Aufrüstung in Europa: Wege aus der Abhängigkeit von den USA
9. Juli 2026
Europa ist für seine Aufrüstung weiterhin auf US-Waffen angewiesen. Das hat der NATO-Gipfel in Ankara gezeigt, zu dem auch ein hochrangiges Forum der Rüstungsindustrie, der Defence Industry gehörte. Vor allem US-Unternehmen konnte sich hier über lukrative Aufträge freuen.
Doch bei den für die europäische Verteidigung so wichtigen Raketen, sollen Produktion oder Wartung zumindest teilweise nach Europa geholt werden. Lockheed Martin und Rheinmetall haben dazu bereits eine Absichtserklärung für die ATACMS-Koproduktion in Deutschland unterzeichnet. Die Bestände sollen wachsen, ohne Washington industriepolitisch vor den Kopf zu stoßen. Langfristig setzt Europa aber auf größere Unabhängigkeit.
Europäische Luftverteidigung: Die Patriot-Frage Europas
Kaum ein Waffensystem symbolisiert die Abhängigkeit europäischer NATO-Staaten von den USA so sehr wie die Patriots. Das US-amerikanische Flugabwehrsystem schützt in der Ukraine strategisch wichtige Ziele und ist auch in vielen NATO-Staaten seit Jahrzehnten im Einsatz.
Die europäische Antwort auf diese Abhängigkeit besteht nicht in einem einzigen System. In der oberen Verteidigungsschicht, in der Bedrohungen in großen Höhen abgefangen werden, soll sich SAMP/T NG aus Frankreich und Italien zu einer europäischen Alternative zu Patriot entwickeln. Die modernisierte Variante soll mit neuen Sensoren und Flugkörpern auch ballistische Raketen bekämpfen können. Erste Einheiten der modernisierten Version sollen 2027 ausgeliefert werden.
Die mittlere Abwehrreichweite soll unter anderem das deutsche IRIS-T-System von Diehl abdecken, das bereits in der Ukraine zum Einsatz kommt und dort mit einer Reichweite von bis zu 40 und einer Höhe von bis zu 20 Kilometern operiert. Die größere Variante IRIS-T SLX soll ab 2029 ausgeliefert werden und besitzt eine Reichweite von rund 80 Kilometern bei einer Höhe von circa 30 Kilometern.
Kurzfristig kann Europa die Patriots nicht ersetzen, aber langfristig will der Kontinent seinen Luftraum mit eigenen Systemen besser vor Russland schützen.
ELSA: Europas Antwort auf die Reichweitenlücke
Im Konfliktfall geht es jedoch nicht nur um Verteidigung, sondern auch um Angriffsfähigkeiten. Wenn europäische Militärs tiefe Präzisionsschläge hinter feindlichen Linien planen, dominieren derzeit vor allem US-amerikanische Systeme wie die Marschflugkörper vom Typ Tomahawk.
Wie beim NATO-Gipfel in Ankara in dieser Woche deutlich wurde, setzt Deutschland kurzfristig genau auf diese Lösung. Die Bundesregierung hat mit Washington eine Absichtserklärung zum Kauf von Tomahawk-Marschflugkörpern und bodengestützten Typhoon-Startsystemen eingefädelt. Damit soll eine strategische Reichweitenlücke gegenüber Russland geschlossen werden. Zugleich zeigt der Deal aber auch das Grundproblem europäischer Verteidigungspolitik: Die dringend benötigte Fähigkeit kommt zunächst aus den USA, während eigene europäische Systeme erst noch entwickelt werden müssen.
Mit dem Programm ELSA (European Long-Range Strike Approach) wollen sechs europäische Schwergewichte - darunter Frankreich, Deutschland und Großbritannien - nun ein industrielles Gegengewicht schaffen. Aktuell ist ELSA noch ein politisch-industrieller Kooperationsrahmen, der am Ende in den Bau handfester Hardware münden soll. Dazu zählen neben dem "Euro Multi Missile Launcher" auch ein Mix aus hochkomplexen Marschflugkörpern sowie günstigeren Langstrecken-Drohnen mit einer Reichweite von 500 bis 2000 Kilometern.
Während die Beschaffung von Übergangslösungen bereits läuft, soll die tatsächliche Unabhängigkeit durch neu entwickelte europäische Systeme erst im kommenden Jahrzehnt (frühe 2030er Jahre) auf dem Schlachtfeld erreicht werden.
Doch die Munition ist in diesem Bereich nur die halbe Miete. Die wahre Abhängigkeit von Washington liegt in der Zielerfassung, der sogenannten "Kill Chain". Ohne ein autarkes, gemeinsames Netzwerk aus Sensoren, Satellitenaufklärung und Führungsstrukturen können auch europäische Raketen ihr Ziel nicht im Alleingang finden.
