Außenseiter und Angstgegner: WM-Kandidat Matthias Blübaum
25. März 2026
Weltmeister Blübaum? Auch wenn er in der internationalen Schach-Szene schon lange kein Unbekannter mehr ist: Dass der deutsche Großmeister in drei Wochen das Turnier der WM-Kandidaten gewinnt und dann gegen den indischen Weltmeister Gukesh Dommaraju um den Titel spielt, ist eher unwahrscheinlich.
Selbst der Schach-Bundestrainer Jan Gustafsson gibt seinem Spieler gerade einmal eine dreiprozentige Chance auf den Sieg auf Zypern. Doch für Blübaum ist die Außenseiter-Rolle kein Problem. "Es kann nur einziges Ziel geben, auch wenn man Underdog ist", sagt er der Deutschen Welle. "Man muss versuchen, um den ersten Platz zu spielen."
"Kein sehr starker Spieler"
Das wird sicher nicht einfach, denn Blübaum tritt gegen die ganz Großen im Schachsport an. Top-Favorit ist der frühere Vize-Weltmeister Fabiano Caruano aus den USA. Dazu kommen der Chinese Wei Yi und zum Beispiel die hochtalentierten Jungstars Praggnanandhaa Rameshbabu aus Indien und Javohir Sindarov aus Usbekistan.
Vierzehn Runden in drei Wochen stehen im Urlaubsort Pegia an der Westküste Zyperns auf dem Programm (28.3. bis 15.04.2026). Jeder spielt zweimal gegen jeden.
Blübaum sei ja eigentlich "kein sehr starker Spieler" hatte vor einigen Jahren einmal ein Konkurrent verkündet. Der so Gescholtene reagierte mit der für ihn typischen Selbstironie und hat seinen Kanal auf der Streaming-Plattform Twitch nach diesem Spruch benannt. Zur Freude seiner wachsenden Fangemeinde präsentiert der "nicht sehr starke Spieler" dort jetzt regelmäßig seine Partien. Zuletzt konnte er auch immer wieder seine Erfolge gegen die besten Schachprofis der Welt zum Besten geben.
Denn auf dem Weg in das Kandidaten-Turnier hat Blübaum (aktuell Weltranglistenplatz 32) bewiesen, dass er durchaus mit der Weltspitze mithalten kann. Mit einem sensationellen zweiten Platz beim "Grand Swiss"-Turnier im September 2025 verbaute er zum Beispiel Deutschlands Top-Ten-Spieler Vincent Keymer den Weg zur WM-Qualifikation.
Auch bei Blübaums erstem Auftritt vor einigen Wochen beim Turnier in Wjjk aan Zee, dem "Wimbledon des Schachs", spielte der lange unterschätzte Großmeister aus Lemgo im Bundesland Nordrhein-Westfalen oben mit. Gegen Weltmeister Gukesh gelang ihm sogar ein viel beachteter Sieg.
Mathematik-Student statt Schach-Profi
Dieser Höhenflug hat viele in der internationalen Schach-Szene überrascht. Dabei war Matthias Blübaums Talent schon früh aufgefallen. Schachspielen hatte er von seinem Vater gelernt, einem starken Vereinsspieler. "Matthias war von Anfang an sehr fleißig", berichtet Matthias Krallmann, der den jungen Blübaum ab 2005 für zehn Jahre trainierte und weiter eng mit seinem früheren Schützling in Kontakt steht.
Begleitet von Krallmann schaffte es Blübaum als Teenager zwar schnell in die Schach-Bundesliga und die deutsche Nationalmannschaft. Doch anders als zum Beispiel Vincent Keymer, der nach dem Abitur sofort ins Profilager wechselte, entschied sich Blübaum zunächst für ein Mathematik-Studium und spielte Schach eher als Halb-Profi. International blieb er zunächst eher ein unbeschriebenes Blatt.
"Ich finde es gut, wie Blübaum seinen Weg geht“, sagt der norwegische Großmeister Simen Agdestein, der Jugendtrainer des vielleicht größten Schachtalents aller Zeiten: Ex-Weltmeister Magnus Carlsen. "Spitzenschach ist unheimlich anstrengend und da ist es gut, wenn man auch ein Leben jenseits des Schachbretts hat", so Agdestein.
