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PolitikEuropa

AKW Saporischschja: Angst vor GAU in Ukraine

Stuart Braun
12. August 2022

Die UN fordern eine Sicherheitszone für Saporischschja, um eine nukleare Katastrophe zu verhindern. Das Kernkraftwerk ist seit März von russischen Truppen besetzt. Moskau hat nun offenbar einer Inspektion zugestimmt.

Das Kernkraftwerk Saporischschja in der Ukraine verfügt über sechs Blöcke
Mit sechs Blöcken ist das AKW Saporischschja in der Ukraine das größte Kernkraftwerk EuropasBild: Dmytro Smolyenko/imago images

Das russische Verteidigungsministerium hat erklärt, dass es das ukrainische Kernkraftwerk Saporischschja möglicherweise abschalten muss. Zuvor hatte es die Ukraine beschuldigt, die Anlage beschossen zu haben. Kiew bestritt, das größte Atomkraftwerk Europas angegriffen zu haben, das seit März von russischen Truppen besetzt wird. 

"Ich habe keinerlei bestätigte Beweise für einen Beschuss des Kraftwerks durch das ukrainische Militär gesehen", sagt Shaun Burnie, Nuklearexperte bei Greenpeace, der letzten Monat in der Ukraine war, um das Atomkraftwerk Tschernobyl zu überwachen.

Igor Kirillow, Leiter der russischen ABC-Abwehrtruppen, sagte jedoch in einem Briefing, dass die Reservesysteme der Anlage durch den Beschuss beschädigt worden seien. Er fügte hinzu, dass sich radioaktives Material im Falle eines Unfalls über Deutschland, Polen und die Slowakei verbreiten könne. Drei der vier Übertragungsleitungen des Kraftwerks waren Berichten zufolge am vergangenen Wochenende "ausgefallen", wahrscheinlich aufgrund von Angriffen, so Burnie von Greenpeace. Sollte die verbleibende Übertragungsleitung ausfallen, wäre das Kraftwerk anfällig für einen Stromausfall, was das Risiko einer Kernschmelze erheblich erhöht.   

Die Notstromdieselgeneratoren und -batterien des Kraftwerks reichen nicht aus, um die sechs Reaktoren plus mehrere Becken mit hochradioaktivem abgebranntem Brennstoff zu kühlen, so Burnie: "Es ist eine unglaublich ernste Situation".

"Nukleare Erpressung"

In der Zwischenzeit wurde Russland erneut beschuldigt, die Anlage als Schutzschild für Angriffe zu nutzen. Der ukrainische Präsident Wolodomyr Selenskyj bezeichnete das Vorgehen Russlands als "unverhohlene nukleare Erpressung". Eine Nutzung der Anlage auf diese Weise würde gegen die Genfer Konvention verstoßen, die besagt, dass besondere Vorsicht geboten ist, wenn sich "Anlagen mit Gefahrstoffen" in der Nähe von Kampfhandlungen befinden. Berichten zufolge befinden sich derzeit etwa 500 russische Soldaten auf dem Gelände.

"Die Anlage darf nicht als Teil einer Militäroperation genutzt werden", sagte UN-Generalsekretär Antonio Guterres in einer Erklärung nach einer Sitzung des Sicherheitsrats in der vergangenen Woche. "Stattdessen ist eine dringende Einigung auf technischer Ebene über eine sichere entmilitarisierte Zone erforderlich, um die Sicherheit des Gebietes zu gewährleisten."

Bisher wurden keine ernsthaften Schäden oder Freisetzungen radioaktiver Strahlung festgestellt, und es bestehe "keine unmittelbare Bedrohung" für die Sicherheit der Anlage infolge der Kämpfe. Dies könne sich jedoch jederzeit ändern, erklärte der Leiter der Internationalen Atomenergiebehörde, Rafael Grossi, am 12. August vor dem UN-Sicherheitsrat.

Abtrennung vom ukrainischen Stromnetz?

