sind wesentlich kleiner und versprechen einfacheren Betrieb und geringere Sicherheitsrisiken. Bislang ist jeder der weltweit mehr als 650 herkömmlich fertiggestellten Reaktoren ein Unikat und birgt somit individuelle Gefahren. Auch deshalb ist der Preis pro Kilowattstunde für Atomkraft deutlich höher als für die sehr günstig gewordenen erneuerbaren Ernergiequellen Wind, Sonne und Wasser, wie etwa europäische Daten (siehe Infografik) zeigen. Diese Lücke sollen SMRs durch Serienfertigung verkleinern. Doch bislang existieren nur Prototypen - und so setzen Ghana, aber auch Länder wie Ruanda auf ein Zukunftsversprechen.
Anfang März bemängelte der Chef der ghanaischen Atomgesellschaft Nuclear Power Ghanagegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur GNA, dass wichtige vorbereitende Studien etwa zum Netzausbau nicht finanziert seien. Ohne diese könne man jedoch nicht in die nächste Projektphase voranschreiten.
Ghanas Atomenergiekommission GAEC und die Regulierungsbehörde NRA haben bis zum Redaktionsschluss für diesen Artikel nicht auf die Fragen der DW geantwortet.
Kenia: Ambitionierter Zeitplan mit neuem Standort
In Kenia stellte Präsident William Ruto auf einer Atomenergie-Konferenz in Nairobi Ende März einen ambitionierten Zeitplan vor: Schon im nächsten Jahr soll in Siaya nahe der Grenze zu Uganda am Victoriasee der Bau eines 2000-MW-Atomkraftwerks beginnen, 2034 soll die Anlage in Betrieb genommen werden. In der Branche sind mehrjährige Bauverzögerungen oder Kostenexplosionen keine Seltenheit.
Tristen Taylors Bericht stuft Kenias Atom-Ambitionen nur als "mittel" ein, auch weil das Kabinett Anfang 2025 im allgemeinen Sparzwang die Auflösung der nationalen Atombehörde NuPEA beschloss. Diese ist aber bis heute nicht wirksam, weil der Beschluss nie durchs Parlament bestätigt wurde. Ruto hingegen stellte in seiner Rede neue Jobs, industrielles Wachstum und sogar eine Senkung des Strompreises durch das geplante Atomkraftwerk in Aussicht.
Die kenianische Umweltaktivistin Phyllis Omido fordert im DW-Interview: "Wir brauchen eine zusammenhängende Studie, welche Auswirkungen das Atomkraftwerk auf Gemeinden hätte, die auf den Fischfang am Victoriasee angewiesen sind." Außerdem befürchtet sie, dass der Transport von Brennelementen quer durch das ganze Land viele Gefahren für Anwohner bergen könnte.
Die "Right Livelihood"-Preisträgerin hat sich mit ihrer Organisation CGJEA jahrelang gegen ein Atomkraftwerk im Küstenort Kilifi gewehrt und prangert seit Jahren Einschüchterungsversuche gegen ihre Organisation an. Insgesamt wirft sie den staatlichen Stellen eine zu sorglose Kommunikation vor: "Sie sagen den Anwohnern nichts über darüber, was es bedeutet, Standort eines Kernkraftwerks zu sein, besonders was die Gefahren sind."
Die ungelöste Atommüll-Frage
Alle afrikanischen Projekte haben, wie übrigens fast alle Atomkraftwerke weltweit, gemeinsam: Es gibt keine abschließende Antwort auf die Frage, wo der in den Reaktoren anfallende radioaktiv strahlende Müll über Jahrtausende sicher gelagert werden soll.
"Wir sind gegen Atomkraft, solange sie uns keine greifbare Lösung präsentieren, was mit den Abfällen geschehen soll. Kenia hat nicht die Kapazitäten dafür", sagt Omido. "Den Müll einfach in den Gemeinden zu verbuddeln, ist keine Lösung."
Südafrika lagert seinen Atommüll in Vaalputs in der dünn besiedelten Region Nordkap, in der einzigen Einrichtung dieser Art in ganz Afrika. Sie ist jedoch nur für schwach und mittelstark kontaminierte Abfälle zugelassen; verbrauchte Brennelemente lagern in Koeberg zwischen. Bis 2065 will die Regierung ein Endlager in Betrieb nehmen, was Aktivisten anzweifeln.
"Es gibt keine einfache Lösung für stark strahlenden Atommüll", sagt SAFCEI-Chefin Francesca de Gasparis. "Und deshalb sollten wir nicht planen, noch viel mehr davon zu produzieren und damit ein noch größeres Problem in die Zukunft zu verlagern."