So hat es übrigens auch der Schachspieler Agdestein gemacht. Der Norweger war in den neunziger Jahren nicht nur ein hochklassiger Schach-Großmeister, sondern gleichzeitig auch Fußball-Profi und spielte sogar mehrere Jahre für die Nationalmannschaft seines Landes. Jetzt arbeitet er als Lehrer an einer der Sportschulen des Landes.
Vorbild Norwegen?
Diese Sportschulen gelten als ein Grund dafür, dass Norwegen derzeit nicht nur im Schach, sondern auch in vielen Sportarten sehr erfolgreich ist. Fragt man den erfahrenen Nachwuchstrainer nach dem norwegischen Erfolgsrezept, verweist Agdestein zunächst auf das umfassende Sozial-System, das auch junge Sportler absichere.
Außerdem begann man in Norwegen erst spät mit der sportlichen Spezialisierung und ernsthaften Wettkämpfen. "Viel wichtiger als die technische Ausbildung sind die sozialen Aspekte", findet Agdestein im Gespräch mit der DW. Ob Fußball oder Schach: "Es geht vor allem darum, das passende Umfeld für Sporttalente zu schaffen, in dem sie sich individuell entfalten können."
Das sieht auch Matthias Krallmann so: "Jedes Talent ist anders." Matthias Blübaum sei von Anfang an ein sehr "offener" Schüler gewesen, der die Impulse des Trainers gut aufgenommen habe. Schon früh habe sein Schützling Qualitäten gezeigt, die ihm auch jetzt beim Kampf um die WM sicher helfen werden. "Matthias ist ein unheimlich zäher Verteidiger und sehr nervenstark", so Krallmann.
Stärken, die natürlich auch dem zweimaligen Europameister Blübaum bewusst sind. "Einige Spieler werden verzweifelt Punkte brauchen und versuchen, gegen mich zu gewinnen", vermutet Blübaum im Gespräch mit der DW, "dann werden sie ins Risiko gehen und das kann auch nach hinten los gehen."
Crowdfunding für das Trainer-Team
Doch auf Zypern wird sich Blübaum nicht nur auf seine Verteidigungskünste verlassen. "Bisher habe ich gar keinen Trainer gehabt", erzählt Blübaum. Denn das ist auch eine Frage des Geldes. Die unerwartete Qualifikation für das Kandidaten-Turnier hat jedoch jetzt die finanzielle Ausstattung des deutschen WM-Aspiranten verbessert.
Rund 90.000 Euro Unterstützung sind in den vergangenen Monaten zusammengekommen. Die Mittel kommen unter anderem vom Deutschen Schachbund, es gibt eine staatliche Sonderförderung und auch ein schnell organisiertes Crowdfunding spülte Geld in die Kasse. Genug, um ein kleines Trainer-Team für Zypern aufzubauen. Es geht darum, bestens vorbereitet in die Partien zu starten. Die mit Computer-Hilfe ausgefeilten Eröffnungszüge sind im Profi-Schach entscheidend: "Ich werde auf jeden Fall einige neue Ideen zum Kandidaten-Turnier mitbringen", kündigt Blübaum an.
Gut möglich, dass in Zypern die favorisierten Platzhirsche gegen einen gut präperierten Blübaum einmal mehr ins Grübeln kommen. "Ich bin nicht der Typ, der besonders viel Risiko geht. Ich versuche meist, objektiv korrekt zu spielen", beschreibt Blübaum seine Herangehensweise.
Doch das könnte manchmal auch eine Schwäche von Blübaum sein, findet sein früherer Trainer Krallmann: "Matthias ist halt Mathematiker und manchmal etwas materialistisch im Schach", erzählt der Coach. "Wenn er einen Bauern gewinnen kann und seine Berechnungen keine konkreten Probleme aufzeigen, dann nimmt er den Bauern." Gegen Weltklassespieler könne man so schnell in die Defensive geraten, warnt Krallmann.
Doch Blübaum hat zuletzt gezeigt, dass er auch dem Druck von Top-Spielern standhalten kann. Der Norweger Simen Agdestein glaubt daher, dass der Deutsche mit seiner Spielweise durchaus eine Chance hat: “Im modernen Schachsport sind die Unterschiede zwischen den Spielern so gering, da kann auch Matthias Blübaum Weltmeister werden. Es ist ein wenig wie eine Lotterie!“.