1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Attacken auf kritische Infrastruktur: Verunsicherung steigt

4. September 2026

Die steigende Zahl von Angriffen auf Umspannungswerke und Bahnstrecken in Deutschland beunruhigen zunehmend die Bevölkerung. Experten sagen allerdings: Die Menschen müssen sich darauf einstellen, dass das so bleibt.

Ein Dutzend Polizisten vor einem Umspannwerk
Polizisten am Umspannwerk in Bergheim nach dem Sabotageversuch am Stromnetz Bild: Thilo Schmuelgen/REUTERS

Dienstagmorgen in dieser Woche: Bislang Unbekannte versuchen, die Stromversorgung nahe dem wichtigen Kohlekraft in Jänschwalde in Brandenburg anzugreifen, teilweise gelingt ihnen das sogar. Am gleichen Tag am Abend kommt es nach vermuteter Sabotage zu einer Störung ebenfalls an einem Umspannwerk nahe Köln.

Am Mittwoch dann ereignet sich in der Nähe des Bahnhofs der bayrischen Stadt Augsburg eine Explosion, nach Angaben der Ermittler ausgelöst von einer Handgranate. Und weiter: In der Nacht zum Donnerstag werden mehrere Brandsätze auf eine Baustelle in München geworfen, ganz in der Nähe befinden sich mehrere Rüstungsunternehmen. Am Donnerstag Abend schließlich wird ein verdächtiger Gegenstand an einem Umspannwerk in Dormagen zwischen Köln und Düsseldorf gefunden. Den Ermittlern liege ein Bekennerschreiben vor, heißt es.

In diesem Jahr schon 160 Attacken auf die kritische Infrastruktur

Gemein ist allen Ereignissen: Die Attacken richten sich offenbar gegen die so genannte kritische Infrastruktur. Also gegen Anlagen zur Energieversorgung, gegen die Bahn, gegen Unternehmen, die für die Sicherheit des Landes eine große Bedeutung haben, gegen Rüstungsunternehmen. Alle zusammen können kaum vollständig geschützt werden. Medien berichten aus einem internen Papier, wonach das Bundeskriminalamt allein in diesem Jahr bereits 160 potenzielle Sabotageakte und mehr als 700 verdächtige Drohnen-Sichtungen registriert habe. 

In der Bevölkerung wächst die Beunruhigung

Auch wenn die genauen Hintergründe jedes einzelnen Ereignisses unklar sind: In der Bevölkerung bewirken sie ein Gefühl der ständigen Bedrohung, auch durch die rasche zeitliche Abfolge. Die DW hat Menschen auf der Straße in Berlin befragt.

Eine Frau beschreibt ihre spontane Reaktion: "Angst, ich habe gerade mit meinem Kollegen gesprochen: Es verunsichert mich sehr. Ich mache mir viele Gedanken da drüber und gleichzeitig spricht auch niemand darüber. Ob es die Angst ist, und man es gern verdrängen möchte?"

Is Germany's civil defense prepared for crisis?

14:31

This browser does not support the video element.

Ein Mann ergänzt: "Wir müssen uns erstmal darüber bewusst werden, dass da etwas passiert, dass wir angegriffen werden. Ich habe sehr enge Beziehungen zu Russland, ich habe sehr enge russische Freunde, und es tut sehr, sehr weh, wenn man sieht, was da passiert."

Und für einen weiteren Mann steht fest: "Mir macht aber nicht nur die Gefahr Sorgen, dass weitere Angriffe geschehen, sondern, dass daraus jetzt eine Stimmung erzeugt wird der Unsicherheit, der Verunsicherung der Bevölkerung. Und das erscheint mir gerade in einem Monat mit so vielen wichtigen Wahlen nicht richtig."

Eiszeit zwischen Deutschland und Russland

Dass vielen Menschen, angesprochen auf die Häufung der Attacken, gerade Russland einfällt, hat einen Grund. Ebenfalls in dieser Woche, am Dienstag, gingen Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) vor die Presse und teilten mit: Die deutsche Regierung ist sich sicher, dass hinter dem versuchten Drohnenangriff auf dem Flughafen Halle/ Leipzig am 4. August russische Kräfte stecken.

