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PolitikEuropa

Von der Leyen: Abkehr von Atomkraft war strategischer Fehler

10. März 2026

Die EU-Kommissionspräsidentin schwärmt in den höchsten Tönen von der Kernenergie. Frankreichs Präsident Macron leistet Schützenhilfe. Doch Bundesumweltminister Schneider spricht von einer "rückwärtsgewandten Strategie".

Frankreich Paris 2026 | Ursula von der Leyen spricht beim IAEO-Kernenergiegipfel
"Europa will an dieser Renaissance teilhaben": EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen beim KernenergiegipfelBild: Abdul Saboor/AP Photo/Reuters/dpa/picture alliance

Die Europäische Union will den Ausbau der Kernenergie fördern, um eine erschwingliche und klimafreundliche Stormversorgung für Industrie und Haushalte sicherzustellen. "In den letzten Jahren erleben wir eine weltweite Renaissance der Kernenergie", sagte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf einem Atomenergie-Gipfel in Frankreich. "Und Europa will an dieser Renaissance teilhaben."

Zugleich kündigte sie künftige Risiko-Absicherungen der EU in Höhe von 200 Millionen Euro für private Geldgeber an, die in neue Atomtechnologien investieren. "Die Mittel dafür werden aus unserem Emissionshandel kommen", sagte die CDU-Politikerin in Boulogne-Billancourt bei Paris.

"Eine der zuverlässigsten Quellen für emissionsarmen Strom"

Von der Leyen bedauerte das Schrumpfen des Anteils an Atomkraft am europäischen Energiemix. 1990 stammte etwa ein Drittel des europäischen Stroms aus Kernenergie, wie sie vorrechnete - heute seien es nur knapp 15 Prozent. "Ich glaube, dass es für Europa ein strategischer Fehler war, einer zuverlässigen, bezahlbaren Quelle für emissionsarmen Strom den Rücken zu kehren", so von der Leyen. Gerade die Krise im Nahen Osten zeige, wie wichtig es sei, sich nicht von Energieimporten abhängig zu machen.

Die Kommissionspräsidentin legte eine Strategie für kleine modulare Reaktoren (SMR) vor. Diese sollten neben herkömmlichen Kernreaktoren eine Schlüsselrolle spielen im Bemühen um eine flexible, sichere und effiziente Energieversorgung. Um die Entwicklung der Mini-Atomreaktoren voranzutreiben, müssten Vorschriften über die Grenzen hinweg angeglichen werden. Bis Anfang der 2030er Jahre solle die neue Technologie einsatzbereit sein.

"Müssen im Rennen bleiben": Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (Archivbild)Bild: John Thys/AFP

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron rief zu mehr Investitionen in Kleinreaktor-Projekte auf. "Unsere amerikanischen Freunde, die Kanadier und Chinesen sind bei diesen Innovationen an vorderster Front - die Europäer müssen im Rennen bleiben", sagte der Gastgeber. Auch auf EU-Ebene müsse die Unterstützung verbessert werden, "um den Erfolg neuer Nuklearvorhaben ebenso sicherzustellen wie den der erneuerbaren Energien". Der französische Staatschef wiederholte damit seine bekannte Forderung, Atomenergie und erneuerbare Energien gleichzustellen.

"Der Beschluss ist irreversibel"

Doch die Schlagzeilen vom Atomgipfel, an dem Vertreter von rund 40 Staaten und Organisationen teilnahmen, sorgten nicht überall für Begeisterung. Der deutsche Regierungschef Friedrich Merz sagte nach einem Treffen mit dem tschechischen Ministerpräsidenten Andrej Babiš, er persönlich teile zwar die Einschätzung seiner Parteikollegin von der Leyen. Doch frühere Bundesregierungen hätten entschieden, aus der Kernenergie auszusteigen. "Der Beschluss ist irreversibel. Ich bedauere das, aber es ist so."

Bundesumweltminister Carsten Schneider warf von der Leyen gar eine "rückwärtsgewandte Strategie" vor. Es spreche Bände, dass der Kern dieser Strategie aus neuen Subventionen für Kernkraftwerke bestehe, so der Politiker der Koalitionspartei SPD.

"Sauberer Strom produziert keinen strahlenden Müll"

"Wenn eine Risikotechnologie nach einem dreiviertel Jahrhundert noch immer am staatlichen Tropf hängt und es längst bessere Alternativen gibt, sollte man daraus Konsequenzen ziehen." Noch mehr Steuergeld dürfe dafür jedenfalls nicht ausgegeben werden. "Sauberer, ungefährlicher Strom aus Wind und Sonne ist günstiger, treibt längst die Energiewende an und produziert keinen strahlenden Müll", erklärte Schneider.

Soll dieses Jahr in Betrieb gehen: Linglong One in der südchinesischen Provinz Hainan, nach Betreiberangaben der erste kommerzielle kleine modulare Reaktor (Archivbild)Bild: China National Nuclear Corporation/Handout via Xinhua/picture alliance

Als SMR (nach der englischen Bezeichnung Small Modular Reactor) werden Atomkraftwerke bezeichnet, die eine deutlich geringere Leistung haben als herkömmliche Anlagen und deren Komponenten in einer Fabrik in Serie gefertigt werden. Diese kleinen Meiler gelten Befürwortern als Alternative zu herkömmlichen großen AKW. Atomkraftgegner fürchten indes neue Risiken durch eine Vervielfachung der Anlagenzahl, was Kontrollen erschwere, sowie durch neuartige radioaktive Abfälle.

Unter der Bezeichnung SMR versteht man unterschiedlichste Konzepte hinsichtlich Bauart und Funktionsprinzip; bestehende Definitionen sind eher unscharf. China und Russland haben bereits erste SMR-Anlagen in Betrieb genommen, wobei es sich allerdings um Demonstrationsobjekte oder um Abwandlungen etwa von Schiffsreaktoren handelt.

jj/pgr (dpa, afp, rtr)

Redaktionsschluss: 18:00 Uhr (MEZ) - dieser Artikel wird nicht weiter aktualisiert.

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