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Aufnahme von Flüchtlingen in Kommunen: "Nicht mehr am Limit“

13. November 2025

Eine Umfrage bei Städten und Gemeinden in Deutschland zeigt: Trotz einer leicht entspannteren Lage bleibt die Unterbringung von Geflüchteten eine große Herausforderung.

Erwachsene und Kinder mit Rucksäcken und Koffern
Flüchtlinge kommen in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen an, bevor sie auf die Kommunen verteilt werdenBild: Boris Roessler/dpa/picture alliance

Vor ziemlich genau zwei Jahren schlug der Deutsche Städte- und Gemeindebund Alarm: Die Kommunen hätten wegen des starken Zuzugs von Geflüchteten die Belastungsgrenze erreicht, eine Begrenzung der Migration müsse her. Vor allem wegen der Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine stünden in vielen Kommunen schlichtweg keine Unterbringungsmöglichkeiten mehr zur Verfügung. Die Überlastung der Städte und Gemeinden bei der Flüchtlingsaufnahme ist seitdem in Deutschland ein politischer Dauerbrenner, "Notfallmodus" eine sehr häufig gebrauchte Zustandsbeschreibung.

Eine Umfrage unter knapp 900 Kommunen gibt jetzt zumindest leichte Entwarnung. Boris Kühn von der Forschungsgruppe Migrationspolitik der Universität Hildesheim: "Der Anteil der Kommunen, die sich im Notfallmodus sehen und sich als überbelastet bezeichnen, ist sichtbar auf elf Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig sagen aber weiterhin mehr als 70 Prozent der Kommunen, die Lage sei herausfordernd. Es wäre jetzt also auch nicht richtig, von einer flächendeckend entspannten Lage zu sprechen."

Zahl der Asylanträge in Deutschland sinkt

Herausfordernd ja, aber noch machbar. Das hat vor allem mit den gesunkenen Flüchtlingszahlen zu tun: Seit Herbst 2023 ist die Zahl der Menschen, die in Deutschland einen Asylantrag stellen, deutlich gesunken. 330.000 Asylanträge wurden 2023 gestellt, ein Jahr später waren es nur noch 230.000 Erstanträge.

Und 2025 gingen die Zahlen weiter herunter, rund 97.000 Menschen stellten erstmalig beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge einen Antrag auf Schutz. "Knapp 50 Prozent der Kommunen sagen, die Unterbringungssituation habe sich im vergangenen Jahr verbessert, das ist eine ähnliche Entwicklung über alle Bundesländer", so Kühn. 

"Dringend erforderliche Atempause" für die Kommunen

Klaus Ritgen vom Deutschen Landkreistag sieht aber trotzdem keinen Grund, sich zurückzulehnen. In den vergangenen zehn Jahren seien insgesamt mehr als vier Millionen Menschen nach Deutschland geflüchtet: 1,3 Millionen Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine, plus Schutzsuchende aus anderen Ländern. Viele von ihnen ohne eine wirtschaftliche Perspektive, Unterkunft und Job und mit einem besonders hohen Bedarf an Betreuung. Aus der Studie den Rückschluss zu ziehen, auf kommunaler Ebene sei nun alles gut, sei falsch.

"Wenn man von einer Entspannung sprechen will, dürfte die Kategorie 'herausfordernd' gar nicht mehr vorkommen. Die sinkenden Flüchtlingszahlen verschaffen den Kommunen zunächst einmal eine dringend erforderliche Atempause." Es sei ein absoluter Trugschluss, aus den Ergebnissen der Umfrage zu schließen, dass die Kommunen jetzt wieder aufnahmebereit für eine neue, größere Zahl von Flüchtlingen seien, so Ritgen. "Nach unserer Wahrnehmung ist die Grenze der Aufnahme- und auch Integrationsfähigkeit erreicht."

Vor allem Ausländerbehörden stark überlastet

Ein großes Problem bleibt, dass die sowieso schon sehr klammen Kommunen in Deutschland nicht ausreichend von Bund und Ländern mit finanziellen Mitteln für die Integration von Geflüchteten unterstützt werden: 170 Milliarden Euro beträgt die kommunale Verschuldung laut Statistischem Bundesamt für 2024. Eine Landkreisverwaltung in Rheinland-Pfalz antwortete in der Studie: "Die Kommunen müssen viele Aufgaben im eigenen Haushalt abbilden, somit werden freiwillige Leistungen, die jedoch für die Integration der Menschen erforderlich sind, gestrichen."

Zudem bleibt vor allem die finanzielle und personelle Ausstattung der Ausländerbehörden ein riesiges Problem: "60 Prozent der Großstädte sagen, unsere Ausländerbehörden sind im Notfallmodus, und das betrifft dann eben auch entsprechend viele Menschen", berichtet Migrationsexperte Boris Kühn. Dagegen sei die Entwicklung bei den Kindertagesstätten erfreulich. "Da hatten bei der letzten Befragung noch 44 Prozent der Kommunen gesagt, wir sehen uns hier als überlastet und im Notfallmodus an. Jetzt sind es nur noch knapp über 20 Prozent."

1700 Ukrainer in Düsseldorf noch ohne eigene Wohnung

Wenn jemand erzählen kann, wie Kommunen die Integration von Geflüchteten in den vergangenen zehn Jahren gemeistert haben, dann ist das Miriam Koch. Sie war die erste Flüchtlingsbeauftragte der Stadt Düsseldorf, übernahm dann das Amt für Migration und Integration der Stadt und ist seit 2022 Dezernentin für Kultur und Integration. Die größte Herausforderung in den vergangenen Jahren bis heute: der starke Zuzug von Ukrainerinnen und Ukrainern in die Stadt mit der größten ukrainischen Community in Nordrhein-Westfalen.

Koch sagt der DW, Düsseldorf sei zwar nicht im Krisenmodus, aber: "2022 haben wir tatsächlich innerhalb von sechs Monaten genauso viele Menschen aus der Ukraine aufgenommen, wie damals in den Jahren 2015, 2016 bis 2017 aus allen anderen Herkunftsländern. Mit Unterbringungen in Hotels, weil diese aufgrund der Auswirkungen der Pandemie noch gar nicht wieder richtig in Betrieb waren. 1700 Personen aus der Ukraine haben im Moment noch keine eigene Wohnung gefunden und werden von uns untergebracht."

"Derzeit ist die Versorgung von obdach- und wohnungslosen Menschen bei uns ein großes Thema " - Miriam KochBild: Dominic Heidl Fotografie

Dezentrale Unterbringung als Erfolgsrezept bei der Integration

Düsseldorf könne immer noch auf ein breites gesellschaftliches Bündnis aus Schützen- und Heimatvereinen, Kirchen und Wohlfahrtsverbänden bei der Integration von Flüchtlingen zurückgreifen, das sich 2015 gebildet hatte, berichtet Koch - wie zum Beispiel mit ehrenamtlichen Sprachkursen. Eine Lehre aus der damaligen Zeit: Sie würde nie wieder Traglufthallen aufbauen, Düsseldorf setzt konsequent auf eine dezentrale Unterbringung von Geflüchteten. Koch appelliert, es brauche mehr faktenbasierte Diskussionen um das Thema Integration von Flüchtlingen.

"Das gesellschaftliche Klima hat immer große Auswirkungen auf die Integration. Mich ärgert es, wenn ich in den Nachrichten vom Mangel an Fachkräften höre und die nächste Meldung dann aber lautet, dass man die irreguläre Migration als das Problem unserer Zeit definiert." Es gelte, sowohl den Menschen, die schon hier seien, den Weg zur Integration zu ermöglichen, als auch attraktiver für Menschen zu sein, die noch kommen wollen. "Und da läuft im Moment wirklich etwas sehr, sehr paradox."

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