DECODER: Europas Drohnen-Lektion
Im Ukraine-Krieg werden Drohnen in einem bisher unerreichten Ausmaß eingesetzt. Sie prägen das Bild der Front und der Angriffe tief im Hinterland. Genau hier setzt das "Drone and Counter-Drone European Resolve"-Programm (DECODER) an. Das EU-Programm soll die Streitkräfte der EU mit Drohnen und Anti-Drohnen-Systemen ausstatten und zugleich die europäische Industrie unabhängiger von US-Entwicklungen machen.
In der Entwicklung geschieht aktuell allerdings vieles auf nationaler Ebene. Auch in Deutschland profitieren Drohnen-Start-ups und Rüstungsunternehmen vom Ukrainekrieg und neuen Aufträgen der Bundeswehr. Mit DECODER könnten diese Entwicklung auf europäischer Ebene gebündelt werden. Aktuell sind 26 EU-Staaten, dazu Norwegen und die Ukraine beteiligt. Gerade die Einbindung Kyjiws gilt angesichts der jahrelangen Einsatzerfahrung als entscheidend.
Die EU-Kommission schätzt den Investitionsbedarf bis 2033 auf 3,5 bis 5 Milliarden Euro. DECODER ist allerdings kein fertiges Entwicklungsprogramm, sondern ein Rahmen, der politisch und industriell noch mit Leben gefüllt werden muss.
IRIS²: Sichere Satellitenkommunikation
Die Bedeutung von Starlink auf den Schlachtfeldern in der Ukraine hat die Europäer wachgerüttelt. Mit IRIS² will die EU einen eigenen, von den USA unabhängigen Satelliten-Dienst betreiben. Erste Verträge für den Aufbau der Satellitenkonstellation sind bereits unterschrieben. Bis zu 290 Satelliten sollen nicht nur die sichere Kommunikation zwischen Regierungsstellen ermöglichen, sondern auch bei der Verteidigung zum Einsatz kommen. Das mehr als zehn Milliarden Euro teure Projekt soll zwischen 2029 und 2030 aufgebaut werden und ab 2030 einsatzbereit sein.
Saab GlobalEye: Mit schwedischer Schlüsseltechnologie
Bevor Kampfjets starten oder Raketen abgefeuert werden, muss Europa wissen, was sich am Himmel, auf See und am Boden bewegt. Zu diesem Zweck betreibt die NATO - stationiert in Geilenkirchen bei Aachen - 14 AWACS-Maschinen auf Basis der US-amerikanischen Boeing 707.
Die nächste Generation des fliegenden Radarsystems AWACS soll nun nicht mehr auf einem US-Muster (Boeing) beruhen. Beim NATO-Gipfel in Ankara hat die NATO angekündigt, formelle Verhandlungen mit Saab über bis zu zehn GlobalEye-Frühwarnflugzeuge aufzunehmen. Ein Vertrag mit den Schweden ist noch nicht unterschrieben, aber bei zügigem Abschluss könnten die ersten Maschinen ab 2030 geliefert werden.
FCAS: Der geplatzte deutsch-französische Traum
In den vergangenen Jahren haben sich zahlreiche europäische Staaten für das aktuell modernste westliche Kampfflugzeug entschieden: die amerikanischen F-35 der fünften Generation. Diese Kampfjets sind hochmodern, aber auch ein Symbol für die technologische Abhängigkeit von Washington.
FCAS, in Frankreich SCAF genannt, sollte die europäische Antwort darauf werden. Mit dem ersten Kampfjet der sechsten Generation sollte ein vernetztes System aus bemanntem Jet, Begleitdrohnen, Sensoren, Datencloud und neuen Waffen entstehen. Beteiligt waren Frankreich, Deutschland und Spanien mit den beiden Hauptunternehmen Dassault und Airbus. Doch der Kern des Projekts, der gemeinsame Kampfjet der nächsten Generation, ist nach jahrelangem Streit vor wenigen Wochen gescheitert.
Die Regierungen in Berlin und Paris konnten den unternehmerischen Konflikt zwischen Dassault und Airbus über Führung, Arbeitsteilung und Schlüsseltechnologien nicht lösen. Für die Autonomie Europas in Rüstungsfragen ist das ein schwerer Rückschlag. Wo die Abhängigkeit von US-Technologie besonders deutlich wird, ist Europas größtes Rüstungsprojekt an nationalen und industriellen Interessen gescheitert.