"Russland Verursacher des gescheiterten Drohnenangriffs am Leipziger Flughafen" - Wadephul und DobrindtBild: Kay Nietfeld/dpa/picture alliance

Die Regierung reagierte und kündigte an, das russische Generalkonsulat in Bonn und das Russlandhaus in Berlin zu schließen. Moskau wiederum will als Reaktion das Goethe-Institut in Moskau schließen. Eiszeit also zwischen Deutschland und Russland.

"Wie sind nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden", hat Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)  bereits im vergangenen Jahr gesagt. Fakt ist: Deutschland zählt seit Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine im Frühjahr 2022 zu den stärksten Unterstützern der Ukraine – finanziell und militärisch, obwohl schon die Vorgängerregierung und auch die jetzige stets beteuert haben, nicht selbst Kriegspartei zu sein.

Deutschlands Ukraine-Unterstützung als Motiv?

Ebenfalls seit dieser Zeit wird die Bundeswehr, lange Jahre davor immer weiter reduziert, im hohen Tempo wieder aufgerüstet: Als Antwort auf eine mögliche Bedrohung von russischer Seite auch in Mitteleuropa. Nicht im Krieg und nicht im Frieden: Sönke Marahrens, Oberst der Bundeswehr und Sicherheitsexperte der Christian-Albrechts-Universität in Kiel glaubt, es wäre besser, dass sich die deutsche Bevölkerung auf diese neue Form der Konfrontation einstellt, wer auch immer dafür verantwortlich sei.

Er sagt der DW: "Hybride Kriegsführung oder hybride Aktivitäten sind meiner Meinung nach dasselbe, weil sie sich der gleichen Mittel bedienen. Fremde Staaten oder Organisationen verfolgen ihre strategischen Interessen, ohne sich um Diplomatie zu bemühen. Das kann Sabotage bedeuten, Desinformation und Attacken auf die kritische Infrastruktur." Aber auch der Wissenschaftler betont: Von einem Kriegszustand könne kaum die Rede sein.

"Es gibt immer mehr hybride Kriegsführung, aber wir sind nicht im Krieg" - Sönke MarahrensBild: -/dts-Agentur/picture alliance

Private Unternehmen sollen ihre Infrastruktur besser schützen

Aber jedes dieser Ereignisse sofort und unmittelbar der russischen Seite zuzuschreiben, ist zu einfach. Zu Jahresbeginn etwa fiel nach einer Attacke auf eine Kabelbrücke im Südwesten Berlins für mehrere Tage der Strom aus. In bitterer Kälte waren hunderttausende Menschen davon betroffen. Vermutet werden hinter dem Anschlag, der noch nicht aufgeklärt ist, linksextreme Kräfte.  

Der Stromausfall in Berlin und die Folgen

02:49

This browser does not support the video element.

Längst hat in Deutschland eine Debatte darüber begonnen, wie man auf solche Angriffe in Zukunft besser vorbereitet sein kann. Im Frühjahr hat die Regierung ein Gesetz erlassen, "Kritis" genannt, mit dem die Infrastruktur besser geschützt werden soll, das aber nach Ansicht vieler Experten nicht ausreichend ist.

Der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul (CDU) , verwies darauf, dass kritische Anlagen privater Unternehmen schon heute durchaus von Video-Kameras überwacht werden können, die Überwachung der unmittelbaren Umgebung aber Sache von Polizeibehörden sei. Reul sagte: "Wir sind ja bei Videoanlagen, überhaupt bei allen Fragen, wo es um Eingriffe in Bürgerrechte oder um Datenschutz geht, in Deutschland sensibel."

Reul regte an, die Unternehmen selbst müssten in die Sicherheit ihrer Anlagen mehr investieren. So ähnlich sieht das auch die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG). Deren Vorsitzender Heiko Teggatz erklärte, der Schutz kritischer Infrastrukturen sei nicht die originäre Aufgabe der Polizei, sondern zunächst Aufgabe der Betreiber selbst: "Wer die Verantwortung für die Sicherheit seiner Anlagen trägt, muss auch in deren Schutz investieren", so Teggatz. Es fehle nicht an technischen Möglichkeiten, sondern an konsequenten Investitionen, bemängelte er.

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen
Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen