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Auf Schatzsuche in Syrien

30. Oktober 2009

Deutsche Archäologen finden immer wieder spektakuläre Spuren untergegangener Reiche in Hama, Qatna und anderswo. Reporterin Stefanie Markert begleitet Tobias Lösche bei der Schatzsuche im syrischen Wüstensand.

Tobias Lösche mit Team der Ausgrabungen von Shir bei Damaskus (Foto: DW)
Tobias mit Team bei AusgrabungenBild: DW/Markert

„Da ist Käse drin. Das sind Käsecroissants.“ Gut zwei Autostunden nördlich von Damaskus ist schon der Frühstückstisch gedeckt. Seit 6 Uhr früh haben die Archäologiestudentinnen Jana aus Perleberg, Denise aus Pirna und Grabungstechniker Jan aus Schwedt bereits am Fundort Shir bei Hama gearbeitet.

Pause bei den AusgrabungenBild: Dw/Makert

Jetzt ist es 10 Uhr und alle freuen sich auf Tobias’ frische Croissants aus der Hauptstadt. Im Schatten eines weißen Kleintransporters auf einem sogenannten Tell, einem Siedlungshügel mitten in der Pampa, wie Tobias findet, wartet auch auf ihn ein kulinarischer Gruss: „Heringsfilet in Tomatensoße, gibt’s auch in Syrien, ein deutsches Produkt.“

Heringsfilet in der Wüste

Schafherde in ShirBild: DW/Markert

Kauend schweift Tobias’ Blick vom Plateau hinab über den Fluss Sarut in eine weite Ebene. Dann geht’s zur Sache. Jana erklärt die ausgegrabenen Mauerreste: “Wir stehen jetzt in der Mitte zwischen zwei neolithischen Häusern, die sind also beide zwischen 8000 und 8500 Jahre alt. Das eine hatte sechs, das andere sieben Räume. Wir haben große Keramiktöpfe gefunden. Einen kannst Du hier noch sehen. Wir vermuten, dass das Vorratsgefäße waren, zum aufbewahren von trockenen Sachen, Getreide, Linsen.“

Tobias Lösche erfasst den genauen Fundort der StückeBild: DW/Markert

Nun ist Tobias gefragt. Auf drei gelben Metallbeinen steht ein Nivelliergerät, das Denise ihm zeigt. Er soll damit die genaue Höhe über dem Meeresspiegel bestimmen. „Und dann siehst du durch das Ding durch und dann rufst Du einfach die Zahl. – Zwei, sechs, sieben. Kannst du ruhig lauter sagen!“

Ausgrabungen gehen bald in die Winterpause

Helfer präparieren SandsäckeBild: DW/Markert

Gleich nebenan füllen einheimische Arbeiter mit Palästinensertuch um den Kopf mit den Händen kleine schwarze Plastiksäcke. 10.000 Stück werden gebraucht, um die ausgegrabenen Mauern für den Winter abzudecken. Nebenan treibt ein Beduine seine Schafe vor sich her. Knapp am sogenannten Schnitt vorbei, einem neun mal vier Meter großen Grabungsareal. Tobias muss die neue Vokabel erst verinnerlichen.

Jan wird auf Asche aufmerksam und „beprobt“ sie, das heißt, er füllt sie für eine Analyse in eine Plastiktüte. Vielleicht eine verbrannte prähistorische Matte? „Man sollte nicht zu schnell weiter graben, bevor man nicht verstanden hat, was man da ausgräbt.“ Viel Werkzeug wird gebraucht – von jedem etwas: vom Maurer die Kelle, vom HNO-Arzt ein Holzstäbchen, vom Maler verschiedenste Pinsel, vom Straßenfeger ein Besenkopf und Besteck vom Chirurgen. Dann wird es spannend für Tobias: „Man denkt immer, man macht etwas kaputt. Da ist dann eine Scherbe und da geht man mit der Kelle ’ran, oh nein!" - "Stop!", sagt Grabungstechniker Jan. "Da ist – glaube ich - der Fußboden, genau. Da wollten wir hin! Toll!“ Was Tobias weggeschabt hat, wird sorgfältig durchgesiebt. Knochenreste, auch scharfkantige Feuersteine finden sich. Tobias ist stolz. Man stößt nicht alle Tage auf einen neolithischen Fußboden!

Tobias legt 9000 Jahre alten Fußboden freiBild: DW/Markert

„Das wird jetzt hier nicht groß eine Ausstellung ergeben wie Qatna.“ Damit meint Tobias die Museumsschau über Schätze des alten Syrien, die bis März 2010 in Stuttgart läuft. „Es gibt eben auch Sachen, die nicht so aufsehenerregend sind und die trotzdem Spaß machen. Wenn man sieht, ja, das ist jetzt Fußboden, da waren noch drei Fußböden drüber. Und wenn man das selber erkennen kann, ist das schon ’ne tolle Erfahrung.“

Gut gemacht!

Beim Scherben waschenBild: DW/Markert

Bereitwillig setzt sich Tobias noch unter einen bunten Sonnenschirm zu den Scherbenwäschern mit ihren roten Schüsseln. Dann heißt es Abschiednehmen. Doch erstmal gibt’s Lob für den Neuling: „Was ist denn das?" - "Das hat Tobias ausgebuddelt!" - "Nicht schlecht fürs erste Mal. Gut Tobias, dann mach’s mal gut!" - "Bis zum nächsten Mal. Tschüß. War cool!“

Tobias Lösche in QatnaBild: DW/Markert

Doch bevor es zurück nach Damaskus geht, macht Tobias noch einen Abstecher nach Qatna. Die versunkene Königsstadt liegt knapp 60 Kilometer südöstlich des Fundorts Shir. Arbeiter klopfen Nägel in Pfähle ein und sichern die Ausgrabung mit einem Zaun. Tobias besteigt über eine Rampe den Königspalast.

Erfolgserlebnisse

Ausgrabungsstätten in QatnaBild: DW/Markert

Der Palast ist mit einem Gemisch aus roter Erde, Stroh und Wasser versiegelt. Plötzlich entdeckt Tobias eine Treppe. Sie führt tief nach unten. In den Palastkatakomben haben deutsche Archäologen vor einigen Jahren ungeplünderte Grabkammern gefunden. Die wertvollen Grabbeigaben sind jetzt in Stuttgart zu sehen. Hätte Tobias lieber hier gebuddelt? Salomonisch sagt er: „Es kommt, glaube ich, nicht darauf an, wo man gräbt. Natürlich ist dieser Königspalast etwas ganz besonderes. Doch egal, was man findet, auch wenn es nur ein Knochen ist, es ist immer ein persönliches Erfolgserlebnis.“

Graben in der Vergangenheit, den eigenen Horizont erweitern, andere Kulturen kennenlernen – für Tobias ist der Syrien-Aufenthalt auf jeden Fall ein voller Erfolg.

Autorin: Stefanie Markert
Redaktion: Birgit Görtz