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Aus den Klöstern in die Charts

Marita Berg16. August 2013

Ein mittelalterlicher Musikstil erfreut sich seit drei Jahrzehnten großer Beliebtheit: die Gregorianik. Doch für die Pop-Neuschöpfungen können sich Kirchenmusiker wenig begeistern.

Stefan Klöckner und das Ensemble Vox werdensis - Foto: Marita Berg, Copyright: DW Foto: Klaus Dahmann 18.6.2013
Bild: DW

Wenn Stefan Klöckner seine Studenten begrüßt, stimmt er gerne erst einmal "Pacem meam do vobis" - "Meinen Frieden geb' ich euch" - an. Gregorianik ist sein Fachgebiet, und seine Workshops sind von Jahr zu Jahr schneller ausgebucht. "Wir mussten sogar schon Bewerbern absagen, weil die Nachfrage nach den Workshops immer größer wird", sagt er. Die Teilnehmer sind Musikstudenten, angehende Theologen, Ordensangehörige, Kirchenmusiker - und kommen aus halb Europa zur Folkwanghochschule in Essen, um Theorie und Praxis des gregorianischen Chorals zu studieren.

Jüdische Wurzeln

Benannt ist die Musik nach Papst Gregor I., der in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts lebte. Tatsächlich ist der gregorianische Choral wesentlich älter. Seine Ursprünge gehen zurück auf jüdische Traditionen. Papst Gregor soll allerdings damit begonnen haben, die mündlich tradierten synagogalen Gesänge in lateinischer Sprache zu sammeln.

Erster Sammler synagogaler Gesänge: Papst Gregor I.Bild: picture alliance/akg-images

Überlieferte Handschriften sind wesentlich später entstanden. Erst ab dem 9. Jahrhundert wurden die Melodien schriftlich festgehalten, in Form sogenannter Neumen, Vorläufern der heutigen Noten. Diese Codices sind die ältesten Aufzeichnungen abendländischer Musik überhaupt.

Gregorianik-Boom

Bis heute hat der Gregorianische Choral nichts von seiner spirituellen Kraft eingebüßt. Jahrhunderte lang in Klausur hinter dicken Klostermauern praktiziert, erfahren diese schlichten aber eindringlich wirkenden Melodien heute wieder große Popularität. Sie faszinieren sogar Menschen, die mit Kirche und Religion sonst nichts oder wenig zu tun haben.

Ein regelrechter Boom setzte vor rund 30 Jahren mit der Verfilmung von Umberto Ecos Kloster-Krimi “Der Name der Rose“ ein, dessen Soundtrack ausschließlich aus gregorianischer Musik besteht. In den folgenden Jahrzehnten verwendeten zahlreiche Filmemacher verschiedener Genres - vor allem Fantasy und Science Fiction - diesen Musikstil, so zum Beispiel Peter Jackson in der "Herr der Ringe"-Trilogie und George Lucas für seine "Star Wars"-Filme.

Gregorianische Gesänge wurden in notenähnlichen Neumen aufgeschriebenBild: Nikolaus Rösler

Gesungene Stille

Parallel dazu erobert seit Anfang der 1990er Jahre auch "Gregorianik-Pop" mit Gruppen wie "Enigma“ oder "Gregorian" die Charts, aufgepeppt mit mystisch wirkenden Synthesizer-Klängen. Sogar Subkulturen wie die Gothic-Scene haben die Gregorianik für sich entdeckt. Und der Boom geht weiter: 2008 sangen sich Zisterzienser-Mönche von Stift Heiligenkreuz bei Wien mit Gregorianik in die Pop-Charts – und wurden gefeiert wie eine angesagte "Boy-Group". Zwei Jahre später gelang den Benediktinerinnen von Notre-Dame de l'Annonciation in Avignon ein ähnlicher Erfolg.

Machte die Gregorianik populär: die Verfilmung des Romans "Der Name der Rose" mit Sean ConneryBild: picture-alliance/dpa

Die größte Fangruppe dieser neuen Gregorianik-Welle bilden Jugendliche, wie sich auch aus Online-Kommentaren der Käufer ablesen lässt. So schreibt eine 15-Jährige: "Die Musik ist so wunderschön. Ich weiß nichts über Gott, aber Katholiken machen so wunderbare Musik, da kann ich mich nach der Schule einfach fallenlassen und irgendwie 'runterkommen!" Jugendlichen tauchen ab in eine für sie geheimnisvolle Welt. In der heutigen schnelllebigen Zeit suchen sie gesungene Stille.

"Spülung für die Ohren"

Oliver Sperling, Leiter des Mädchenchors der DomMusik in Köln, kennt diese Begeisterung auch von seinen jugendlichen Sängerinnen: "Für die Jugendlichen liegt der Reiz der Gregorianik in der Eindimensionalität dieser merkwürdig fremd klingenden Melodien."

Chart-Stürmer mit gregorianischen Chorälen: die österreichischen Zisterzienser-MöncheBild: picture-alliance/dpa

Ähnliches stellt auch Stefan Klöckner fest: "Viele benutzen den gregorianischen Choral quasi als Beruhigungsmittel, als eine Art Fluchtmittel aus dem Alltag. Ich selbst habe den gregorianischen Gesang auch schon als 'Spülung für die Ohren' bezeichnet, weil er tatsächlich unglaublich gut tut."

Zukunftsweisende Musik?

Die heutige Zeit, sagt er, sei sehr anfällig für die mystischen Klänge der Gregorianik. Darin liegt seiner Meinung nach auch eine Gefahr. Denn durch die Reduzierung dieser Musik auf das Mystische bleibe die religiöse und liturgische Bedeutung der Gregorianik auf der Strecke: "Wir dürfen dabei nie vergessen, dass der gregorianische Choral in erster Linie erklingendes Wort der Heiligen Schrift ist. Wollen wir Gregorianik begreifen, dann geht das nur über die Bibel.“

Stefan Klöckner: "Gregorianik ist kein Auslaufmodell"Bild: Dominik Schneider

Nichtsdestotrotz sei die Gregorianik, so Klöckner, kein Auslaufmodell: "Die Gesänge werden heute wieder gerne im Gottesdienst gesungen. Und viele, vor allem junge Kirchenmusiker sehen tatsächlich in der Gregorianik ein Modell für die Zukunft der Kirchenmusik."

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