Der staatliche ukrainische Stromversorger Energoatom hat die russischen Besatzungstruppen beschuldigt, das Kernkraftwerk Saporischschja mit dem Ziel angegriffen zu haben, es vom ukrainischen Stromnetz abzutrennen.

"Der Artilleriebeschuss des Kernkraftwerks Saporischschja ist ein terroristischer Akt, der darauf abzielt, die Infrastruktur des Kraftwerks zu zerstören, alle Stromleitungen zu unterbrechen, die Strom in das ukrainische Stromnetz einspeisen, und den Süden des Landes von der Stromversorgung abzuschneiden", schrieb Energoatom am 6. August in einem Telegram-Post.

Die neueste Drohung, das Kraftwerk abzuschalten, deckt sich mit der Einschätzung, dass Russland laut Burnie versuchen könnte, das Kraftwerk an das Netz auf der Krim, die es 2014 besetzt hatte, und möglicherweise an die Russische Föderation anzuschließen.

Zu Spitzenzeiten lieferte allein die Anlage in Saporischschja zehn Prozent der Energie in die Ukraine. "Es ist von strategischer Bedeutung für das russische Militär", sagte Burnie.

Russische Besatzung gefährdet nukleare Sicherheit 

"Stimmt es, dass Sprengmittel und anderes Material in der Nähe der Reaktoren gelagert wird?", fragte Rafael Grossi. Laut Berichten könnten Raketen und andere Waffen von der Anlage aus abgefeuert werden, ein Gegenangriff ist jedoch wegen der extremen Gefahr unmöglich.  

IAEO-Chef Grossi zeigte sich auch besorgt darüber, dass das ukrainische Personal unter dem Kommando der russischen Besatzer in Saporischschja eventuell nicht in der Lage sei, seine Aufgaben ordnungsgemäß zu erfüllen, und dass es Gewaltandrohungen ausgesetzt sein soll. 

Kameraaufnahmen zeigen einen Angriff auf das AKW SaporischschjaBild: Zaporizhzhya NPP/REUTERS

Grossi sagte, notwendige Ausrüstungsteile, darunter Ersatzteile für die Wartung der Reaktoren, könnten derzeit aufgrund unterbrochener Lieferketten nicht geliefert werden.

Anlage weiter "extrem gefährdet" 

Auch Shaun Burnie von Greenpeace betonte, dass es sehr wichtig sei, dass die geschulten einheimischen Mitarbeiter weiter sicher in dem Kraftwerk arbeiten können. Russland habe zwar mehr als doppelt so viele Reaktoren wie die Ukraine, doch die meisten davon seien ältere Modelle. Das bedeute, dass die dortigen Ingenieure nicht über das Fachwissen verfügten, um die neuere Technologie in Saporischschja zu betreiben, erklärte Burnie.

Lokales Personal wird auch im Fall der regelmäßigen stattfindenden Überschwemmungen durch den nahegelegenen Dnjepr-Fluss benötigt. Das Wasser könnte Dämme und die Kühlwasserspeicher für die Reaktoren beschädigen.

Der Ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba hat die IAEO erneut aufgefordert, so schnell wie mögliche eine Inspektion der Anlage vorzunehmen. Auch der russische UN Botschafter, Vassily Nebenzia erklärte inzwischen, die IAEO solle das Gelände möglichst noch diesen Monat besuchen.  

"Ich habe versucht, eine technische Mission unter meiner Leitung zusammenzustellen, die sich vor Ort mit einer Reihe von Problemen befassen soll", sagte IAEO Chef Grossi der DW bereits Ende Juli. Doch eine Inspektion wird schwierig, solange die Kämpfe andauern.  

Bearbeitet von: Jennifer Collins

Dieser Artikel vom 3. August wurde zuletzt am 12. August aktualisiert und aus dem Englischen übersetzt.

Stuart Braun Australischer DW-Journalist und Buchautor.