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Außergewöhnliche Perspektiven: Die Londoner Toiletten-Tour

Fiona Clampin, London (glh)16. August 2015

London erwartet im Jahr 2015 rund 32 Millionen Touristen aus dem In-und Ausland. Sie alle wollen die britische Hauptstadt auf ihre eigene Art und Weise erkunden. Also warum nicht mal von unten anfangen?

Lucy Whitton mit Pömpel (Foto: DW/Fiona Clampin)
Bild: DW/F. Clampin

Ordentlich aufgereiht steht eine Gruppe Touristen in einem engen Treppenhaus einer Londoner Kneipe. Zum Bier trinken sind sie allerdings nicht hier: Sie sind gekommen, um sich die ganz besonderen Frauentoiletten anzuschauen. Heute führt sie Tourguide Lucy Whitton durch eine Welt, die sich viele Touristen wohl selten genauer anschauen. Im Keller angekommen übergibt sie an einen Mitarbeiter der Kneipe.

"Willkommen im Knights Templar, mein Name ist Will", sagt er. Er öffnet die Türen und ein bewunderndes Raunen geht durch die Gruppe. In einem langen Raum, der mit marmornen Fliesen ausgelegt ist, sehen sie nun die Kneipen-Toiletten. An den Wänden hängen Spiegel, sie lassen den Raum noch größer erscheinen als er eigentlich ist.

"In den 1990er Jahren befand sich in diesem Gebäude noch eine Bank", erzählt Kneipen-Mitarbeiter Will: "Wir gehen deswegen davon aus, dass die Räume, in denen sich heute unsere Damentoiletten befinden, einmal als Tresorkammern genutzt wurden." Viele Besucher kämen nur in die Kneipe, um sich die Toiletten anzuschauen, fährt Will fort: "Manchmal kaufen sie aus Höflichkeit auch ein oder zwei Getränke. Aber ich glaube viele kommen wirklich nur wegen unserer Klos."

Von der Hochkultur in die Tiefen…

Rachel Erickson ist die Erfinderin der "Loo Tours" (Deutsch: Klo-Touren). Als die US-Amerikanerin vor rund drei Jahren zum Studieren nach Großbritannien kam, hatte sie die Idee. "Als ich das erste Mal in London war, wusste ich selbst nicht viel mehr über die Stadt als ein normaler Tourist. Als Nicht-Londonerin war ich begeistert von der Geschichte und der Kultur Londons. Ich habe also unzählige Touren mitgemacht", sagt Rachel Erickson. Schnell kam ihr die Idee, selbst Touristentouren anzubieten.

Rachel Erickson (Mitte) hatte die Idee für die "Loo Tours"Bild: Pixavida Ltd & London Loo Tour

"Ich wollte eigentlich eine Shakespeare-Tour machen, da das eine meiner großen Leidenschaften war", so Erickson. Doch je mehr sie sich mit Freunden und anderen Leuten unterhielt, desto mehr wurde ihr bewusst, dass sie eine kleine Besessenheit in ihrer Londoner Zeit entwickelt hatte. Da sie als Studentin stets nur wenig Geld zur Verfügung hatte, wusste sie immer, wo man gratis zur Toilette gehen konnte. "Ich wollte ja nicht 50 Cent für einen Klogang ausgeben, dafür konnte ich mir einen Schokoriegel kaufen." Ihre Touren begannen also eher als "Wo kann ich in London gratis zur Toilette gehen"-Touren und entwickelten sich immer weiter bis zu den historischen Toilettentouren, die sie heute sind - und in die sie natürlich weiterhin ab und zu Tipps zu kostengünstigen Toilettengängen einwirft.

Aus dem Klo wurde eine Wohnung

Die "Loo Tour" geht weiter und ist nun am berühmten Trafalgar Square mitten im Londoner Zentrum angekommen. Man hört Kirchenglocken läuten und tatsächlich, Lucy Whitton führt die Gruppe zur St. Martin-in-the-Fields Kirche. "St. Martin ist der Schutzheilige dieser Kirche, deren Türen immer geöffnet sind", erzählt Lucy Whitton: "Deswegen darf man hier auch die Toiletten umsonst nutzen."

London ist nicht die einzige Stadt in Europa, in der man eine Tour durch öffentliche Toiletten machen kann. Doch es war die britische Hauptstadt London, in der es im Jahr 1851 die erste öffentliche Toilette mit Spülung gab. Die britische Toilettengesellschaft (Britisch Toilet Association) schätzt, dass allein im letzten Jahrzehnt fast die Hälfte aller öffentlichen Toiletten geschlossen wurde.

Mit dem Pömpel durch London: Lucy Whitton (links) mag ihren JobBild: Pixavida Ltd & London Loo Tour

Bei den extrem steigenden Immobilienkosten in der Stadt wurden manche Toiletten fantasievoll umfunktioniert. "Viele der öffentlichen Toiletten von damals sind heute Bars oder Cafes. Eine Toilette wurde sogar in eine Wohnung umgebaut", erzählt Tourguide Whitton: "Aber das bedeutet auch, dass es umso wichtiger ist, dass wir die Orte kennen, an denen wir uns kostenlos erleichtern können."

Lernen, über Toiletten zu reden

Doch nicht nur darum soll es heute gehen. Das Thema habe auch eine ernste Seite, betont Tourguide Lucy Whitton: "Zurzeit leben rund 2,6 Milliarden Menschen ohne Zugang zu sanitären Einrichtungen." Über den Toilettengang und alles, was sich darum dreht, rede man in unserer Gesellschaft nicht gerne, so Lucy Whitton. Doch es sei ein wichtiges Thema, um das man sich Gedanken machen sollte.

"Es ist interessant wie sich die Leute im Laufe der Loo Tour verändern. Am Anfang fangen alle noch jedes Mal an zu lachen, wenn ich Wörter wie Stuhlgang sage. Am Ende der Tour haben sich alle aber schon daran gewöhnt", so Whitton. Und dieser ungezwungene Umgang mit dem Thema sei auch wichtig: "Wenn wir hier im Westen mit unseren schönen, sauberen und glänzenden Toiletten problemlos über das Thema sprechen können, können wir auch denen helfen, die keinen Zugang zu solchen sanitären Einrichtungen haben, in Entwicklungsländern beispielsweise."

Die Gründe, aus denen die Touristen an der heutigen Tour von Lucy Whitton teilnehmen, sind verschieden: Manche finden das Thema einfach nur komisch oder wollen eine besondere Seite an der britischen Hauptstadt kennenlernen. "Ich verbringe halt viel Zeit auf der Toilette", sagt ein anderer Tourist lachend.

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